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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

Series:

Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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2. Phraseologie und formelhafte Sprache: Eine problemorientierte Bestandsaufnahme im Hinblick auf „phraseologische Irregularitäten“

2.  Phraseologie und formelhafte Sprache: Eine problemorientierte Bestandsaufnahme im Hinblick auf „phraseologische Irregularitäten“

2.1  Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels

Die Phraseologie ist als eigenständige Forschungsdisziplin aus der Sprachwissenschaft nicht mehr wegzudenken, gerade auch, weil sie sich als eine fruchtbare Quelle für innerdisziplinäre Forschungs- und Erklärungsansätze erweist.9 DOBROVOLSKIJ (1992: 29) spricht der Phraseologie sogar eine zentrale Stellung innerhalb der modernen Linguistik zu, die vor allem aus der Aufweichung der traditionellen Phraseologie-Grenzen, die in den frühen Ansätzen meist nicht über das Feld der Idiomatik im klassischen Sinne hinausreichen, und der damit verbundenen Kooperation mit verschiedenen linguistischen Theorien, Methoden und Disziplinen resultiere.10 Dabei ist es gerade die inner- und interdisziplinäre Kooperation, die die Grenzen des Untersuchungsgegenstands erheblich aufweicht und zwangsläufig zu Abgrenzungsschwierigkeiten gegenüber anderen linguistischen Teildisziplinen führt (vgl. STEIN 1994: 153). Die im Laufe der Zeit entstandenen fließenden Grenzen veranlassen BÖHMER (1997) sogar zu der Frage, ob die Phraseologie heute noch als einheitliches Gebiet haltbar ist. Hierzu ist zu sagen, dass die Phraseologie zum gegenwärtigen Zeitpunkt trotz der sukzessiven Ausweitung ihres Untersuchungsgegenstands und ihrer innerdisziplinären ← 11 | 12 → Öffnung als einheitliches Gebiet angesehen werden kann. Der Untersuchungsbereich hat sich zwar stark erweitert – mit der Folge, dass die Grenzen zu Nachbardisziplinen wie zum Beispiel der Syntax und der Textlinguistik immer mehr verschwimmen –, diese Entwicklung ist aber noch lange kein Grund, der Phraseologie ihre Eigenständigkeit abzusprechen. Ganz im Gegenteil: Es zeichnet sich immer mehr ab, wie viel „Phraseologisches“ in anderen linguistischen Teildisziplinen steckt.

Das folgende Kapitel skizziert Formen dieser Ausweitung und gibt einen problemorientierten Einblick in den gegenwärtigen Stand der Phraseologieforschung. Es werden die Forschungsgeschichte, terminologische Fragen, Eigenschaften und Klassen formelhafter Wendungen sowie zwei Modelle zur Kategorisierung des phraseologischen Bestandes genauer und vor allem immer im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit betrachtet. Zentral ist dabei die Frage, inwiefern sich die phraseologietypischen Eigenschaften der Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität bei „irregulären“ Phrasemen ausdrücken und ob es hierbei auffällige Unterschiede zu unmarkierten Wendungen gibt. Das Kapitel dient zudem der Einführung in das Zentrum-Peripherie-Modell und das Ebenen-Modell, auf die gegen Ende der Arbeit nochmals intensiver im Zusammenhang mit der theoretischen Einordnung „phraseologischer Irregularitäten“ eingegangen wird (siehe Kapitel 18.5 und 18.6).

2.2  Forschungsgeschichte der Phraseologie, oder: Die Ausweitung des Untersuchungsgegenstands und die damit einhergehende Vernachlässigung „phraseologischer Irregularitäten“

Die Forschungsgeschichte der deutschen Phraseologie kann nach KÜHN (2007) in drei Phasen unterteilt werden (siehe Übersicht 2–1).

1)  Die vorwissenschaftliche Vorphase (circa 1500–1970) ist geprägt vom intensiven Sammeln und Dokumentieren von Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten (vgl. KÜHN 2007: 620f.). Diese „historische Sprichwörterlexikographie“ liefert allerdings „keine Impulse für die Ausarbeitung einer linguistisch fundierten Phraseographie oder Phraseologie“ (KÜHN 2007: 621).

2)  Eine eigentliche Phraseologieforschung – so wie wir sie heute kennen – kristallisiert sich in Deutschland erst Anfang der 1970er Jahre durch den Einfluss sowjetischer Forschung heraus. In der Anfangsphase geht es vor ← 12 | 13 → allem darum, den Gegenstandsbereich und die Klassifikation von Phrasemen sprachstrukturell zu erfassen (vgl. KÜHN 2007: 621–626).

3)  Die allmähliche Ausweitung des Untersuchungsgegenstands und die Erkenntnis des graduellen Charakters phraseologischer Einheiten leiten in die sogenannte Konsolidierungsphase über, an deren Anfang vor allem die (Einführungs-)Werke von BURGER u. a. (1982) und FLEISCHER (1982) stehen (vgl. KÜHN 2007: 626–631). Der sprachstrukturelle Ansatz wird zunehmend durch semantische, pragmatische und textuelle Fragestellungen ersetzt. Die weitere Auffassung von „Festigkeit“ und das damit verbundene Konzept der „Formelhaftigkeit“ bereiten darüber hinaus den Weg zur Verknüpfung der Phraseologieforschung mit angrenzenden linguistischen Teildisziplinen (z. B. Gesprochene Sprache Forschung und Textlinguistik).

