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Prosa von Gabriele Wohmann

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Grit Dommes

Von 1958 an hat Gabriele Wohmann ein umfangreiches Œuvre veröffentlicht, überwiegend Prosa. Kritik und Forschung sind sich lange schon einig, was von diesem Werk zu halten ist: Im besten Fall werden der Autorin eine genaue Beobachtungsgabe und die Kenntnis von Kommunikationsstörungen im privaten Bereich bescheinigt. Beanstandet werden dagegen die immer gleichen Beschreibungen eines langweiligen Alltags und die Beschränkung auf den bürgerlichen Mittelstand. Liest man die Erzählungen und Romane jedoch konsequent im sozialen und literarischen Kontext der Bundesrepublik, ergibt sich ein anderes Bild. Dann stößt man auf Texte, die an literarischen Entwicklungen teilhaben, die zur Tagespolitik Position beziehen und dabei die Grundvoraussetzungen der zeitgenössischen Gesellschaft auf den Prüfstand stellen – Texte, denen in der Literaturgeschichte ein fester Platz gebührt.

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3 Bekannte Geschichten

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»95 Prozent der Deutschen sind – auch heut noch – echte Nazis!« (Arno Schmidt, Brand’s Haide) 3.1 Ein unwiderstehlicher Mann (1957) 1957 veröffentlichte Martin Walser seinen ersten Roman, Ehen in Philippsburg, von Alfred Andersch erschien Sansibar oder der letzte Grund, Bertolt Brecht be- schrieb den aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui und Hans Magnus Enzensber- ger debütierte mit dem Gedichtband verteidigung der wölfe. Es wurde aber auch weiterhin schreibend geschwiegen zu Auschwitz. Die Erzählung Ein unwiderstehlicher Mann, als erster Text von Gabriele Wohmann 1957 in der von Walter Höllerer und Hans Bender herausgegebenen Zeitschrift Akzente veröffentlicht, ist ein harmloser Text, so gekonnt wie konven- tionell erzählt.149 Am Anfang wird in wenigen Sätzen die Erzählsituation umris- sen, die Erzählerin stellt sich selber vor, danach wird einen Absatz lang Span- nung erzeugt und dann wird »von vorne« angefangen: Wortgewaltig und detail- genau ist eine gescheiterte Liebesgeschichte erzählt, das Augenmerk liegt auf der Raffinesse der Konstellationen und der Figurenpsychologie – eine Mischung aus Patricia Highsmith und Françoise Sagan.150 Die Erzählerin stilisiert ihre Rolle als »alte Jungfer« (79), findet sich schreibend mit ihrer unbefriedigten Sinnlichkeit ab, 149 Rainer Hagen schrieb anerkennend über Wohmanns Debüt: »Diese Geschichte ist zwar kon- ventionell, aber vorzüglich, die Autorin benutzt zwar fremdes Handwerkszeug, aber sie weiß etwas mit ihm anzufangen.« Er räumt allerdings ein, »hundert andere« könnten diese Erzäh- lung »auch geschrieben haben […], wenn vielleicht auch nicht so gut« (Rainer Hagen, Gabriele Wohmann, S. 325,...

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