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Ekstase im Kontext

Mittelalterliche und neuere Diskurse einer Entgrenzungserfahrung

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Christa Tuczay

Ekstase ist eine in allen Phasen der europäischen und außereuropäischen Geschichte bis zur Gegenwart vielfach belegte Erscheinung. Neuzeitliche Wissenschaften haben das Phänomen mit der je eigenen Methode zu ergründen gesucht, doch war es bereits Spekulationsfeld der mittelalterlichen Gelehrten. Im Zentrum der Untersuchung steht das Verhältnis der in unterschiedlichen literarischen Genres der mittelalterlichen Literatur bezeugten Entgrenzungserfahrungen zu den nicht-literarischen, aber gleichwohl über fiktionale Elemente verfügenden Quellen im jeweiligen Kontext. In der altnordischen Literatur bezeugen die bekannten Wutkrieger oder Berserker eine Methode des ekstatischen Kämpfertums, das noch in der hochmittelalterlichen Literatur Spuren hinterlässt, aber durch das höfische Ideal der Affektkontrolle abgelöst erscheint. Der häufige Empfang von Visionen und deren begleitende ekstatische Zustände gehörten zu den Merkmalen der mystischen Heiligen. Die mystische Literatur kreist um die Erfahrung der Gotteseinheit die in abstrakter Virtuosität thematisiert, aber auch affektiv somatisch erfahren werden kann. Eine «Entrückung» aus der ich-gebundenen Wirklichkeit und die damit verbundene Offenbarung, blieb für das Christentum bis in die Neuzeit eine akzeptierte Form der Wahrheits- und Gotteserkenntnis. Ekstatische Visionen und Prophezeiungen, im Hochmittelalter noch als wertvollere Geschichtsquelle ernst genommen, fanden in der um politische Suprematie kämpfenden Kirche des Spätmittelalters wenig Widerhall, in Bezug auf die Hexen entschiedenen Widerstand.

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X. Körperkonzepte: Ekstase und Schmerz 455

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455 X. Körperkonzepte: Ekstase und Schmerz In diesem Kapitel soll die Dynamik von Schmerz und Ekstase, die schon bei den Ber- serkern und der Askese zur Sprache kamen, nicht nur genreübergreifend, sondern auch in verschiedenen, auch nicht-literarischen Kontexten noch einmal erörtert werden. Der Körper als Zeichen, Körperkonzepte im Text als Text- bzw. Literaturkonzeptio- nen führten im Anschluss an die Auseinandersetzung mit der französischen anthropolo- gischen Schule verstärkt dazu, Körper und Körperlichkeit ins Zentrum der mediävisti- schen Forschung zu rücken. In programmatischen Aufsätzen und gewichtigen Sammel- bänden hat sich auch die deutschsprachige Mediävistik dem Thema angenähert. So hatte Horst Wenzel 1995 auf den Zusammenhang zwischen Medialität und Körper in Hören und Sehen, Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter aufmerksam gemacht. Klaus Ridder und Otto Langers Sammelband Körperinszenierungen in mittelalterlicher Literatur von 2002 geht vor allem von der anthropologischen französischen Schule, (vor allem von Jean-Claude Schmitts Untersuchungen) die das Forschungsprofil ohnehin schon seit Jahrzehnten beeinflusst, aus. Bedeutende Impulse hat schon Carolyn Walker Bynum mit ihren Studien zu Körper und Gender geliefert. Interessanterweise hat der amerikanische Gelehrte Ernst Kantorowwicz mit seiner Zwei-Körper-Theorie, The King’s Two Bodies, schon lange auf die differenzierte Semantik des Körpers hingewie- sen, das vielfach zitierte Buch wurde allerdings erst 1990 auf Deutsch übersetzt. Der im Anschluss an Viktor Turner präferierte Ritualschwerpunkt wurde ebenfalls für das Para- digma des Körpers...

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