Übersicht 2-1:  Forschungsgeschichte der (germanistischen) Phraseologie nach KÜHN (2007), erweitert durch STUMPF

image ← 13 | 14 →

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Ein Ende der Konsolidierungsphase sieht KÜHN (2007) nicht, wobei gerade der Sammelband „Phraseologie. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung.“, in dem dieser Aufsatz publiziert ist, eine weitere Zäsur ermöglicht und die Konsolidierungsphase bereits für abgeschlossen erklärt werden kann. Die Aufnahme der Phraseologie in die renommierte Reihe „Handbücher zur ← 14 | 15 → Sprach- und Kommunikationswissenschaft“ zeigt, dass sie sich längst zu einer eigenständigen Disziplin entwickelt hat und eine neue Phase eingeleitet ist:

4)  Die nun folgende Spezialisierungsphase ist bzw. wird meines Erachtens geprägt vom Versuch, die Grenzen zwischen freiem und phraseologischem Sprachgebrauch mittels intensiver Kollokationsforschung11 weiter zu relativieren, sowie der zunehmenden inner- und interdisziplinären und sprachvergleichenden Vernetzung. Darüber hinaus zeichnen sich korpus- und computerlinguistische Ansätze immer mehr als solide und für die phraseologische Forschung nutzbringende Methoden ab, die es ermöglichen, hochfrequente Muster unseres Sprachgebrauchs aufzudecken (siehe BUBENHOFER 2009 sowie STEYER 2013). Ein wichtiges, zum Teil jedoch vernachlässigtes Anliegen ist außerdem schon seit Längerem und auch heute noch, die Phraseologie auf eine solide theoretische Grundlage zu stellen. Mit FEILKES (1994, 1996, 1998) Konzept der idiomatischen Prägung sowie dem daraus resultierenden Ebenen-Modell (siehe FEILKE 2004) sind hierfür bereits vielversprechende Ansätze vorhanden, die in der vorliegenden Arbeit aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Im Fokus zukünftiger Phraseologieforschung werden zudem Untersuchungen stehen, die formelhafte Sprache mit der zurzeit äußerst „attraktiven“ Konstruktionsgrammatik in Verbindung bringen; die Konstruktionsgrammatik bietet sich für eine stärkere theoretische Fundierung der Phraseologie geradezu an. Diesbezüglich stellt FEILKE (2007: 63) fest, dass

     es – vielleicht abgesehen von der aktuellen Hochkonjunktur der Kollokationsforschung – kaum ein phraseologisches Forschungsgebiet [gibt], das in der jüngsten Forschungsentwicklung eine vergleichbar große Aufmerksamkeit in der allgemeinen Sprachtheorie gefunden hätte.

     Ein großes Desiderat besteht weiterhin im Bereich einer historischen Aufarbeitung formelhafter Sprache. Zwar sind durch das HiFoS-Projekt an der Universität Trier das Althochdeutsche und zum Teil auch das Mittelhochdeutsche und Frühneuhochdeutsche einer phraseologischen Analyse unterzogen worden, eine größere und zusammenhängende Arbeit, die diese Ergebnisse bündelt und für die Forschungsgemeinschaft aufbereitet, steht aber noch aus (siehe FILATKINA in Vorbereitung). Darüber hinaus kann sich die Diskurslinguistik in den nächsten Jahren sicherlich nicht (mehr) davor versperren, auch feste Wortverbindungen als diskursanalytisches Zugriffsobjekt genauer in ← 15 | 16 → den Blick zu nehmen.12 Dass Phraseme ein „diskursmarkierendes Potenzial“ besitzen, verdeutlichen KREUZ/STUMPF (2014) anhand eines anschaulichen Beispiels und plädieren daher „für eine intensivere Vernetzung der beiden sprachwissenschaftlichen Forschungszweige“ (KREUZ/STUMPF 2014: 50).

Während in den Anfängen der (germanistischen) Phraseologieforschung vor allem feste und idiomatische Wortverbindungen (Idiome) im Mittelpunkt stehen, dehnt sich im Laufe der Jahre der Untersuchungsbereich auch auf Einheiten aus, die die traditionellen Definitionsmerkmale nur noch teilweise aufweisen (z. B. Routineformeln) (vgl. SCHMALE 2011: 179). Es setzt sich die Unterscheidung zwischen einem „engen“ (polylexikalisch, fest, idiomatisch) und einem „weiten“ Phraseologiebegriff (polylexikalisch, fest) durch (vgl. BURGER 2010: 14). Diese könnte angesichts der sukzessiven Erweiterung des Untersuchungsgegenstands sogar um einen „sehr weiten“ Phraseologiebegriff ergänzt werden, da es zum einen formelhafte Erscheinungen gibt, die nicht polylexikalisch sind (z. B. pragmatische Einwortäußerungen wie hallo, dankeschön und tschüs) bzw. dieses Kriterium weit überschreiten (formelhafte Texte). Zum anderen zeigen korpuslinguistische Studien, dass sich Formelhaftigkeit nicht nur in Form semantischer, struktureller oder pragmatischer Festigkeit bemerkbar macht, sondern dass sich formelhafte Einheiten auch durch hohe Gebrauchshäufigkeit bzw. Kookkurrenz etablieren können (sogenannte usuelle Wortverbindungen nach STEYER 2013).13 Von einer „sehr weiten Fassung“ der Phraseologie spricht auch SCHINDLER (1996a: 22), indem er das Merkmal der Reproduziertheit anführt, das sich gerade auch auf völlig reguläre Verbindungen anwenden lasse. SCHINDLER (1996a: 23) geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht von einer „extrem weite[n] Fassung von ← 16 | 17 → Phraseologie […], wenn man darunter generell die Untersuchung der Verbindbarkeit der Lexeme einer Sprache versteht, so daß auch freie Wortverbindungen zum Phänomenbereich zählen.“ Er kommt jedoch zu dem Schluss – dem ich mich anschließen möchte –, dass solch eine „extrem weite“ Auffassung angesichts der unendlichen Größe frei produzierter Verbindungen unzweckmäßig ist.

