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Erziehung zur Mündigkeit und Kants Idee der Freiheit

Markus Speidel

Obwohl der Mündigkeitsbegriff seine herausragende Stellung in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion mittlerweile eingebüßt hat, ist er immer noch als Erziehungsziel gegenwärtig. Wer von Mündigkeit redet, meint – mal mehr, mal weniger explizit – das Verantwortung begründende Freiheitsvermögen, sich selbst regieren zu können. Angenommen, die moderne Hirnforschung hätte Recht und Freiheit wäre tatsächlich nur eine Illusion, müsste mit der Unmöglichkeit von Freiheit und Verantwortung
konsequenterweise auch der Mündigkeitsbegriff verworfen werden. Kants Idee der Freiheit zeigt, warum Freiheit trotz (neuronaler) Determination widerspruchsfrei gedacht werden kann. Diese Fundierung des Mündigkeitsbegriffs in der Idee der Freiheit schränkt zugleich auch die Bandbreite dessen ein, was Mündigkeit sein kann und nimmt dem Begriff so seine Beliebigkeit.

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3 Illusion Freiheit: Ergebnisse der modernen Hirnforschung

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3.1 Hirnforschung und die Illusion der Willensfreiheit Die Erforschung von Entscheidungsfindungsprozessen in menschlichen Gehir- nen ist aufgrund ihrer enormen Komplexität eine große Herausforderung33. Schon die Gehirne von einfachen Tieren sollen so komplex sein, dass diese, „zumindest mit den heutigen Mitteln“, nicht vollständig verstanden werden kön- nen (Cruse 2009, S. 63). Da aber für die Beantwortung der Frage, ob Entschei- dungsfindungsprozesse in menschlichen Gehirnen determiniert ablaufen oder nicht, Kenntnisse darüber, wie diese Prozesse in „physikalischen Systemen“ prinzipiell funktionieren unabdingbar sind, hat Holk Cruse ein einfaches Modell vorgestellt, dessen Grundmechanismen in komplexeren Gehirnen gleichermaßen wiederzufinden sein sollen (Cruse 2009, S. 63). Cruses Grundmodell beruht auf der Annahme eines sehr einfachen Tieres, das über drei Sinnesorgane verfügt, mit denen es in der Lage ist Futter, Wasser und einen Geschlechtspartner zu erkennen (Cruse 2009, S. 64). Darüber hinaus verfügt das Gehirn über ein System zur Bewertung der Attraktivität der empfan- genen Reize, wobei die den drei möglichen Verhaltensweisen „Fressen“, „Trin- ken“ und „Balzen“ korrespondierenden Reize jeweils mit den Attraktivitätsfak- toren 0,30 für Futter, 0,38 für Trinken und 0,32 für den Geschlechtspartner be- wertet werden (Cruse 2009, S. 64). Wenn diesem einfachen Tier alle Reize auf einmal geboten werden, hat es ein Entscheidungsproblem, weil es nicht auf alle Reize gleichzeitig reagieren kann (Cruse 2009, S. 64). Cruses Modell zur Ent- scheidungsfindung (Abbildung 2) ist dadurch gekennzeichnet, dass die Eingänge nicht direkt mit den Verhaltenselementen am...

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