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Interkulturelle Kommunikation im Asylverfahren

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Martina Rienzner

Asylwerber müssen im Laufe eines Asylverfahrens ihre Erlebnisse wiederholt Beamten erzählen, denen der Herkunftskontext der Antragsteller überwiegend fremd ist. Wie gehen die beteiligten Akteure in diesem Setting mit kultureller Differenz um? Dieser Frage nachgehend, hat die Autorin von 2008 bis 2010 Verhandlungen am Unabhängigen Bundesasylsenat und Asylgerichtshof in Wien teilnehmend beobachtet und qualitative Interviews geführt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass den Akteuren unterschiedliche sprachliche Mittel zur Verfügung stehen, um interkulturelle Missverständnisse zu vermeiden und gegenseitiges Verstehen herstellen zu können. Verständnissicherndes Handeln wird aber oft durch die vorzunehmende Glaubwürdigkeitsprüfung und die Asymmetrie zwischen den Beteiligten verhindert.

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6. „Grauzonen“: Plausibilität als Teil der Glaubwürdigkeitsprüfung 85

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85 6. „Grauzonen“: Plausibilität als Teil der Glaubwürdigkeitsprüfung Im Laufe eines Asylverfahrens werden eine Fülle von Aussagen der Asyl- werberInnen zu ihrer Fluchtgeschichte und ihren Fluchtgründen erhoben. Es ist Aufgabe der VerhandlungsleiterInnen, die in der Niederschrift festgehaltenen Redebeiträge auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu prüfen (vgl. UNHCR [1979] 2003, 11). Dabei werden die von AsylwerberInnen zu unterschiedlichen Zeit- punkten im Verfahren eingebrachten Aussagen auf ihre Kohärenz (Wider- spruchsfreiheit) überprüft und hinsichtlich der Übereinstimmung mit der der Be- hörde bzw. dem Asylgericht zugänglichen „Fakten“ sowie dem eigenen Com- mon Sense und einer darauf beruhenden Plausibilität des Ausgesagten hinter- fragt (vgl. Good 2007, 188ff.) Scheffer (2001, 139ff.) nennt eine Reihe von Methoden, welche Asylbehörden und -gerichte dazu verwenden, um die Glaubwürdigkeit der Fluchtgeschichten von AsylwerberInnen zu prüfen: Sie vergleichen die Aussagen, die Asylwer- berInnen im Laufe des Verfahrens einbringen, miteinander und ziehen Wider- sprüche zwischen Aussagen als Beleg für „erfundene“ Geschichten heran. Ein weiterer Vergleich wird mit „verwandten Fällen“ (ebd., 162f.) – Fluchtge- schichten, die im selben Kontext verortet werden können – und „Standardversi- onen“ (ebd., 165f.) – „auswendig gelernte“ Erzählungen – durchgeführt. Auch die Erzählweise der AsylwerberInnen kann einer Überprüfung unterzogen wer- den: Erzählt der/die AntragstellerIn das Erlebte so, dass es glaubhaft erscheint, dass er/sie „tatsächlich“ dabei war? Und: Erscheint die eingebrachte Fluchtge- schichte gemessen an der Situation im Herkunftsland und dem eigenen Common Sense plausibel und befindet sie sich...

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