An den Bereich einer „sehr weiten“ Phraseologie knüpft in letzter Zeit der relativ neue konstruktionsgrammatische Ansatz an, der davon ausgeht, dass eine natürliche Sprache aus mehr oder weniger vorgefertigten und routinierten Konstruktionen besteht. Danach können sprachliche Einheiten als Form-Bedeutungspaare (sogenannte Konstruktionen) beschrieben werden (vgl. STEFANOWITSCH 2011a: 181), die zum Teil dem Bereich der Phraseologie angehören, zum Teil jedoch die Grenzen einer „sehr weiten“ Konzeption sprengen (z. B. abstrakte, lexikalisch nicht-spezifizierte Satzbaupläne). Auf die Gefahr, dass der Phraseologiebegriff im Falle eines Einbezugs syntaktischer Musterhaftigkeit im Sinne der Konstruktionsgrammatik überstrapaziert wird, macht FEILKE (2007: 64) aufmerksam, wenn er die berechtigte Frage stellt,

ob die Ausdehnung eines erweiterten Begriffs von Phraseologizität auch auf den Bereich der Syntax nicht zu einem panphraseologischen Sprachkonzept führt, das ebenso kritisch zu sehen wäre wie etwa panmetaphorische Bedeutungskonzeptionen in der Semantik und Sprachphilosophie.

Im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist anzumerken, dass trotz des steigenden Interesses an peripheren phraseologischen Klassen (vgl. BURGER 2004: 38) kaum Studien zu den wohl zentralsten Phrasemtypen vorliegen: Phraseme mit formalen und/oder semantischen „Irregularitäten“. Feste Wortverbindungen, die in ihrer Struktur oder Semantik in irgendeiner Weise vom freien Sprachgebrauch abweichen, werden seit jeher aufgrund ihres stark „irregulären“ Charakters als die typischsten festen Wortverbindungen angesehen: sozusagen Phraseme par excellence. Die stetige Ausweitung des Gegenstandsbereichs steht im Widerspruch mit der kaum vorhandenen Grundlagenforschung zu „irregulären“ phraseologischen Einheiten. Die Verlagerung des Forschungsschwerpunkts hin zu peripheren, regulären formelhaften Wendungen erfolgte ohne die wirkliche Auseinandersetzung mit den scheinbar im Zentrum stehenden „irregulären“ Phänomenen.14 Die vorliegende Arbeit wirkt diesem defizitären Forschungsstand entgegen und befasst sich zum ersten Mal intensiver mit diesen Phrasemtypen. ← 17 | 18 →

2.3  Zur (Phraseologie-)Terminologie

Ein großes Problem der Phraseologieforschung bestand lange Zeit in der überaus heterogenen Terminologie für die Bezeichnung des Untersuchungsgegenstands. Während die Begrifflichkeiten (insbesondere in der sogenannten Anfangsphase) kaum an zwei Händen abzählbar waren,15 hat man sich in der heutigen Phraseologieforschung im Großen und Ganzen auf die beiden synonym verwendeten Termini „Phrasem“ bzw. „Phraseologismus“ festgelegt.16 Der die Teildisziplin benennende Terminus „Phraseologie“, der in früheren Arbeiten oft mit „Idiomatik“ gleichgesetzt wird, steht in der heutigen Forschung fast ausschließlich für eine weite Konzeption des Untersuchungsgegenstands (vgl. LÜGER 1999: 31).17

Ein weiterer wichtiger und für die heutige Forschung geradezu richtungsweisender Terminus gelangt mit der Erforschung von (sprachlichen) Routinen und in Anlehnung an die Kommunikationstheorie, Ritualforschung und Textsortenlinguistik in die Phraseologieforschung: formelhafte Sprache bzw. Formelhaftigkeit (vgl. FILATKINA 2011: 79). Der Terminus spiegelt die Ausweitung des Gegenstandsbereichs wider, da er sich vor allem auf Einheiten bezieht, die nicht mehr dem traditionellen Kernbereich angehören (z. B. pragmatische Phraseme, Kollokationen und Modellbildungen):

