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Die antike Unterwelt im christlichen Mittelalter

Kommentierung ‒ Dichtung ‒ philosophischer Diskurs

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Petra Korte

Mit dem Siegeszug des Christentums war der Kosmos der antiken Mythologie nicht obsolet geworden. Er lebte fort in den Bildungstraditionen. Um das unterirdische Totenreich entstand dabei ein besonderer Diskurs. Das mythische Szenario hatte mit seinen archaischen Jenseitsvorstellungen schon in der Antike eine übertragene philosophisch-psychologische Deutung provoziert, die sich insbesondere an Vergils Aeneis anschließen konnte. Vermittelt durch die spätantike Dichterkommentierung, diente die allegorische Hermeneutik manchen karolingischen Literaten vor allem zur Rechtfertigung der Mythenlektüre. Spätere Exegeten entwickelten sie schließlich zu einer genuin mittelalterlichen Lesart fort, die den Elementen des Unterweltszenarios ihre jeweils eigene Bedeutsamkeit zuwies. Weit über eine bloße Analogie zur Hölle hinaus wurde so das mythologische «Infernum» als universeller literarischer Verhandlungsort für die Bedingungen menschlichen Daseins etabliert – eine Entwicklung, die diese Untersuchung anhand von Zeugnissen aus Dichtung und paratextueller Überlieferung bis hin zu ihrem Abschluss in Dantes Commedia nachvollzieht.

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IV. Das Infernum in der hochmittelalterlichen Dichtung und Kommentierung

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1. Re-Poetisierung, Re-Mythisierung, Re-Episierung Unter der Vielzahl von Phänomenen, die dem langen 12. Jahrhundert das umstritte- ne Prädikat einer Renaissance582 eintrugen, sind für den Kontext des Unterweltdiskur- ses die Hinwendung zur Naturbeobachtung und die Neubewertung der klassischen auctores hervorzuheben. Die artistische Bildung, die Einheit von eloquentia und scien- tia, deren Ideal das frühmittelalterliche Curriculum geprägt hatte, emanzipierte sich von der propädeutischen Zweckbestimmung für das Bibelstudium und wurde zu einem Wert an sich583. Die Disziplinen des Quadrivium gewannen im Zuge eines neu erwach- senden Interesses an der Natur an Eigenständigkeit gegenüber ihrem rein exegetischen Nutzen584. Seit Anselm von Canterbury theologisches Denken als Tun einer fides quae- rens intellectum formuliert hatte, wurden zunehmend naturwissenschaftliche Ansprü- che an den Schöpfungsbericht der Genesis gestellt585. Die Problemstellung ähnelte noch immer derjenigen, mit der sich bereits die karolingischen Boethius-Kommentato- ren hatten auseinandersetzen müssen ‒ der platonische Schöpfungsmythos des ‘Ti- maios’, den Boethius im Metrum ‘O qui perpetua’ resümiert hatte, stellte ein Modell dar, das mit seinen verschiedenen an der Kreation des Kosmos beteiligten Instanzen rationalen Ansprüchen eher gerecht zu werden vermochte als die Bibel586. Gegenüber dem frühmittelalterlichen Diskurs konnte die platonische Lösung an Autonomie ge- winnen, denn auch die Vorgänge des Makrokosmos wurden zunehmend in ihrer Eigen- gesetzlichkeit wahrgenommen587, die „die Vernunft ohne Rückgriff auf traditionelle, theologisch bestimmte Deutungsmuster als eine in sich sinnvolle Größe zu erkennen ver[mochte]“588 ‒ eine Gesetzlichkeit, die überdies der Mikrokosmos...

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