Show Less

Alexander von Humboldts Metaphysik der Erde

Seine Welt-, Denk- und Diskursstrukturen

Hans-Otto Dill

Anhand Alexander von Humboldts amerikanischem Reisewerk ( Reise in die Äquinoktialgegenden des neuen Kontinents, Politische Essays über Mexiko und Kuba) wird in dieser Untersuchung in Verbindung mit der Erdphilosophie seines Kosmos nachgewiesen, dass dessen Denk- und Diskursstrukturen auf einem in der Dialektik Erde-Mensch kulminierenden System von Binomen beruhen. Mit ihrer Hilfe sei es dem preußischen Natur- und Kulturwissenschaftler gelungen, wesentliche kausalgenetische Zusammenhänge zwischen der spezifisch lateinamerikanischen Natur und den indigen-kreolischen Gesellschaften auf diesem Subkontinent aufzudecken. Auch die respektiven Unterschiede zu Europa lassen sich mit dessen anderer Natur und Kultur – im Unterschied zu rassistischen und biologistischen Theorien – erklären.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

Siebentes Kapitel: Koloniales und multikulturelles Lateinamerika

Extract

Mit dieser Marktbegehung kam er der altmexikanischen Kunst und Poesie mit ihren Blumen-, Vogel- und Schmetterlings-Metaphern auf die Spur. Wie sehr diese zarten und bunten Wesen die Kunst inspirieren konnten, zeigen die Aquarelle der Frankfurterin Sybille Merian (1647-1717), die sie in Guayana (Surinam) fertigte, die Humboldt bekannt gewesen sein müssen, zumal seine eigenen Zeichnungen lateinamerikanischer Pflanzen ganz in dem antimeta- phorischen, antiexotistischen Stil der Merian gehalten sind. Humboldt unterzog in den Vues erstmals nach Albrecht Dürers bewundernden Worten die indigene Kunst einer Würdigung und nahm damit zugleich einen weiten Kulturbegriff über die nach europäischen Begriffen „eigentliche“ Kunst hinaus vorweg. Humboldt registrierte eine mit zunehmender Beschleunigung vor sich gehende gewaltige Evolution im beginnenden 19. Jahrhundert. Dabei entdeckte er die allmählich sich ausdehnende militärische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Weltherrschaft des europäischen Westens als Vorstufe der dritt- maligen Eroberung der Welt durch die angloamerikanische Leitkultur, die der francophile Humboldt erahnte, wenn nicht gar befürchtete. Humboldt registriert als „Halbcultur“ das Eindringen europäischer Zi- vilisation, also die Globalisierung, bei gleichzeitigem Verharren in archaischen Verhältnissen, Sesshaftigkeit neben Nomadentum, Subsistenz neben Gewerbe, Jagen und Sammeln neben Viehzucht, Mythos neben Wissenschaft, Ka- pitalismus neben Stammesgesellschaft, Moderne neben Tradition: Auch die südamerikanischen Ebenen begrenzen das Gebiet europäischer Halbcultur. Nörd- lich, zwischen der Gebirgskette von Venezuela und dem antillischen Meere, liegen gewerb- same Städte, reinliche Dörfer und sorgsam bebaute Fluren an einander gedrängt. Selbst Kunstsinn, wissenschaftliche Bildung und die edle Liebe zu Bürgerfreiheit...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.