Als ‚phraseologisch‘ werden also längst nicht mehr allein Einheiten mit idiomatischer Bedeutung angesehen, sondern auch solche Wendungen, die sich durch häufige Verwendung in fester Form auszeichnen. Der Bezeichnung ‚phraseologisch‘ kommt somit mittlerweile ein sehr breites Bedeutungsspektrum zu: Im engen (und klassischen) Sinne wird ‚phraseologisch‘ gleichgesetzt mit ‚idiomatisch‘, im weiten Sinne heißt ‚phraseologisch‘ (lediglich) ‚formelhaft‘. (STEIN 1994: 153)

„Phraseologisch“ ist mit „formelhaft“ bzw. „Phraseologie“ mit „Formelhaftigkeit/formelhafter Sprache“ nicht gleichzusetzen. Es lassen sich Merkmale anführen, die eine Unterscheidung der beiden Termini „Phraseologie“ und „Formelhaftigkeit/formelhafte Sprache“ rechtfertigen. Am deutlichsten werden die ← 18 | 19 → Berechtigung und der Nutzen einer solchen Differenzierung anhand der Definition von „formelhafter Sprache“ nach STEIN (1995: 57):

Formelhaft sind sprachliche Einheiten, die durch Rekurrenz, d. h. durch häufigen Gebrauch, fest geworden sind oder fest werden. Aufgrund der Festigkeit im Gebrauch sind oder werden sie lexikalisiert, d. h. sie sind Bestandteile oder werden zu Bestandteilen des Wortschatzes, so daß sie von den Sprachteilhabern als fertige komplexe Einheiten reproduziert werden.

Die Definition zeigt zwei wichtige Unterscheidungspunkte zwischen „Phraseologie“ und „formelhafter Sprache“: zum einen im Bereich der Festigkeit, die sich bei formelhaften Wendungen nicht durch Idiomatizität, sondern durch ihre Rekurrenz ergibt, und zum anderen die Besonderheit, dass auch Erscheinungsformen als formelhaft analysiert werden können, die den Prozess der Lexikalisierung noch nicht vollständig durchlaufen und abgeschlossen haben.18

Insgesamt ist „Formelhaftigkeit“ also weiter zu fassen als „Phraseologie“ (vgl. FILATKINA 2009a: 146). Der Terminus „Formelhaftigkeit“ bzw. „formelhafte Sprache“ schließt alle Erscheinungsformen des traditionellen Begriffs der Phraseologie mit ein. „Formelhafte Wendung“ ist nicht als Synonym, sondern als Hyperonym für „Phrasem“ zu betrachten (vgl. STEIN 1995: 43f.).19 Die vorliegende Arbeit schließt sich dieser terminologischen Unterscheidung an. Wenn im Folgenden von „formelhaft“ bzw. „formelhaften Wendungen“ die Rede ist, bedeutet dies eine weite Konzeption des Untersuchungsgegenstands, wodurch die peripheren Erscheinungsformen – aber eben auch die zentralen Vertreter – und somit der gesamte Bereich der formelhaften Sprache mitinbegriffen sind.20 Die ← 19 | 20 → Berücksichtigung peripherer formelhafter Wendungen ist deswegen wichtig, da diese ebenfalls „phraseologische Irregularitäten“ aufweisen (können): beispielsweise Unikalia in Routineformeln (z. B. mein lieber Scholli!) oder Modellbildungen (z. B. im/aus dem Umkreis von X[Nominalphrase]). Des Weiteren spielen auch solche Wendungen eine Rolle, die keinerlei Idiomatizität besitzen und die sich durch eine hohe Gebrauchshäufigkeit bzw. Kookkurrenz verfestigt haben oder sich auf dem Weg der Stabilisierung befinden: z. B. die Unikalia am/an den Stadtrand, vor/bei/nach Tagesanbruch und Abstand nehmen/wahren/halten // mit Abstand.

Nicht zuletzt kann ein weiteres Merkmal formelhafter Sprache am Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit aufgezeigt werden. Formelhafte Wendungen sind nach STEIN (1995: 57f.) auf keine lexikalische bzw. syntaktische Unter- oder Obergrenze festgelegt. So existieren beispielsweise auch unikale formelhafte Einwortäußerungen. Hierbei handelt es sich um Routineformeln, die aus einem Wort bestehen, das für gewöhnlich nur innerhalb einer speziellen kommunikativen Situation funktional (z. B. als (Empfindungs-)Ausruf, Begrüßung oder Verabschiedung) eingesetzt werden kann (z. B. Pustekuchen, igitt, hurra, hallo und tschüs), außerhalb dieser Kontexte demnach nicht frei auftritt.21 Diese Erscheinungen sind nicht – wie bei einer traditionellen Unikalia-Auffassung – an bestimmte Wörter, sondern an spezielle (Kommunikations-)Situationen gebunden, weshalb SCHINDLER (1996a: 12) diese auch als „pragmatisch gebundene Wörter“ bezeichnet.22 Angesichts des Einbezugs solcher Einwortunikalia sowie weiterer peripherer Klassen deckt die vorliegende Studie das ganze Spektrum einer engen und (sehr) weiten Phraseologiekonzeption ab.23 ← 20 | 21 →

Es sollte deutlich werden, dass sich die beiden Begriffe „Phraseologie“ und „Formelhaftigkeit“ nicht unvereinbar gegenüber stehen oder sich gar widersprechen, sondern beide in unmittelbarer Beziehung zueinander stehen und die parallele Verwendung nicht unbedingt einen Widerspruch darstellt. Letztlich ist es auch immer eine Frage der Perspektive, wie man die beiden Termini „Phraseologie“ und „Formelhafte Sprache“ gegenüberstellt und unter- bzw. überordnet. Es spräche beispielsweise auch nichts dagegen, formelhafte Sprache als eine spezifische Erscheinungsform der Phraseologie zu betrachten (Formelhaftigkeit also im Grunde nur als eine Ausprägung der Phraseologie).

