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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.
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Die Verwandlung der Guckkastenbühne oder: Von der Einfühlung zur Hypnose

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Die Vorstellungen vom kultischen Volksschauspiel, die Absicht, Theater als Gemeinschaftserlebnis zu inszenieren, das Darsteller und Zuschauer austauschbar macht, ließ sich nicht mit den Aufführungsformen und der Architektur des traditionellen Theaters in Einklang bringen. So wird immer wieder Kritik an der „Guckkastenbühne“54 und am geschlossenen Theaterraum geübt. Die „höfische Tradition“55 mit ihrer „klassenmäßige[n] Trennung der Zuschauer“56 in Logen und Ränge beruhe auf einer „überwundenen Klasseneinteilung“57, die als „reine Äußerlichkeit“58 allerdings die „nationalsozia ← 23 | 24 → listische Kulturpflege“ auch im „Barocktheater“ nicht „ernstlich behindern“ könne59. Der Reichsdramaturg ist sich sicher:

„Führen wir nationalsozialistische Menschen in einen dieser auf uns überkommenen Räume und geben wir nationalsozialistische, von Nationalsozialisten gespielte Werke, dann möchte ich sehen, ob diese Gemeinsamkeit aller die äußere Anordnung der Sitzplätze nicht völlig bedeutungslos erscheinen lässt.“60

Schlössers Forderung: „Es muß so gespielt werden, daß das Sichtbare, die Logen, Ränge usw. unsichtbar, das Unsichtbare aber, die latente Metaphysik jeder echten Dichtung, sichtbar wird.“61 Die „theatralische Darbietung […] muß mehr als früher über ‚die Rampe springen‘“62, das „illusionistische Theater“63 mit seiner Trennung von Bühnengeschehen und Publikum überwunden werden.

Mit dieser Forderung befindet sich Schlösser jedoch gerade dort, wovon er sich absetzen möchte, nämlich bei der Tradition des bürgerlichen Theaters, dessen Überwindung er propagiert und das aus anderen Gründen auf eine Aufhebung dieser Trennung...

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