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Kinder, Kinder!

Vergangene, gegenwärtige und ideelle Kindheitsbilder

Edited By Dominik Becher and Elmar Schenkel

Kinder treiben uns um. Sie gehören zum menschlichen Leben wie der Tod und die Liebe, ja sind geradezu deren Konsequenz. Betrachtet man ihren Platz in der Gesellschaft, so offenbaren sie sich als Spiegel unserer selbst. Die Analysen vergangener, gegenwärtiger und ideeller Kindheitsbilder in diesem Band stammen aus dem Leipziger studium universale zum Thema Kindheiten sowie der Leipziger Universitätsvesper unter dem Motto Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ... aus dem Jahr 2012. Durch diese Konstellation treffen sakrale und säkulare Perspektiven aufeinander und reflektieren ein für viele Kindheitsbilder zentrales Spannungsfeld. Insgesamt 22 Artikel und Thesen aus unterschiedlichen Disziplinen repräsentieren einen großen Ausschnitt aus der gegenwärtigen Kindheitsforschung. Literarische, didaktische, religiöse Fragen stehen im Vordergrund, aber auch Medizin, Ethnologie und Geschichte kommen zu Wort. Durch die dargestellte Themen- und Methodenvielfalt soll der Band das Thema Kindheit als wertvollen Forschungsgegenstand weiter bestärken.

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I. Erzählte Kindheit

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3FELICITAS HOPPE Oh, the places you‘ll go! 1. Als das Kind Kind war Im Frühjahr 2012 war ich auf den Spuren des berühmtesten amerikanischen Kin- derbuchautors Doktor Seuss (von dem ich den Titel meines Vortrags geliehen habe und auf den ich weiter unten zurückkomme) an der kalifornischen Küste un- terwegs. An einer Tankstelle kaufte ich eine Flasche Wasser und eine Tafel Scho- kolade. Neben mir an der Kasse stand eine Frau unbestimmbaren Alters, die, den Finger auf meinen Einkauf gerichtet, plötzlich rief: „I hate chocolate!“ Als ich sie fragte, warum, sagte sie: „It’s all about my childhood.“ Und begann umgehend, ihre Kindheitsgeschichte zu erzählen. Mit Schokolade hatte sie wenig zu tun. Ihre Wahrheit und ihr Wert lagen, wie die Wahrheit der meisten Geschichten, nicht in den Fakten, sondern in dem Versuch, Erlebtes in Erzähltes zu verwandeln, also darin, einer Erinnerung Form zu geben. Und in der Ehrlichkeit und Dringlichkeit, mit der sie erzählt und zugleich erfunden wurde. Alle Kindheitsgeschichten sind ehrlich erfunden. Die guten wie die schlechten, die glücklichen wie die unglücklichen, die schönen wie die schrecklichen, die ko- mischen wie die tragischen. Was nicht heißt, das Prinzip ehrlicher Er¿ndung sei ein Garant für gute Geschichten. Im Wettbewerb erzählter Erinnerungen sind wir umzingelt von Kindheitsgeschichten. Denn die Kindheitsgeschichte ist ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt: Jeder hat sie, jeder hält sie für eigen, für unaustausch- bar, für unverwechselbar,...

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