Bezieht man neben den beiden Termini der „Phraseologie“ und der „Formelhaftigkeit“ noch die der „Idiomatik“ und der „Konstruktion“ in die Bestimmung des Untersuchungsgegenstands mit ein, so ergibt sich das in Übersicht 2–2 dargestellte Bild, das neben den terminologischen (Hierarchie-)Zusammenhängen auch die sukzessive Ausweitung des „phraseologischen“ Untersuchungsgegenstands veranschaulicht:

Übersicht 2-2:  (terminologische) Ausweitung des „phraseologischen“ Untersuchungsgegenstands

image ← 21 | 22 →

Zu sehen ist das klassische Zentrum-Peripherie-Modell, das vor allem zu Beginn der Phraseologieforschung zur Ein- und Ausgrenzung des Gegenstandsbereichs diente (siehe Kapitel 2.6). Innerhalb des Modells ist gekennzeichnet, welche sprachlichen (Mehrwort-)Erscheinungen jeweils von den unterschiedlichen Termini erfasst werden. Während sich die Idiomatik ausschließlich mit den im Zentrum stehenden Einheiten – d. h. Idiomen und Teil-Idiomen – beschäftigt, ist der Phraseologiebegriff weitergefasst. Der Untersuchungsbereich der Phraseologie geht über den klassischen Bereich der Idiomatik hinaus, da er beispielsweise auch nicht-idiomatische und satzförmige Wortverbindungen umfasst. Zum Teil werden auch pragmatische Wendungen, Kollokationen sowie Modellbildungen als phraseologisch bezeichnet. Für diese Erscheinungsformen hat sich jedoch der Terminus Formelhaftigkeit bzw. formelhafte Sprache etabliert. Der aus der Konstruktionsgrammatik stammende Begriff der Konstruktion (Form-Bedeutungspaar) kann als oberstes Hyperonym angesehen werden. Er umschließt zum einen idiomatische, phraseologische und formelhafte Wortverbindungen, zum anderen aber auch Erscheinungen, die weit über diese Bereiche hinausgehen, die also nicht mehr zum Untersuchungsgebiet der formelhaften Sprache gehören. Beispielsweise werden unter Konstruktionen auch abstrakte Satzmodelle zusammengefasst, die keine (festen) lexikalischen Bestandteile aufweisen, wie etwa sogenannte Ditransitiv-Konstruktionen nach dem Muster [[NPNom] [VP] [NPDat] [NPAkk]] à Hans schenkt Anna ein Buch (vgl. ZIEM/LASCH 2013: 19).24 Insgesamt verdeutlicht Übersicht 2–2, dass alle Erscheinungsformen einer niedrigeren Ebene auch zum Untersuchungsbereich der jeweils darüberliegenden Ebene gerechnet werden können. Im Grunde handelt es sich bei den Begriffen Idiomatik, Phraseologie, Formelhaftigkeit und Konstruktion somit um Hyperonymie- und Hyponymie-Verhältnisse. In der vorliegenden Arbeit spielen alle Termini eine Rolle, da sich „phraseologische Irregularitäten“ mehr oder weniger in alle vier Bereiche einordnen lassen.

2.4  Eigenschaften formelhafter Wendungen und die Abgrenzungsproblematik zu freien Wortverbindungen

2.4.1  Die Vielfalt phraseologischer Eigenschaften

Im Laufe der Jahre werden viele verschiedene Eigenschaften angeführt, die zum einen die Besonderheiten von Phrasemen aufzeigen und zum anderen als Abgrenzungskriterien zu freien Wortverbindungen fungieren sollen. Die ← 22 | 23 → Wichtigkeit der verschiedenen Merkmale analysiert SCHINDLER (1996a) anhand von 49 phraseologischen Werken, indem er deren Nennungshäufigkeit überprüft (siehe Übersicht 2–3):

Übersicht 2-3:  Häufigkeit phraseologischer Merkmale in der Forschungsliteratur nach SCHINDLER (1996a)

 

Eigenschaft

Häufigkeit der Nennung

1

Idiomatizität

26 (sehr häufig)

2

Stabilität/Festigkeit

22 (sehr häufig)

3

Mehrwortigkeit/Polylexikalität

18 (sehr häufig)

4

Reproduziertheit/Reproduzierbarkeit

17 (sehr häufig)

5

Lexikalisiertheit

13 (sehr häufig)

6

Übersetzbarkeit

7 (manchmal)

7

Wortäquivalenz

6 (manchmal)

8

Kontextrestriktion

6 (manchmal)

9

Expressivität

5 (manchmal)

10

Bildhaftigkeit

3 (selten)

11

Stilistische Markiertheit

3 (selten)

12

pragmatische Gebundenheit/Fixiertheit

2 (selten)

13

Nichtsatzhaftigkeit

2 (selten)

14

Normative Festlegung

2 (selten)

