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«Neuschöpfer des deutschen Volkes»

Julius Streicher im Kampf gegen «Rassenschande»

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Franco Ruault

Wie ist das abstrakte Feindbild des «jüdischen Rassenschänders» zustande gekommen? Welche politischen Strategien, welche Mechanismen von Herrschaft und Unterwerfung verbergen sich dahinter? Wie war es möglich, dass die antisemitischen Sexualphantasien von Rassenschändung die deutsche Gesellschaft in nur wenigen Jahren durchdringen und durch das Wirken von Julius Streicher zur «Kampfgemeinschaft» formen konnten? Diese Arbeit versucht erstmals die Textur jenes Verbrechens zu entschlüsseln, auf welcher der Vorwurf von «Rassenschande» beruht, und zugleich die Ordnung der Wunden, die Matrix des nationalsozialistischen Rassendenkens aufzuzeigen. Der «jüdische Rassenschänder», wie ihn Streicher popularisiert hatte, tritt inmitten Europas in einem seiner modernsten Staaten auf: am Umbruch einer Modernisierungsschwelle, an welcher die deutsche Gesellschaft nicht nur durch soziale, politische und religiöse Erosionsbewegungen zu zerbersten drohte, sondern an der auch gesellschaftliche Alteritäten in den Blick genommen wurden. Aus dem Gegensatz dieser Politikvorstellungen soll erstmals die wohl populärste Variante nationalsozialistischer Judenfeindschaft, die obszöne, sadistische Judenhetze gegen so genannte «jüdische Rassenschändung» deutscher Frauen und Mädchen, wie sie maßgeblich durch Streicher betrieben und forciert worden war, inhaltlich analysiert und in einen historisch-politischen Kontext gestellt werden.
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4. Einkreisung und Entgrenzung

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4.Einkreisung und Entgrenzung

4.1Vom „Rassenkrieg“ zur „Gegenrasse“

„Inmitten des ersten Weltkrieges“, so Streicher während seiner Gefangenschaft 1945 in Mondorf, wäre, nachdem er angeblich „die Geschehnisse überdacht“ hätte, seine „kindliche Ahnung von dem Vorhandensein einer Judenfrage durch ein erstes, bedeutungsvolles Wissen“ abgelöst worden.1 Die Art und Weise, wie Streicher die Grundlagen für die Entstehung seines lebenslangen Judenhasses schildert, lässt sich als bedeutsame Chiffre dafür verstehen, wie sich die äussere Ordnung der kollektiven „Verwundung“ mit der inneren Ordnung seiner individuellen „Wunden“ verbinden, und dadurch die affektive Grundlage für die Empfänglichkeit eines neuartigen Bedrohungsszenarios entstehen lassen konnte. Die individuelle „Ordnung der Wunden“ Streichers, sein traumatischer Bezug zum „Leben“, dem als bitterer „Realität“ die Radikalität der ständigen Todesdrohung eingeschrieben blieb, dazu das Konkubinatsverhältnis seines Vaters zu seiner Mutter, durch welches er sich die tiefe Verachtung der katholischen Geistlichkeit zugezogen hatte und mit lebenslanger Erniedrigung büssen musste, liess Streicher für die kollektiv verbreitete Vorstellung einer den Tod bringenden Geschlechterbeziehung zwischen jüdischen Männern und deutschen Frauen besonders empfänglich werden. Streichers Hinwendung zur Judenfeindschaft gegen Ende des Ersten Weltkrieges ist keineswegs als eine Entwicklung zu verstehen, die ihn in besonderer Weise von anderen unterschieden hätte. Vielmehr war er hier einer von vielen, welche ähnlich dachten und handelten. Dennoch war es ihm schliesslich gelungen, in einer diffusen antijüdischen Atmosphäre ein hasserfülltes Konglomerat zu schmieden, welches sich von allen Judenfeindlichkeiten seiner Zeit, so...

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