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Vom Ich erzählen

Identitätsnarrative in der Literatur des 20. Jahrhunderts

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Edited By Heribert Tommek and Christian Steltz

Narrative des Ich und des Selbst sind für die bürgerliche Kultur konstitutiv. Dieser Band beleuchtet, wie das Ich seit Rimbauds Fanal «Je est un autre» destruiert wurde. Nietzsches «Tod Gottes» entthronte das Ich. Ernst Mach erklärte es für «unrettbar», da er es auf seine einzelnen Elemente zurückführte, während Freud das Ich schließlich nach seinen Funktionen im psychischen Apparat zerlegte. Mit der Ich-Auflösung vollzog sich eine fundamentale metaphysische Krise. Die Beiträge zeigen, wie sich diese Auflösung als Katalysator für eine dynamisierte Modernisierung der Künste erwies. Denn paradoxerweise steht die Destruktion des Ich für eine neue, autonome Subjektkonstitution in der Literatur des 20. Jahrhunderts.
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Jürgen Daiber - „Das Ich und sein innerer Lärm“ – Kafka als Tagebuchschreiber

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Jürgen Daiber

„Das Ich und sein innerer Lärm“ – Kafka als Tagebuchschreiber

„Ein Mann ohne Tagebuch ist wie ein Weib ohne Spiegel“.1 Diese Äußerung des unfreiwilligen Junggesellen Gottfried Keller trifft auch auf den frühen Tagebuchschreiber und Junggesellen Franz Kafka in gewissem Sinne zu. Denn das Tagebuch – dies wird zu zeigen sein – ist bei Kafka der zentrale Ort der Selbstvergewisserung des Ichs. Das Subjekt konstituiert sich, forciert formuliert, bei Kafka mittels narrativer Strategien. Aus dem als Störung empfundenen Lebensalltag heraus geleitet der Tagebuchschreiber Kafka den notorischen Selbstbeobachter Kafka auf psychisch halbwegs gesichertes Terrain. Seine fragile Identität sucht der Autor dabei über einen Zustand zu stabilisieren, den er selbst an einer Stelle einmal als das „Glück des guten Schreibens“2 kennzeichnet. Doch Kafka wäre nicht Kafka, würde er nicht in diesem Modell einer Erleichterung der seelischen Ökonomie durch die Schrift zugleich auch eine Gefahrenquelle der Identitätsbildung sehen.

Warum? Die Tagebücher Kafkas bieten eine große Fülle an Daten, die eine spezifische Spielart der Selbstbeobachtung in Form radikaler Introspektion thematisieren.3 Diese Form der Selbstbeobachtung dient Kafka wesentlich dazu, eine schonungslose Analyse der eigenen seelischen und körperlichen Befindlichkeit durch die Prozedur des Schreibens in immer neuen und sehr häufig quälenden Anläufen vorzunehmen. Ziel ist es dabei, jenem vermeintlich autonomen oder zumindest sich um Autonomie bemühenden Ich über den performativen Akt des Erzählens das Gewand einer halbwegs stabilen...

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