Show Less

Die poena naturalis im Straf- und Strafzumessungsrecht

Series:

Sabrina Sprotte

Seit jeher ist die straftheoretische Fundierung des poena naturalis-Gedankens innerhalb des Strafrechtsystems umstritten. Bereits prima facie scheint eine zufällige, nicht durch eine übergeordnete Instanz verhängte Strafe nur schwerlich geeignet zu sein, die Funktion einer staatlichen Strafe zu erfüllen. Gleichwohl hat dieses Phänomen durch § 60 StGB Einzug in das geltende Strafrechtsystem gefunden. Im Fokus der Arbeit steht die Frage, ob die poena naturalis einen legitimen Stellenwert innerhalb des Strafrechts, insbesondere als Absehensgrund von Strafe im Rahmen von § 60 StGB hat bzw. haben kann, was nach ausführlicher Untersuchung verneint wird. Die poena naturalis ist und bleibt eine systemfremde Figur, welche keinerlei Daseinsberechtigung im geltenden Strafrecht hat.

Prices

See more price optionsHide price options
Show Summary Details
Restricted access

A. Einführung und Problemstellung

Extract

Richterliche Strafe (poena forensis), die von der natürlichen (poena naturalis), dadurch das Laster sich selbst bestraft und auf welche der Gesetzgeber gar nicht Rücksicht nimmt, ver- schieden, kann niemals bloß als Mittel ein anderes Gute zu befördern, für den Verbrecher selbst, oder für die bürgerliche Gesellschaft, sondern muß jederzeit nur darum wider ihn verhängt werden, weil er verbrochen hat; denn der Mensch kann nie bloß als Mittel zu den Absichten eines anderen gehandhabt und unter die Gegenstände des Sachenrechts gemengt werden, wowider ihn seine angeborne Persönlichkeit schützt, ob er gleich die bürgerliche einzubüßen gar wohl verurteilt werden kann.1 Können wir überhaupt und – wenn ja – sollten wir in unserem „elaborierten Rechtssystem“ „Strafen“ berücksichtigen, die nicht durch die staatliche Hand verhängt werden, sondern durch eine nicht beeinflussbare, „übermenschliche“ Instanz – genauer gesagt: den Zufall? Kann ein derartiges zufälliges Schadens- ereignis überhaupt geeignet sein, die Funktion einer staatlichen Strafe zu erfül- len? Unter anderem mit diesen Fragen beschäftigten sich bereits die früheren Rechtsgelehrten Kant und Hegel. Aus Kantscher Sicht sei es dem Gesetzgeber nicht erlaubt, auf diese Art der Bestrafung, welche eine Form der Selbstbestra- fung sei, Rücksicht zu nehmen.2 Vielmehr sei allein die richterliche Strafe das richtige Mittel, um das Verbrechen zu vergelten. Gerechtigkeit entstehe allein durch Vergeltung der Tat, indem dem Täter dieselbe Schädigung widerfahren solle, die bereits sein Opfer erleiden musste. Grundsätzlich erscheint eine zufällige, nicht durch...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.