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Schiller

Ethik, Politik und Nemesis im Drama

Wolfgang Wittkowski and Stephanie Kufner

Die in diesem Buch gesammelten neuen und überarbeiteten Interpretationen aller großen Dramen Schillers nach den Räubern akzentuieren die Moralpsychologie der Charaktere und die Rolle der Nemesis. Zentrum ist Schillers Demontage des Ideologen Marquis Posa. Den Anstoß schon zur ersten Fassung des Kapitels gab die damalige Studentin Stephanie Kufner. Sie kommt in Auseinandersetzung mit der hier besonders engagierten Forschung zu Wort sowie mit Seminarreferaten zu Fiesko und Kabale und Liebe. Sie klärt die Moralpsychologie der Charaktere und das anvisierte Regenten-Ideal. Im Gegensatz zu dessen Milde stattet die meist übersehene Nemesis ihre Werkzeuge mit einem Tätertum aus, das man etwa an Maria Stuart bemängelt und bei Tell sogar ersetzt durch unangebrachtes Schuldgefühl wegen des Tyrannenmordes statt wegen des dafür notwendigen Schusses auf das Kind.

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Wolfgang Wittkowski

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Don Carlos: Marquis Posas Sturz vom schmalen Grat der Tugend In der Forschung hat sich herumgesprochen, daß die Weimarer Klassik und speziell Schiller keineswegs die Flucht in die ästhetische Misere antraten. Genauer bieten zumal ihre historischen Dramen so- gar eine politische Ethik, deren Substanz international im Völker- und nicht zuletzt Widerstandsrecht enthalten ist, nicht indes im zuständigen Grundgesetz-Paragraphen (er fordert pervers umge- kehrt die Verteidigung der herrschenden Autorität) und ebenso- wenig – nach der Umerziehung durch die Alliierten – im akade- mischen und öffentlichen Bewußtsein der Deutschen. Dabei wurde ein ungeheurer Preis dafür gezahlt, daß die Sieger von Versailles eine völkerrechtliche Vereinbarungen nach der ande- ren mit Füßen traten und daß die Sieger von Nürnberg in einem Schauprozeß die Geschichte fälschten. Doch anstatt als nötigen Widerhalt die politische Ethik der Klassik wenigstens nachträglich ins Gedächtnis zu rufen wie Hans Kohn, Nestor der Nationalismus- Forschung und profunder Kenner der deutschen Literatur es tat: The Mind of Germany. The Education of a Nation, New York 1960, gaben die Literarhistoriker sie als etwas völlig anderes aus: in der DDR als amoralische Politik der Klassenfeind-Vernichtung1 und – im Endresultat nicht so weit davon entfernt – in der Existential- germanistik der BRD als politisch unverbindliche, vage Humanität (Benno von Wiese); ethisch indifferent als Kunstkult (Gerhard Storz) sowie als Kraftakt einer vagen Erneuerung (Walter Müller- Seidel),2 später sogar als handfeste Utopie: alles Ziele, die Schiller Überarbeitung von WW: Marquis Posa und Octavio Piccolomini....

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