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Kommentare

Interdisziplinäre Perspektiven auf eine wissenschaftliche Praxis

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Edited By Thomas Wabel and Michael Weichenhan

Texte, die zu den geistigen Grundlagen einer Gesellschaft gehören, mögen heute nicht mehr oft gelesen werden, aber sie werden kommentiert. Längst scheint es, als sei der Kommentar an die Stelle des Textes getreten. Kommentierung gehört zur Grundlage geisteswissenschaftlichen Arbeitens. Die Beiträge dieses Bandes reflektieren die eigene wissenschaftliche Praxis des Kommentierens aus der Sicht von Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaft und Religionswissenschaft. Die interdisziplinäre Verständigung über diese Praxis gibt zugleich Hinweise auf die gesellschaftlichen und kulturellen Vollzüge, in denen sich Kommentierung als Aktualisierung fundierender Texte ereignet.

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Einleitung:DerKommentaralsTransformationsmediumdesTextes 9

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Einleitung:DerKommentaralsTransformations mediumdesTextes MICHAELWEICHENHAN Kommentare sindallgegenwärtig.DieRegale insbesonderedergeistes wissenschaftlichen Bibliotheken sind angefüllt mit Kommentaren zu Homer, Vergil, Dante und Goethe, zu den Büchern der Bibel, zu den WerkenvonAristoteles,DescartesundKant,zumCorpusiuriscivilisund zumStrafgesetzbuch.Selbstdann,wenneinengerBegriffvonKommen tardiesenvonanderenFormenderInterpretationunterscheidet,machen Kommentare einen beträchtlichen Teil der geisteswissenschaftlichen Produktionaus. Der Kommentar in einem engeren Sinn, wohl am besten als „philolo gisch“zubezeichnen,dienteinemTextundbeanspruchtnicht,ihnindie Gegenwartfortzuschreiben.SeineAufgabeerfüllterinderRekonstruk tiondessen,was einemAutor präsentwar, aber demLeser des Textes nichtmehrohneweiterespräsentist.InsofernerseineLeserlediglichmit Informationen versorgt, die idealer Weise die einen Sinn ermittelnde Interpretation ermöglichen, also bspw. auf linguistische Probleme auf merksam macht, Quellen identifiziert, Anspielungen erklärt und über Realien aufklärt, ist er von der Interpretationmindestens der Tendenz nach zuunterscheiden.1 Laut Schleiermacher ermöglicht er dasVerste hen,indemersichaufdie„HinwegräumungdervorläufigenSchwierig keiten“beschränkt.2InwieweitnurdiesephilologischeFormKommentar genannt und von anderen Formen der Interpretation auch terminolo gischabgegrenztwerdensollte,stehthierebensowenigzurDebattewie 1 Vgl.A.Thomasberger,ÜberdieErläuterungenzuHofmannsthalsLyrik. In:Kom mentierungsverfahrenundKommentarformen,hgg.vonG.Martens,Tübingen 1993,11–16. 2 Vgl.F.D.E.Schleiermacher,HermeneutikundKritikmitbesondererBeziehungauf dasNeueTestament(1838),hgg.vonM.Frank,Frankfurt/M.1977,78f. 10MichaelWeichenhan die Frage, ob sich diese Abgrenzung tatsächlich streng durchführen lässt.3 BeiallenindiesemBanddiskutiertenKommentarenhandeltessichnicht um Beispiele derartiger, rein philologischer Erläuterungen, – die von KARINMETZLER diskutierten Passagen desOrigenes kommen ihnen al lerdingsnahe–sondernumeinebestimmteArtvonSchriften,dieeinen anderen,einenälteren,ursprünglichenundinsoweit„kanonischen“Text erläutern,aberebenauch interpretieren.DasgiltvonKommentarenzu biblischenBüchernausdenerstennachchristlichenJahrhunderten,diein den Beiträgen vonKARINMETZLER und JOHANNA BRANKAER behandelt werden,innichtgeringeremMaßevonsolchenzuAristotelesoderDio 3 AufdieBegriffsgeschichtevon undcommentarius isthiernichtein zugehen (vgl. F. Bömer:Der Commentarius: Zur Vorgeschichte und literarischen FormderSchriftenCaesars.In:Hermes81(1953),210–250),dainunseremthema tischenHorizont die bei Platon belegbareBedeutungvon alsAuf zeichnung,dieimZusammenhangdesUnterrichtszurErinnerungentsteht,und der commentarius (zu comminisci,...

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