Show Less

Seesturm im Mittelalter

Ein literarisches Motiv im Spannungsfeld zwischen Topik, Erfahrungswissen und Naturkunde

Series:

Carola Fern

Schilderungen von stürmischem Meer sind in der Literatur des Mittelalters weit verbreitet, bislang aber von der Forschung stark vernachlässigt worden. Diese Arbeit erschließt der Mediävistik ein neues Motiv und mit diesem einen neuen Blickwinkel auf die Forschung zur Naturwahrnehmung im Mittelalter. Das geschieht durch einen kommentierten Katalog literarischer Seesturmschilderungen und durch Analysen einer Stichprobenauswahl aus dem 9. bis zum 16. Jahrhundert. Alle Seesturmschilderungen werden im Hinblick auf die Topik des Motives, auf die Verarbeitung naturphilosophischer und technischer Entwicklungen der jeweiligen Entstehungszeit, auf den Realitätsgehalt der Schilderung und die Funktion des Motivs für die Gesamtkomposition und Deutung des jeweiligen Werkes hin untersucht. Der interdisziplinäre Ansatz kommt zu neuen Ergebnissen, die die bisherige Sicht auf Naturwahrnehmung im Mittelalter modifiziert.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

VIII. Schlüsse aus den bisherigen Beobachtungen

Extract

1. Zum Grad der Toposhaftigkeit mittelalterlicher Seesturmschilderungen Als erster Untersuchungschritt ist an die Seesturmschilderungen die Frage gestellt worden, ob sich ein gemeinsamer Grundbestand an Komponenten findet, woraus man auf einen topischen Aufbau des Seesturmmotivs analog zu dem des locus amoenus schließen könnte. Dabei wurde auch die sprachliche Ausgestaltung der Komponenten betrachtet. Daraufhin wurden in dieser Arbeit auch die inhaltlichen und formalen Funktionen der jeweiligen Seesturmszene innerhalb der jeweiligen Gesamtdichtung untersucht, um die verschiedenen dichterischen Einsatzmöglichkeiten dieses Motivs aufzudecken. Aus all dem ergeben sich folgende Beobachtungen: 1.1 Aufbau und Komponenten Außer den höfischen Werken waren die bisher analysierten Seestürme alle Teil einer Erzähltradition, was eine relativ hohe Stabilität im Aufbau der Erzählung, inbegriffen der einzelnen Szenen, vermuten ließ. Besonders für die frühmittelal- terlichen „Bibelbearbeitungen“ war dies anzunehmen, da sich diese Seesturm- schilderungen an der höchsten damaligen Autorität, der Bibel, orientierten. Doch selbst dort ließ sich nur ein kleiner Grundbestand an gemeinsamen Komponenten feststellen (vgl. Kap. IV. u. Tab. I). Ab Mitte des 12. Jahrhunderts sind uns auch Seesturmschilderungen in weltlichen Dichtungen überliefert. An den hier ausge- wählten Beispielen derselben konnte festgestellt werden, dass zwischen den „Her- zog-Ernst-Fassungen“ die Unterschiede noch größer sind als zwischen den „Bibel- bearbeitungen“ (vgl. Kap. V. 2.5 u. Tab. III).669 Dagegen folgen in den „Alexan- derliedern“ die Seesturmschilderungen einem festen Erzählschema, das nur in dem naturkundlichen Einschub variiert (vgl. Kap. V. 1.4 u. Tab. II). Die höfischen Werke variieren...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.