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Der hinkende Vogel verfremdet den Flug

Physische Verfremdung in den Theatertexten Heiner Müllers

Ralph Fischer

Einschnitte, Wunden und ausgerissene Körperglieder, hinkende, stolpernde und stürzende Körper - motorische Devianzen, physische Defekte und Deformationen haben im Werk des Dramatikers, Lyrikers, Essayisten und Regisseurs Heiner Müller einen zentralen Stellenwert. Verwundete, geschundene und zerstückelte Körper, denen die Wund- und Narbenschrift historischer Konflikte auf die unerlöste Haut geschrieben ist, betreten mit all ihren Deformationen, Auswüchsen und Schmerzen das Licht der Szene: Müllers Theatertexte entfalten eine Szenographie des Defekts. Ralph Fischer untersucht die spezifischen Darstellungsformen von Körper und Körperlichkeit in den Müllerschen Texten, ihre physische Verfremdung. Der Bruch mit Darstellungskonventionen wird bei Müller auf eine drastisch anatomische Ebene übersetzt: ein Öffnen, Zerbrechen und Variieren von Körperstrukturen, ein Tanz von Körperfragmenten im utopischen Zwischenraum von Mensch und Maschine. Diese Ästhetik des Defekts in seinen Texten setzt nicht nur nachhaltige Impulse für die postdramatische Theaterästhetik, sondern nimmt auch großen Einfluss auf die Heranbildung der Kinetik der Devianz in Performance und zeitgenössischem Tanz.

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III. Analytischer Teil

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Der geblendete Stieglitz singt schöner, heißt es, zu keinem Flug mehr verführt. Durs Grünbein Die Bühne ist ein Depot-Raum, dessen Bestände Veränderungen unterworfen sind: durch Wechsel der Proportionen, durch die Variierung von Licht und Linie, von Farbe und Volumen. DER ZUSCHAUER KANN SICH NIEMALS SICHER SEIN, OB ER EINER JAHRTAUSENDEALTEN UNBEKANNTEN MENSCHENART ZUSIEHT ODER DER EIGENEN SPEZIES. Der Blick läuft durch flache, durch tiefe Räume, durch Zonen eines GEDÄCHTNISSES, das Abstände, Entfernungen zu überbrücken hat. Gisela von Wysocki Man muß einfach auf irgendetwas, was man sieht, genau und lange genug hinsehen. Es ist ganz gleich auf was. Aber wenn Du dich nicht ablenken läßt, ist das was Du siehst, sofort revolutionär. Heiner Müller 1. Physische Verfremdung oder die Kunst der Entstellung „Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat“ [M, 36]. Jener Satz aus dem Essay Fatzer+Keuner könnte als lakonisch-pointierte Charakterisierung von Heiner Müllers ambivalenten Verhältniss zu seinem großen Vorgänger gelten: Müllers Arbeit ist einerseits durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Werk Brechts gekennzeichnet, anderseits zeichnet sich aber eine deutliche und entschiedene Abkehr von Normen, Intentionen und Kategorien ab, welche die Ästhetik Brechts – und die anschließende Brecht-Rezeption – nachhaltig beein- flussten. „Ich glaube nicht, daß eine Geschichte, die „Hand und Fuß hat“ (die Fabel im klassischen Sinn) der Wirklichkeit noch beikommt“ [M, 38], so Heiner Müller im Brief an Martin Linzer. Müller nimmt einen kritischen Eingriff in...

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