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Gegenseitige Verfremdungen

Theater als kritischer Erfahrungsraum im Stoffwechsel zwischen Bühne und Musik

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Tore Vagn Lid

Die Möglichkeit des Theaters als Raum für kritische Erfahrungen geht über die Erweiterung des Theaters als musikalischen Erfahrungsraum, d.h. als ein musikalisch gedachtes und strukturiertes Theater, hinaus. Damit vereint sich in diesem Buch die Frage nach Kritik und Musik in einem Begriff von Musikdramaturgie, der hier über seine traditionellen Konnotationen erweitert wird. Auf der Suche nach den Möglichkeiten eines zeitgenössischen Musiktheaters dringt der Autor hinter die oftmals vagen Begriffe und Praxisformen von postmodernem «Recycling» und «Crossover» vor. Die zentrale Frage nach der «Brauchbarkeit Brechts» anhand Brechts und Eislers Die Maßnahme stellt einen Versuch dar, einen besonderen Impuls für das heutige Theater produktiv zu rekonstruieren. Mittels Kritik an Adornos «absoluter Musik» auf der einen und Stanislawskis «absolutem Theater» auf der anderen Seite, wird eine Erklärung in der Ablagerung zweier institutioneller Schwerkräfte gesucht.

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Teil III Produktive Möglichkeiten einer erweiterten Musikdramaturgie 244

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244 TEIL III: PRODUKTIVE MÖGLICHKEITEN EINER ERWEITERTEN MUSIKDRAMATURGIE Eine Aussicht für die moderne Musik eröffnet meiner Meinung nach außer dem epischen Theater das Lehrstück. (Brecht)464 Kapitel 1 Ausnahme Maßnahme: Musikdramaturgische Stra- tegien und methodologische Implikationen der „Maßnahme“ Der Chor ist krank. Pestkrank. In gewissem Sinne sind das alle Choreinsätze der an- tiken Tragödie. […]das bürgerliche Theater [hat] für die Masse keine Verwendung, sie überhaupt nicht definieren kann[…] (Einar Schleef) 465 1.1 Einleitung: Vom „epischen Theater” zum „Lehrstück” Der Triumpf mit der „Dreigroschenoper” 1928 hatte für den jungen Dramatiker und Regisseur Bertolt Brecht einen beunruhigenden Beigeschmack: Der Wunsch, eine neue politische Bühnenkunst zu schaffen, einen radikalen Angriff auf ein bürgerliches Festpublikum, das laut Brecht die (schlechte) Angewohn- heit hatte, ‚das Hirn zusammen mit dem Hut an der Garderobe abzugeben‘, en- dete in einem kulinarischen Genuss: als „gefundenes Fressen“ eben für ein sol- ches Publikum. In der Idee vom ‚Lehrstück‘, von Brecht und dem Komponisten Paul Hindemith auf dem Festival für Gegenwartsmusik in Baden-Baden 1929 lanciert466, lag bereits das Modell einer Überwindung der institutionellen Prob- leme der „Dreigroschenoper”s. Mit dem Wort „Lehrstücke” als bewusster Pro- vokation gegenüber einem romantischen Kunsterbe, spitzte Brecht hier seine Auffassung von Theater als Diskussion, nicht Repräsentation zu, als soziolo- gisch, nicht naturalistisch. Dramaturgisch liegt hierin eine andere Ausrichtung 464 „Über die Verwendung von Musik für ein episches Theater“ 1935, (Brecht, Gesam- melte Werke...

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