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Die antike Unterwelt im christlichen Mittelalter

Kommentierung ‒ Dichtung ‒ philosophischer Diskurs

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Petra Korte

Mit dem Siegeszug des Christentums war der Kosmos der antiken Mythologie nicht obsolet geworden. Er lebte fort in den Bildungstraditionen. Um das unterirdische Totenreich entstand dabei ein besonderer Diskurs. Das mythische Szenario hatte mit seinen archaischen Jenseitsvorstellungen schon in der Antike eine übertragene philosophisch-psychologische Deutung provoziert, die sich insbesondere an Vergils Aeneis anschließen konnte. Vermittelt durch die spätantike Dichterkommentierung, diente die allegorische Hermeneutik manchen karolingischen Literaten vor allem zur Rechtfertigung der Mythenlektüre. Spätere Exegeten entwickelten sie schließlich zu einer genuin mittelalterlichen Lesart fort, die den Elementen des Unterweltszenarios ihre jeweils eigene Bedeutsamkeit zuwies. Weit über eine bloße Analogie zur Hölle hinaus wurde so das mythologische «Infernum» als universeller literarischer Verhandlungsort für die Bedingungen menschlichen Daseins etabliert – eine Entwicklung, die diese Untersuchung anhand von Zeugnissen aus Dichtung und paratextueller Überlieferung bis hin zu ihrem Abschluss in Dantes Commedia nachvollzieht.

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VI. Die antike Unterwelt in Dantes ‘Inferno’ im Spiegel der frühen Kommentare

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Die Konsistenz der allegorischen Unterwelt, die umfassende Aussagekraft des Descensusmotivs als einer universalen Figuration menschlichen Daseins war zu der Zeit, als Giovanni del Virgilio und Petrus Berchorius ihre Ovid-Allegorien verfassten, längst ein letztes Mal beschworen worden. Im ‘Inferno’ der ‘Commedia’, beendet vor 13121253, hatte Dante in einer gewaltigen Synthese die antik-allegorische mit der transzendent-‘realen’ Unterwelt verquickt und so noch einmal die losen Enden des mittlerweile pluralistisch aufgefächerten Unterweltdiskurses verknüpft. Die Hölle, durch die Dantes ‘Vision’ führt, ist sowohl ein Panoptikum der antiken Mythologie als auch ein komplex strukturierter Strafort, dessen allegorische Verweisqualität für die reale, korrumpierte Verfasstheit der eigenen Zeit durch die Präsenz zahlreicher histori- scher Persönlichkeiten indiziert wird. Dante war selbst Opfer der Konflikte zwischen Ghibellinen und Guelfen in seiner Heimatstadt Florenz geworden. Als einer der sieben priori im Sommer 1300 auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere, wurde er im März 1302 in Abwesenheit zum Tode verurteilt, als er sich mit einer Delegation am Papsthof befand. Dante ging ins Exil nach Verona und von dort 1319 nach Ravenna, wo er 1321 starb. Seine ‘Comme- dia’ fand als Anklage der politischen Wirrnis und ihrer Akteure, als die sie von vielen Zeitgenossen verstanden wurde, ebenso begeisterte Aufnahme wie Ablehnung1254. Das Werk erreichte ein breites Publikum, denn wie andere populäre Dichtungen im 14. Jahrhundert wurde offenbar auch die ‘Commedia’ öffentlich vorgetragen1255. Unter die- sen Bedingungen stellt Sandkühler drei Hauptgründe fest, aus denen sich die Tradition der Dantekommentierung...

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