Show Less
Restricted access

Religion – Macht – Freiheit

Deutsches Neuland: Eine Zwischenbilanz

Series:

Thomas Brose

Zwar schreitet die Säkularisierung in Europa voran, aber der Prozess einer Re-Spiritualisierung gewinnt an Fahrt. Fragen, die unsere Gesellschaft unabhängig von konfessionellen Bindungen bewegen, lauten: Worauf können wir uns verlassen? Was sind Werte, die wirklich zählen? Braucht Europa das Christentum? Aber auch: Welche Gefahren birgt Religion in sich? Können moderne Menschen mit guten Gründen glauben?
Show Summary Details
Restricted access

Wie können die Religionen friedlich und frei beisammen leben?

Extract

*

Ernst-Wolfgang Böckenförde

Die Rede vom säkularisierten Staat ist heute weit verbreitet. Der säkularisierte Staat erscheint einerseits – ungeachtet einer erwarteten wachsenden Bedeutung des Religiösen – weithin als epochale politische Kulturleistung, denn er hat es möglich gemacht, dass Menschen verschiedener religiöser Überzeugung und Weltanschauung friedlich und in Freiheit in und unter einer gemeinsamen Ordnung leben können. Andererseits erhebt sich die Frage, ob dieser Staat von seinem Konzept her den neuen Herausforderungen, die mit einer Wiederkehr des Religiösen und dem Wachsen fundamentalistischer Strömungen einhergehen, hinreichend gewachsen ist, ob also nicht ein Umbau, vielleicht sogar eine Metamorphose zu einem postsäkularisierten Staat stattfinden müsse.1

1.  Zwei Konzepte

Aber was ist eigentlich damit gemeint, wenn von einem säkularisierten Staat gesprochen wird? Der Charakter des säkularisierten Staates lässt sich zunächst so umschreiben, dass ihm die Religion beziehungsweise eine bestimmte Religion nicht mehr verbindliche Grundlage und Ferment der staatlichen Ordnung ist. Staat und Religion sind vielmehr grundsätzlich voneinander getrennt, der Staat als solcher hat und vertritt keine Religion. Er hat sich von der Religion, welche für die politische Ordnung in Antike und Mittelalter lange Zeit bestimmend war, emanzipiert und insofern säkularisiert. Er verfolgt in der Gestaltung des Zusammenlebens der Menschen allein weltliche Zwecke und legitimiert sich aus ihnen; geistiche und religiöse Zwecke liegen außerhalb seines Befugniskreises. Er realisiert damit ein Prinzip, das schon 1562, am Vorabend der Hugenottenkriege in Frankreich,...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.