Show Less

Mendelssohns «Ouvertüre zum Sommernachtstraum»

Mechanismen der Rezeptionsgeschichte: Musik und Literatur in der Romantik

Jörn Rieckhoff

Die Ouvertüre zum Sommernachtstraum war die Erfolgskomposition des jungen Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit ihrer Mischung aus Verträumtheit und jugendlichem Elan eroberte Mendelssohn die Herzen der Engländer. Zugleich war die Ouvertüre eine Visitenkarte seiner literarischen Bildung: Das zugrunde liegende Drama von William Shakespeare hatten die Romantiker zu aktueller deutscher Literatur erklärt. Durch akribische Quellensichtungen und unter Rückgriff auf historische Analysetechniken gelingt es Jörn Rieckhoff, Mendelssohns Herangehensweise an den Sommernachtstraum zu rekonstruieren. Dabei erweist sich die berühmte Komposition als Experiment, bei dem Mendelssohn poetische Strukturen aus Shakespeares Drama in kreativer Weise auf das Formmodell der Konzertouvertüre übertrug.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

IV Formanalyse

Extract

1. Methodische Vorüberlegung Überblickt man die Sekundärliteratur zu Mendelssohns Ouvertüre zum Sommer- nachtstraum, so findet sich kaum eine Analyse, die nicht in irgendeiner Weise Bezug auf das Konzept der Sonatenform nimmt. Larry Todd beispielsweise lei- tet in seiner Studie zu drei Konzertouvertüren Mendelssohns sein Analysekapitel mit den folgenden Worten ein: „Mendelssohn founded all three overtures upon the traditional principles of sonata form [...].”357 Diese Ansicht ist grundsätzlich zu hinterfragen, denn eine historische Betrachtungsweise führt zu dem Ergebnis, dass die Sonatenform, wie sie heute verstanden wird, maßgeblich erst durch die Beschreibung im dritten Band von Adolf Bernhard Marx’ Lehre von der musika- lischen Komposition im Jahre 1845 festgelegt wurde, also mehr als zwei Jahr- zehnte nach der Komposition der Sommernachtstraum-Ouvertüre (1826).358 Ein Beispiel für die Formulierung der formalen Gestaltung einer Ouvertüre zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildet die Definition im Musikalischen Lexikon von Heinrich Christoph Koch: „Die anjetzt gewöhnlichern Einleitungssätze zu großen Singstücken, denen man den Namen Ouvertüre giebt, haben eine unbestimmte und willkührliche Form; gemei- niglich giebt man ihnen eine dem ersten Allegro der Sinfonie gleiche oder ähnliche Form.“359 357 Todd 1993, S. 52. 358 Die erste Beschreibung der „Sonatenform“ als Einzelsatzform mit dieser Bezeichnung veröffentlichte Carl Czerny „spätestens 1833, vielleicht sogar schon Ende 1832“ (vgl. Peter Cahn: „Carl Czernys erste Beschreibung der Sonatenform [1832]“. In: Musik- theorie 1 [1986], S. 279) als „Zusatz des Übersetzers“ im dritten Teil seiner...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.