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Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

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Edited By Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.

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III. Der Krieg als Herausforderung des Denkens – Die Intellektuellen und der Erste Weltkrieg

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Daniel Weidner (Berlin) Innere Wandlung und Selbstmord Europas: Georg Simmel im Ersten Weltkrieg Im August 1918 schreibt Georg Simmel, zu diesem Zeitpunkt bereits todkrank und äußerst sparsam mit Korrespondenz, einen langen Brief an die Vertraute Margarete Susman, die einige Tage vorher den Aufsatz Expressionismus in der Frankfurter Zeitung veröffentlicht hatte Susman verstand den Expressionismus als „Schrei“ gegen die Schrecken der Zeit, als Ausdruck einer neuen Haltung, die auch die Referentin selbst teile: Wollen wir heraus aus diesem Strudel, aus diesem grauenvollen grauen Mischmasch aus niederstem Machtwillen und verworrenem, verratenem Idealismus? […] Dies ist die einzige Frage an unser Leben Heraus, gleichviel ob in Schönheit oder Häßlichkeit, in Ehre oder Schmach, ja selbst ob in Liebe oder Haß Nur heraus: den großen gellenden Schrei ausstoßen, […] der jede Gemeinschaft mit den dumpf treibenden Mächten unserer Zeit verwirft1 Simmel protestiert Er bewundert die Aufrichtigkeit, teilt den Wunsch nach Frie- den und die Abscheu vor der Beschönigung der Schrecken Aber dennoch müsse er Einspruch erheben: Zunächst gegen ein einzelnes Wort: Daß nur ein Ende werden sollte, gleichviel ob ‚in Ehre oder Schmach‘ – nein, das ist nicht gleichviel, schon weil ein Ende in Schmach die Kräfte lähmen würden, aus denen ein vom Krieg erlöstes Leben sich nur aufbauen kann U vor allem: das dürfen unsere Feinde nicht hören, daß Deutsche so verzweifelt, so fertig sind, daß sie sogar einen schmachvollen Frieden annehmen würden, wenn sie ihn nur bekommen k...

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