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Das Märchen – zwischen Kunst, Mythos und Spiel

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Hansjörg Hohr

Das Märchen bietet ein System von Bedeutungen an, das Kinder zur Artikulierung ihrer Erfahrung verwenden können. Das Genre vereint eine Vielfalt von Bedeutung mit Einfachheit der Struktur. Besonders hervorzuheben ist das Widerspiel der Bedeutungsebenen. Die Ebene des Mythischen verleiht dem Märchen eine außergewöhnliche Erlebnistiefe. Dieser gegenüber und als Gegengewicht etabliert sich eine Ebene des Spielerischen, das mit einem Verlust beginnt und mit einem Gewinn endet und das sich ohne Vorbehalt in den Dienst des individuellen Glücksanspruchs stellt. Im Spannungsfeld zwischen dem existentiellen Anliegen des Mythos und der Solidarität mit dem unterdrückten Helden im Spiel öffnet sich eine Ebene der künstlerischen Reflexion lebenspraktischer Entwürfe.

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Teil 2: Systematischer Ansatz

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155 7. Exkurs in eine ästhetische Bildungstheorie Um den Anschluss der Ansätze der Märchenforschung zu einer allgemeinen Bildungstheorie herzustellen, soll zunächst ein theoretischer Rahmen mit beson- derer Rücksicht auf die Rolle des Ästhetischen im Bildungsprozess aufgezogen werden. Dieses Vorhaben stützt sich dabei insbesondere auf einen Ansatz bei Alfred Lorenzer, der 1981 seine letzte Ausformung erhalten hat. Der Ansatz ist aus mehreren Gründen von besonderem Interesse. Explizit und mit Rekurs auf George Herbert Mead stellt er sich in die Tradition des amerikanischen Pragmatismus, den er aber, und das ist hier entscheidend, durch die Befunde der Psychoanalyse ergänzt, d.h. durch eine Theorie der Zerstörung von Erfahrung, aber auch durch eine Theorie ihrer Rekonstruktion.1 Allgemein gefasst, kann man sagen, dass sein An- satz die Psychoanalyse berücksichtigt, indem er den Menschen als Triebwesen ausweist und damit das pragmatische Verständnis deutlich zuspitzt. Daneben aber versucht Lorenzer den Menschen als Produkt der Sozialisation darzustellen und damit Marx’ Grundeinsicht vom Menschen als Ensemble der Gesellschafts- verhältnisse zu berücksichtigen.2 Obwohl der Pragmatismus, etwa bei John Dewey, den Menschen als radikal soziales Wesen begreift, verlegt Lorenzer mit Verweis auf Marx das Gewicht auf gesellschaftliche Strukturen, die im Pragmatismus kaum behandelt sind. Den dritten Schwerpunkt in Lorenzers Ansatz bildet der Humanis- mus mit der These vom Individuum als Subjekt. Auch damit unterstreicht er ein Anliegen, das im Pragmatismus eher implizit verhandelt ist, obwohl z.B. Dewey sich explizit auf den amerikanischen Idealisten Ralph Waldo Emerson beruft.3 Diese scheinbar widerstreitenden...

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