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Raum und Realismus

Hugo van der Goes’ Bildproduktion als Erkenntnisprozess

Susanne Franke

Diese Arbeit diskutiert die religiösen und bildästhetischen Funktionen und Vorstellungen, die Hugo van der Goes beim Akt des Malens beschäftigten. Im Spiegel seiner Zeit und eines seiner Aufträge, des monumentalen Triptychons für den Leiter der Medici-Filiale in Brügge, Tommaso Portinari, lässt sich eine künstlerische Entwicklung ablesen, die zeigt, welchen bedeutsamen Stellenwert mimetische Malerei für die Sinn- und Gottsuche des frühneuzeitlichen Individuums hatte.

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Abschnitt III: Hugo van der Goes’ Bildproduktion als spirituelle Erkenntnis: für den Betrachter wie für den Maler

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1. Der Status des gemalten Bildes für die Gotteserfahrung: Hugo van der Goes und die Spiritualität seiner Zeit 1. Mystik und Bildgebrauch im Spätmittelalter: Rolle und Funktion einer sich wandelnden Realismusauffassung Grundstrukturen mystischen Denkens finden sich im Werk fast aller religiöser Auto- ren und Theologen des ausgehenden Mittelalters. Hatte sich der erste große Mystiker, Bernhard von Clairvaux, im 12. Jahrhundert primär an ein monastisches Publikum gewandt und die Nachfolge Christi zum Leitfaden ihrer Gebete im Tagesablauf emp- fohlen, stand die mystische Theologie mit ihrem christologischen Weltbild am Ende des 15. Jahrhunderts im Zentrum einer neuen Spiritualität, die die gesamte Bevölke- rung in der Bewegung der Laienfrömmigkeit erfasste. Mit dem Aufkommen zahlrei- cher volkssprachlicher Meditationsanleitungen und vielfältiger Erbauungsliteratur ent- stand die zuvor nie da gewesene Möglichkeit für die „Illitterati“, die des Latein un- kundigen Laien,553 die jenseits aller erfahrbarere Vorstellbarkeit liegende visionäre Gotteserfahrung, die „unio mystica“, zu erreichen. Dies war bisher dem Wissen der Theologen und Kleriker und dem Streben der Mönche und Asketen vorbehalten.554 Denn mit der zunehmenden Eindringlichkeit der Texte, die auf das Nachemp- finden von Christi Leben und Passion abzielten,555 wuchs auch das Interesse und das 553 Der Begriff des „Illiteratus“, den Gregor der Große verwandte, ist schon im 12. Jahrhundert u. a. von Honorius Augustodunensis durch den Begriff „Laicus“ ersetzt worden, da aufgrund der Entwicklung der sozio-ökonomischen Strukturen auch Nicht-Kleriker lesen und schreiben können und zum Teil auch...

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