15

Assoziation 2

(selten)

16

Bewusstheit/Geläufigkeit

1 (selten)

17

Frequenz

1 (selten)

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Seine Stichprobenauswertung zeigt deutlich, dass Polylexikalität, Idiomatizität und Festigkeit (zur Festigkeit zähle ich Reproduziertheit/Reproduzierbarkeit sowie Lexikalisiertheit mit hinzu)25 als die drei wichtigsten Eigenschaften angesehen werden. Die letzten Plätze nehmen u. a. die Kriterien „pragmatische Gebundenheit/Fixiertheit“, „Bewusstheit/Geläufigkeit“ und „Frequenz“ ein, obwohl diese gerade für formelhafte Wendungen signifikant sind und somit aus heutiger Sicht sicherlich eine höhere Position in einer Eigenschaftsrangliste phraseologischer Einheiten einnehmen würden.26 ← 23 | 24 →

Eine für die vorliegende Arbeit interessante phraseologische Eigenschaft führen u. a. ŁABNO-FALĘCKA (1995) und DONALIES (2005) an, indem sie auf das Merkmal der „morphosyntaktischen Anomalie“ hinweisen. Für ŁABNO-FALĘCKA (1995: 166) ist dieses gar „das wichtigste Identifikationsmittel, um Phraseme von freien Wortverbindungen abzugrenzen“. Mit SCHMALE (2011: 182) muss jedoch konstatiert werden, dass morphosyntaktische Abweichungen kein „ausreichendes Kriterium für die Definition phraseologischer Ausdrücke darstellen.“27 Gerade mit der Ausweitung des Untersuchungsgegenstands und der Hinwendung zu peripheren Klassen zeigt sich, dass viele Wortverbindungen als morphosyntaktisch wohlgeformte, den Regeln des freien Sprachgebrauchs entsprechende Erscheinungen angesehen werden müssen. Das Vorhandensein von „Irregularität“ ist demnach zwar eine auffällige, jedoch keine notwendige Eigenschaft phraseologischer Einheiten:

Will jemand ausschließlich solche speziellen Ausnahmen zu Phrasemen erklären und alles Andere zu Nichtphrasemen? Morphosyntaktische Anomalie ist also wohl doch kein brauchbares Kernkriterium für Phraseme. (DONALIES 2005: 342)

Im Folgenden werden die drei Eigenschaften der Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität sowie die in SCHINDLERS (1996a) Auswertung zwar noch als „selten“ markierte, heute aber kaum wegzudenkende Eigenschaft der Gebrauchsfrequenz bzw. Kookkurrenz (siehe u. a. STEYER 2000, 2002, 2003, 2004) erläutert. Ziel ist es, diese Kriterien nicht nur vorzustellen und zu beschreiben, sondern vor allem ihre Abgrenzungstauglichkeit gegenüber freien Wortverbindungen kritisch zu hinterfragen. Darüber hinaus steht die Verbindung der vorgestellten Merkmale mit der Klasse „phraseologischer Irregularitäten“ im Mittelpunkt. Fokussiert wird dabei, inwieweit die wesentlichen phraseologischen Kriterien auch bei diesen besonderen Wendungen anzutreffen sind.

2.4.2  Polylexikalität

Zwar stellen LÜGER (1999: 6) und BURGER (2002: 392, 2010: 15) fest, dass es sich bei Polylexikalität um ein „relativ unproblematisches“ Merkmal handelt, d. h. aber nicht, dass bezüglich dieses Kriteriums keinerlei Schwierigkeiten auftreten können. Zum einen stellt sich die Frage, wie mit Erscheinungsformen umzugehen ← 24 | 25 → ist, die nur monolexikalischer Natur sind (Grenzziehung „nach unten“) und zum anderen drückt die Eigenschaft der Polylexikalität keine obere Grenze phraseologischer bzw. formelhafter Einheiten aus (Grenzziehung „nach oben“).

Grenzziehung „nach unten“:

1)  Im Zusammenhang mit Ausnahmen der Mehrgliedrigkeit verweist STEIN (1995: 27) auf sogenannte dialektale Zusammenziehungen wie beispielsweise von weißt du? zu weißt(e)?, von siehst du? zu siehste? oder gar von guten Abend zu nabend. Hier spielt es keine Rolle, ob diese polylexikalisch oder monolexikalisch realisiert werden; auf die gesprächsspezifische Funktion dieser Ausdrücke hat dies keine Auswirkungen.

