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«Neuschöpfer des deutschen Volkes»

Julius Streicher im Kampf gegen «Rassenschande»

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Franco Ruault

Wie ist das abstrakte Feindbild des «jüdischen Rassenschänders» zustande gekommen? Welche politischen Strategien, welche Mechanismen von Herrschaft und Unterwerfung verbergen sich dahinter? Wie war es möglich, dass die antisemitischen Sexualphantasien von Rassenschändung die deutsche Gesellschaft in nur wenigen Jahren durchdringen und durch das Wirken von Julius Streicher zur «Kampfgemeinschaft» formen konnten? Diese Arbeit versucht erstmals die Textur jenes Verbrechens zu entschlüsseln, auf welcher der Vorwurf von «Rassenschande» beruht, und zugleich die Ordnung der Wunden, die Matrix des nationalsozialistischen Rassendenkens aufzuzeigen. Der «jüdische Rassenschänder», wie ihn Streicher popularisiert hatte, tritt inmitten Europas in einem seiner modernsten Staaten auf: am Umbruch einer Modernisierungsschwelle, an welcher die deutsche Gesellschaft nicht nur durch soziale, politische und religiöse Erosionsbewegungen zu zerbersten drohte, sondern an der auch gesellschaftliche Alteritäten in den Blick genommen wurden. Aus dem Gegensatz dieser Politikvorstellungen soll erstmals die wohl populärste Variante nationalsozialistischer Judenfeindschaft, die obszöne, sadistische Judenhetze gegen so genannte «jüdische Rassenschändung» deutscher Frauen und Mädchen, wie sie maßgeblich durch Streicher betrieben und forciert worden war, inhaltlich analysiert und in einen historisch-politischen Kontext gestellt werden.
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6. Mutterleibsphantasien

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6.Mutterleibsphantasien

6.1NS-Frauen und die „Judenfrage“

Die Politik gegen „jüdische Rassenschändung“, wie sie massgeblich von Streicher konzipiert und durchgesetzt wurde, lässt sich als eine Politik charakterisieren, die in der deutschen Gesellschaft gewisse Disziplinar- und Kontrolldispositive gegen so genannte „Rassenschänder“, aber auch „ungehorsame“ Frauen installierte. Die Politik gegen „Rassenschändung“ basierte, wie wir aufzeigen konnten, auf der Um- und Abwertung von Frauen zu „totem“ Stoff, zu Nährmüttern, welche sich dem Ansinnen patriarchaler Politik, nämlich der herrschaftlichen Verfügungsgewalt über die Entstehung des Lebens, unterordnen sollten. Dennoch wissen wir, dass die von den Nationalsozialisten beabsichtigte „Neu-Schöpfung“ des deutschen Volkes von zahlreichen Frauen, welche als Objekt und Zielscheibe mit Hilfe dieser Politik diszipliniert und kontrolliert werden sollten, mitgetragen wurde. Wie jedoch konnte es geschehen, dass ein Feindbild wie des „jüdischen Rassenschänder“, welches sich auf eine derart offenkundige Unterwerfung von „ungehorsamen“ Frauen unter eine Politik der herrschaftlichen Verfügungsgewalt über menschliches Leben stützt als Befreiung empfunden werden konnte? Unsere begriffsgeschichtlichen Forschungen zum Bedeutungswandel von „Rassenschande“ hatten aufgezeigt, dass dieser Begriff, der ein herrschaftliches Sexualverhalten einer abstrakten „weissen Rasse“ gegenüber den kolonisierten Völkern in Afrika für deutsche Männer forderte, eine grosse Anziehungskraft für kolonial engagierte Frauen besessen hatte; nämlich um politische Teilhabe in den Kolonien zu erlangen. Die Art und Weise jedoch, wie die Politik gegen „jüdische Rassenschändung“ von völkischen Frauen wenig später mitgetragen werden konnte, so unsere These, war nur...

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