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Kinder, Kinder!

Vergangene, gegenwärtige und ideelle Kindheitsbilder

Edited By Dominik Becher and Elmar Schenkel

Kinder treiben uns um. Sie gehören zum menschlichen Leben wie der Tod und die Liebe, ja sind geradezu deren Konsequenz. Betrachtet man ihren Platz in der Gesellschaft, so offenbaren sie sich als Spiegel unserer selbst. Die Analysen vergangener, gegenwärtiger und ideeller Kindheitsbilder in diesem Band stammen aus dem Leipziger studium universale zum Thema Kindheiten sowie der Leipziger Universitätsvesper unter dem Motto Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ... aus dem Jahr 2012. Durch diese Konstellation treffen sakrale und säkulare Perspektiven aufeinander und reflektieren ein für viele Kindheitsbilder zentrales Spannungsfeld. Insgesamt 22 Artikel und Thesen aus unterschiedlichen Disziplinen repräsentieren einen großen Ausschnitt aus der gegenwärtigen Kindheitsforschung. Literarische, didaktische, religiöse Fragen stehen im Vordergrund, aber auch Medizin, Ethnologie und Geschichte kommen zu Wort. Durch die dargestellte Themen- und Methodenvielfalt soll der Band das Thema Kindheit als wertvollen Forschungsgegenstand weiter bestärken.

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IV. Kindheit in Vergangenheit und Gegenwart

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175 MAREN UHLIG Mythos goldene Kindheit Ein historischer und vergleichender Blick auf unseren aktuellen Umgang mit Kindern1 Kleine Kinder haben häu¿g ein schlechtes Benehmen. Sie leben nur den Augenblick und verschwenden keinen Gedanken an die Zukunft. Sie lieben Spiele und sinnlosen Zeit- vertreib und weigern sich, sich mit einträglichen und nützlichen Dingen zu beschäftigen. (...) Der Verlust eines Apfels hat mehr Tränen und Klagen zur Folge als der Verlust eines Erbteils. Erwiesene Wohltaten pÀegen sie zu vergessen. Sie wollen alles besitzen, was sie sehen, und versuchen, dies mit den Händen und mit Geschrei zu erlangen. (...) Sie können kein Geheimnis für sich bewahren, sondern erzählen und entdecken alles, was sie sehen oder hören. Bald weinen sie, bald sind sie fröhlich; fortwährend schreien, ki- chern und lachen sie. (...) Kaum gewaschen sind sie schon wieder schmutzig; und gegen das Waschen oder Kämmen wehren sie sich nach Leibeskräften. (...) (Aus: „De rerum proprietatibus“ (Über die Natur der Dinge), vgl. Meier 2006, 40). Diese detaillierte Beobachtung – niedergeschrieben nicht etwa von einer über- forderten Gouvernante des 19. Jahrhunderts sondern von Bartholomaeus Ange- licus im Jahre 1250 – verdeutlicht uns zwei interessante Aspekte: Zum einen, dass kindliches Verhalten schon in früheren Zeiten genau beobachtet und als vom Verhalten Erwachsener – der „Norm“ – abweichend wahrgenommen wurde. Zum anderen verrät uns der – aus heutigem Blickwinkel ungeduldig anmutende – Ton- fall des Textes, dass die Sicht auf das Kind und damit auch die Toleranz kinder- typischen Verhaltens...

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