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Geschichte und Gedächtnis in der Literatur vom 18. bis 21. Jahrhundert

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Edited By Janusz Golec and Irmela von der Lühe

Der Band versammelt Beiträge eines polnisch-deutschen Symposiums, das in Texten vom 18. bis 21. Jahrhundert nach Bedingungen und Mustern literarischer Erinnerungsarbeit gefragt hat. Im Zentrum steht der Begriff des Erinnerungsortes, mit dessen Hilfe versunkene Landschaften und zerstörte Kulturräume (Litauen, Ostpreußen, Galizien, Schlesien), vor allem aber tabuisierte und verdrängte Erinnerungen (Holocaust, Porrajmos, Flucht, Vertreibung) beschreibbar werden.

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II Das Gedächtnis und die Erinnerungsdiskurse der Literatur

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143 Giftige Poesie. Hugo Balls Sonett „Der Schizophrene“ (1923/24) von Yvonne Wübben 1923/24 – ein Jahr nach dem Erscheinen der Prinzhorn-Sammlung – beginnt Hugo Ball die Arbeit an einen Gedicht-Zyklus, der den Titel „Schizophrene Sonette“ trägt. Er versammelt darin verschiedene Rollen- und Figurengedichte, unter anderem einen Text, der mit „Der Schizophrene“ überschrieben ist.1 Der Zyklus gilt als einer der ersten literarischen Sammlungen, die das Wort ‚schizo- phren„ explizit im Titel führen. Ball greift damit einen Krankheitsnamen auf, den der Züricher Psychiater Eugen Bleuler ungefähr zehn Jahre zuvor in die psychiatrische Fachdiskussion eingeführt hatte.2 Das Gedicht wirft mithin die Frage auf, was die Schizophrenie für die Literatur interessant gemacht hat. In der öffentlichen Diskussion wurde unter schizophren zunächst „gespaltener Geist“ verstanden. „Spaltungsirresein“ war eine weitere Übertragung, die nicht minder einflussreich wurde und sich auch außerhalb des psychiatrischen Feldes schnell verbreitete. „Spalthirnigkeit“ nannte Gottfried Benn die Schizophrenie 1930 und er spielte damit auf eine mögliche somatogene bzw. hirnorganische Ursache an.3 Als Spaltung der Persönlichkeit oder des Geists wurde die Schizo- phrenie zur Signatur einer ganzen Epoche und zu einem Synonym für das ge- spaltene Ich. T.S. Eliot sprach 1933 vom „double I“ und zog Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde als literarisches Beispiel für eine schizophrene Identitäts- störung heran. Eric Santner deutete im Blick auf den Fall Schreber den Verlust der personalen Einheit als kulturelles Symptom,4 das auf die Ausdifferenzierung von spezifischen Leistungs- und Klientenrollen zurückzuführen...

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