2)  Ein ähnlicher Fall, bei dem die pragmatische Funktion nicht von der Polylexikalität bzw. Nicht-Polylexikalität des Ausdrucks beeinflusst wird, liegt bei formelhaften Einwortäußerungen wie hallo, danke und tschüs vor (vgl. STEIN 1995: 27). So macht es keinen Unterschied (außer vielleicht einen sozialen bzw. stilistischen), ob das Gegenüber mit guten Tag oder hallo begrüßt wird, man sich bei jemandem mit vielen Dank oder danke erkenntlich zeigt oder man sich mit auf Wiedersehen oder tschüs verabschiedet. Obwohl sie das Kriterium der Polylexikalität nicht erfüllen, gehören solche formelhaften Einwortäußerungen dennoch aufgrund ihrer pragmatischen Festigkeit zum Bereich der Formelhaftigkeit (vgl. FILATKINA 2007a: 143). Auch im Bereich „phraseologischer Irregularitäten“ lassen sich Phänomene finden, bei denen das Kriterium der Polylexikalität zu unflexibel erscheint. Mit anderen Worten: Auch bei monolexikalischen Einheiten lassen sich teilweise dieselben „irregulären“ Erscheinungsformen finden wie bei den in der vorliegenden Arbeit behandelten Mehrwortverbindungen. Beispielsweise gibt es – wie weiter oben vorgestellt – auch Routineformeln, die aus einer einzigen, „unikalen“ Komponente bestehen (z. B. Donnerwetter, Scheibenkleister, pfui und dankeschön). Zudem muss erwähnt werden, dass das Konzept der Unikalität ursprünglich aus der Morphologie stammt und sich auf Morpheme bezieht, die nur (noch) innerhalb eines einzigen Lexems vorkommen (z. B. Schornstein und Brombeere) (vgl. DONALIES 2007: 10 sowie FLEISCHER/BARZ 2012: 65f.). Des Weiteren lassen sich im Rahmen der „phraseologischen Irregularität“ des adverbialen Genitivs Einwort-Konstruktionen finden, in denen diese ebenfalls auch heutzutage noch erhalten ist (z. B. morgens und sonntags). Im Hinblick auf das polylexikalische Kriterium sind hier vor allem solche Beispiele interessant, in denen eine monolexikalische Einheit vorliegt, die diachron aus einer polylexikalischen Wortverbindung durch Zusammenrücken entstanden ← 25 | 26 → ist (z. B. erstmals, mancherorts, dummerweise, keineswegs, jedenfalls und jederzeit) (vgl. EGOROVA 2006: 92f.). Ferner kann semantische Fossilierung nicht nur bei Paarformeln beobachtet werden (z. B. recht und billig), sondern auch bei einfachen Komposita (z. B. Tollhaus und Tollwut). Die Bewahrung älterer grammatischer respektive semantischer Strukturen in einer jüngeren Sprachstufe ist also kein Phänomen, das nur polylexikalischen Einheiten vorbehalten ist. Aufgrund dessen ist das Kriterium der Polylexikalität auch im Bereich „phraseologischer Irregularitäten“ zum Teil problematisch. In der vorliegenden Arbeit werden primär Mehrwortverbindungen analysiert. Die Tatsache, dass „irreguläre“ Erscheinungen auch in einfachen Lexemen existieren können, sollte dabei aber immer im Hinterkopf behalten werden.

3)  Als dritten Typ führt STEIN (1995: 27) idiomatische Komposita wie Angsthase, Dreikäsehoch und Grünschnabel an.28 Die Problematik ist hier offensichtlich: Auf der einen Seite weisen solche Erscheinungen das phraseologische Merkmal der Idiomatizität auf, auf der anderen Seite widersprechen sie aber dem Kriterium der Mehrgliedrigkeit. Diese sogenannten „Einwortphraseologismen“ bzw. „Einwortidiome“ sind Gegenstand zahlreicher Diskussionen, wobei es sich im Grunde immer nur um die Frage dreht, welches Kriterium – das der Polylexikalität oder das der Idiomatizität – stärker zu gewichten ist.29 Die vorliegende Arbeit bezieht demgegenüber eine klare Stellung und sieht in der Eigenschaft der Polylexikalität das wichtigste Definitionskriterium phraseologischer Einheiten (Ausnahmen bilden hier nur die oben vorgestellten formelhaften Einwortäußerungen). Die Bezeichnung „Einwortphraseologismus“ ist demnach ein Widerspruch in sich (vgl. BURGER u. a. 2007: 9 sowie HEINE 2010: 12). Bei solchen Lexemen wie Tapetenwechsel oder Naschkatze handelt es sich nicht um Phraseme, da diese trotz einer idiomatischen Ausprägung die Struktur einer Wortzusammensetzung und eben nicht einer Wortgruppe besitzen (vgl. HENSCHEL 1987: 846); morphosyntaktisch haben sie klar den Status von Wörtern und nicht von Phrasemen (vgl. BURGER 2002: 393). Aufgrund dessen schließe ich mich der Meinung FLEISCHERS (1997: 249) an, der die Bezeichnung „Einwortphraseologismus“ bzw. „Einwortidiom“ als eine Überdehnung des Phraseologiebegriffs erachtet. ← 26 | 27 → Unproblematisch wäre es, von „(teil-)idiomatischen Komposita“ zu sprechen, „da ‚Idiomatizität‘ eine Eigenschaft ist, die zwar prototypisch in der Phraseologie anzutreffen ist, die aber nicht auf die Phraseologie beschränkt sein muss“ (BURGER 2002: 393).30 Insgesamt besitzen idiomatische Komposita Affinitäten zu frei verwendeten Unikalia (also Unikalia, die aus Phrasemen herausgelöst werden, siehe Kapitel 4.5). Denn auch bei re-unikalisierten Wörtern – wie beispielsweise Fettnäpfchen mit der phraseologisch motivierten Semantik ‚eine unbedachte, taktlose Bemerkung, Verhaltensweise‘ – lässt sich die Gesamtbedeutung nicht aus der Semantik der einzelnen Komponenten, sondern nur im Hinblick auf das ursprüngliche Idiom erschließen.

