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«Miss GULAG» und die Rolle des weiblichen Körpers in der russischen Lagerliteratur

Von Anton Čechov bis Evgenija Ginzburg mit einem Nachwort zu den Pussy Riots

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Lena Schiefler

Miss GULAG (2006) von Maria Yatskova treibt auf die Spitze, was Anton Čechov bereits 1880 auf seiner Reise durch die Sträflingskolonien beobachtet hatte: Nach einer Misswahl in einem Straflager wird die Gewinnerin entlassen. Diese Arbeit untersucht semantisch und kunsthistorisch den Zusammenhang von körperlicher Schönheit und Freiheit in Miss GULAG. Vor einem rechtswissenschaftlichen Hintergrund gibt sie zudem Einblick in die Rolle des weiblichen Körpers in der russischen Lagerliteratur: resozialisierend bei Fedor Dostoevskij, transzendent in der stalinistischen Propaganda des Autorenkollektivs um Maksim Gorkij, wiederbelebend in der Dissidentenliteratur Varlam Šalamovs und Evgenija Ginzburgs. Im Nachwort wird die postsowjetische Identitätsfindung mit den Pussy Riots abgerundet.

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Vorwort

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Vor zwanzig Jahren sorgten Wettbewerbe wie „Miss World“ oder „Mister Uni- verse“ noch für Schlagzeilen, mittlerweile gehören Schönheitswahlen zum All- tag. Während TV-Sender westlicher Industrienationen Serienformate wie „Ger- many`s Next Topmodel“ oder „American Idol“ als Dauerwerbesendungen ver- markten und Modelverträge versprechen, locken russische Energieanbieter bei der jährlichen Wahl zur „Miss Atom“ hingegen mit Arbeitsverträgen1. In jüngs- ter Zeit machten zudem immer mehr Gefängnisse auf sich aufmerksam, die in Misswahlen eine neue Form von Resozialisierungsprogrammen entdeckt haben. Tatsächlich sind Inhaftierte in Brasilien, Kolumbien oder Litauen trotz ihrer ge- ringen Aussichten auf einen Modelvertrag äußerst motiviert, an Schönheitswett- bewerben teilzunehmen. Versprochen wird ihnen eine ökonomische Sicherheit, die von der Attraktivität ihrer jugendlichen Körper aber auch dem sogenannten „inneren Erscheinungsbild“ abhängig ist. Im Gefängnis wie in der Außenwelt scheint die Betonung der Weiblichkeit in einer besonderen Verbindung zur Frei- heit zu stehen. Im Mittelpunkt der vorliegenden komparatistischen Magisterarbeit steht der Dokumentarfilm Miss GULAG (2006) der russisch-amerikanischen Regisseurin Maria Jatskova. Miss GULAG erzählt von einem russischen Frauenlager unweit der sibirischen Stadt Novosibirsk, dem Camp UF 91-9, in dem jährlich ein Schönheitswettbewerb stattfindet, der den Inhaftierten eine Chance auf eine frühzeitige Entlassung eröffnet. Inwiefern körperliche Schönheit mit verschie- denen Kategorien von Freiheit korrespondiert, ist Gegenstand der vorliegenden Untersuchung. Darüber hinaus bildet die Filmanalyse die Grundlage für einen Blick auf die russische Lagerliteratur von Anton Čechov bis Evgenija Ginzburg unter...

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