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Das Märchen – zwischen Kunst, Mythos und Spiel

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Hansjörg Hohr

Das Märchen bietet ein System von Bedeutungen an, das Kinder zur Artikulierung ihrer Erfahrung verwenden können. Das Genre vereint eine Vielfalt von Bedeutung mit Einfachheit der Struktur. Besonders hervorzuheben ist das Widerspiel der Bedeutungsebenen. Die Ebene des Mythischen verleiht dem Märchen eine außergewöhnliche Erlebnistiefe. Dieser gegenüber und als Gegengewicht etabliert sich eine Ebene des Spielerischen, das mit einem Verlust beginnt und mit einem Gewinn endet und das sich ohne Vorbehalt in den Dienst des individuellen Glücksanspruchs stellt. Im Spannungsfeld zwischen dem existentiellen Anliegen des Mythos und der Solidarität mit dem unterdrückten Helden im Spiel öffnet sich eine Ebene der künstlerischen Reflexion lebenspraktischer Entwürfe.

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Teil 1: Ansätze der Märchenforschung

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27 1. Märchen zwischen Mythos und Poesie Romantische Weichenstellung Das ästhetische und theoretische Interesse am Märchen der Gegenwart wurde vor allem in der Romantik begründet. Deshalb mag es bei der Durchsicht der ver- schiedenen Ansätze der Märchenforschung ratsam erscheinen, den Blick kurz auf diesen Zeitabschnitt zu werfen. Tatsächlich sind hier bereits die meisten Perspek- tiven angesprochen, die später von den verschiedenen Ansätzen gesondert ver- folgt wurden. Die Brüder Grimm haben wie kaum jemand die Arbeit mit Märchen beein- flusst. Die Würdigung ihrer Verdienste um das klassische Märchen zeigt jedoch, dass eine Arbeit von der Nachwelt aus anderen Gründen geschätzt werden kann als jenen, die die Autoren selbst angaben. Die Urteile über ihre „Kinder- und Hausmärchen“ (KHM)1 gehen auseinander. Die geschichtlich orientierte For- schung scheint aber darin übereinzustimmen, dass die Brüder Grimm die klassi- sche Form des Märchens, d.h. des literarischen Märchens für Kinder entschei- dend bestimmt und ähnliche Anstrengungen in einer Reihe anderer europäischer Länder inspiriert haben.2 Die Theorie, die sie dieser künstlerischen Arbeit zu- grunde legten, ist heute nur noch von historischem Interesse. Die übergeordneten Perspektiven aber, die sie auf das Märchen eröffneten, sind auch für die heutige Forschung noch grundlegend. Die Vorstellungen der Brüder Grimm über Ursprung und Wesen der Märchen lässt sich als indoeuropäische Theorie bezeichnen. Dieser zufolge liegt der Ur- sprung der Märchen in einem...

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