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Der Schriftsteller als Geschichtsschreiber und Ethnograph

Eine kulturwissenschaftliche Studie zu Uwe Timms "Morenga</I>

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Christine Ott

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive wird an Morenga von Uwe Timm untersucht, wie der Autor auf das kulturelle Wissen über Kolonialvergangenheit sowie Selbst- und Fremdbilder einzuwirken versucht. Die Studie arbeitet in einer umfassenden Kontextanalyse heraus, wie Timm in der Fiktion Historie umschreibt und die Leserschaft zu einer kritischen Sicht auf die deutsche Kolonialvergangenheit anleitet. Fast nebenbei wird dabei in Morenga die Gattung des historischen Romans erneuert. Weiterhin geht die Studie der Frage nach, welche Funktion Konzeptionen von Alterität und Identität im kolonialen Herrschaftsdiskurs einnehmen. Timm nimmt hier, wie gezeigt wird, postkoloniale Theoreme vorweg und verhandelt in der Figur Gottschalk Möglichkeiten und Grenzen des Fremdverstehens.

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2 Fiktion = umschreibende Geschichte. EineKontext-Analyse

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17 2 Fiktion = umschreibende Geschichte. Eine Kontext-Analyse 2.1 Erzählen im hybriden Genre Morenga Literatur kann Geschichte schreiben, sie kann über Geschichte schreiben und maßgeblich werden für den Blick auf die Vergangenheit. Dabei ist Literatur kei- nem Objektivitätskriterium verschrieben, das die Geschichtswissenschaft dage- gen zu erfüllen versucht. Die Objektivität historischer Texte und die darin ver- mittelten ‚Wahrheiten‘ standen selbst nie außer Zweifel: Die Möglichkeit einer Geschichtsschreibung, die vergangene Wirklichkeit objektiv und wahrheitsge- mäß abbildet, wurde bereits in ihren Anfängen kritisch hinterfragt und seit Ende der 1960er Jahre wieder intensiver diskutiert.16 Wie nahe sich Fiktion und Fakti- sches stehen, brachte Hayden White auf die Formel „Auch Klio dichtet“.17 Er erschütterte die Geschichtswissenschaft in ihren Grundfesten, als er die Narrativität geschichtswissenschaftlicher Texte hervorhob und historische Texte als literarische Konstruktionen auswies.18 Orientierung für eine literaturtheoreti- sche Interpretation böten die Hauptgattungstypen des figurativen Sprach- gebrauchs (Metapher, Metonymie, Synekdoche sowie Ironie), da sich die Le- senden wie auch die Geschichtsschreibenden die Welt mit den gleichen sprach- lichen Mitteln konzeptionalisierten. Stets würden die Historiographinnen und Historiographen Vorentscheidungen im Umgang mit Quellen treffen – was halte ich für repräsentativ, was für unwesentlich? –, wobei sie dem geschichtswissen- schaftlichen Text eine Plotstruktur einschrieben.19 Wenn es, mit Derrida gesprochen, ohnehin keine stabilen Identitäten gibt („Une identité n’est jamais donnée“20) und Fakten oder Wahrheiten immer ge- machte sind, wird der Unterschied zwischen historischen und literarischen Tex- ten zusehends eingeebnet. Wären historische...

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