4)  Ein vierter Problembereich ist mit orthografischen Konventionen verbunden (vgl. COULMAS 1985: 253). Bezüglich der Polylexikalität rückt hier vor allem die orthografische Schwierigkeit der „Getrennt- und Zusammenschreibung“ in den Mittelpunkt (vgl. LEVIN-STEINMANN 2007: 37).31 Es stellt sich die Frage, wie mit sprachlichen Einheiten umzugehen ist, die sich entweder im Prozess der Grammatikalisierung von festen Mehrwortverbindungen zu Univerbierungen entwickeln (z. B. auf Grund/aufgrund und mit Hilfe/mithilfe) (vgl. EISENBERG 1998: 317) oder durch Orthografiereformen erst einen polylexikalischen Status erhalten bzw. diesen verlieren (z. B. sitzen bleiben und eislaufen) (vgl. LEVIN-STEINMANN 2007: 40).32 Auch hier ist es sinnvoll, die Polylexikalität als obligatorisches Merkmal anzusetzen und Zusammenziehungen aus dem Untersuchungsbereich auszugliedern. DONALIES (2005: 339f.) macht ebenfalls darauf aufmerksam, dass im Deutschen tatsächlich die „grafische Lücke“ als Unterscheidungskriterium zwischen Phrasemen und Wortbildungsprodukten herangezogen werden kann und der orthografische Usus somit von entscheidender Bedeutung ist (vgl. auch TOPCZEWSKA 2004: 24).33 Im Bereich der „phraseologischen Irregularitäten“ tauchen vor ← 27 | 28 → allem bei Unikalia Schwierigkeiten bezüglich der Getrennt- und Zusammenschreibung auf. Hierbei handelt es sich um Konstruktionen, die sich aus einem Verb und einer präpositionalen Substantivgruppe zusammensetzen, wobei die Substantivgruppe in der heutigen Gegenwartssprache als ein Wort aufzufassen ist und demnach zusammengeschrieben wird. Als Beispiele können angeführt werden: außerstande sein, instand halten/setzen/bringen und zustande kommen (vgl. EISENBERG 1981: 85). Da die präpositionale Substantivgruppe in den meisten dieser Konstruktionen nicht als selbstständiges Lexem existiert und in ihrer Verwendung an bestimmte Verben gebunden ist, kann sie als unikale Komponente identifiziert werden (vgl. FLEISCHER 1997a: 92f.). Neben der Zusammenschreibung sind in gegenwartssprachlichen Texten jedoch auch häufig noch Getrenntschreibungen zu finden (außer Stande sein, zu Nutze machen und zu Grunde gehen). Problematisch ist nun, dass bei der grammatikalisierten zusammengeschriebenen Variante unikale Komponenten entstehen, bei der nicht-grammatikalisierten getrenntgeschriebenen jedoch nicht. Beispielsweise beinhaltet die Nennform etw. instand setzen die unikale Komponente instand, die Nennform etw. in Stand setzen weist dagegen kein phraseologisch gebundenes Wort auf, da in, Stand und setzen auch im freien Sprachgebrauch auftreten können. In der vorliegenden Arbeit wird sich bei solchen Fällen auf ein korpusanalytisches Vorgehen gestützt. Lassen sich zu einer Konstruktion univerbierte präpositionale Substantivgruppen im DEREKO finden, werden diese als Unikalia klassifiziert.

5)  Ein besonderes Phänomen stellt die Wortbildung auf der Grundlage von Phrasemen dar. Feste Wortverbindungen verlieren im Zuge dieses Prozesses ihre Polylexikalität und werden sozusagen in monolexikalischen Wortbildungsprodukten kondensiert (z. B. Haarspalterei).34 Obwohl dieses Phänomen überwiegend unter der Bezeichnung „dephraseologische Derivation“ bekannt ist, fungieren als Wortbildungsarten bzw. -produkte neben der Derivation (z. B. Schwarzseher) auch die Konversion (z. B. [das] Auf-die-Tube-Drücken) und die Komposition (z. B. Vieraugengespräch) (vgl. STEIN 2012: 232). Erwähnenswert ist hierbei, dass auch Phraseme mit „Irregularitäten“ als Ausgangseinheiten für die dephraseologische Wortbildung fungieren können. Übersicht 2–4 zeigt eine Auswahl an authentischen Belegen für Wortbildungsprodukte, die sich aus Phrasemen mit unikaler Komponente zusammensetzen: ← 28 | 29 →

Übersicht 2-4:  Dephraseologische Wortbildung auf Grundlage von Unikalia-Phrasemen

Phrasem

dephraseologisches Wortbildungsprodukt

ins Fettnäpfchen treten

Sollte Steinbrück wieder ein Buch ablassen wollen: Der Verlag für Neu-Kapriolen stünde schon fest. Je tiefer der Fettnapftritt, je begehrter das Skript.35

im Rampenlicht stehen

[…] was ich aber aus den letzten Jahren in Bezug auf kleinkarierte Kommunalpolitik weiß, oder glaube erfahren zu haben, ist, dass viele „Möchtegern-im-Rampenlicht-Steher“ Meinungen verbreiten, oder sich zu eigen machen, die allein dem politischen Kalkül geschuldet sind […].36

das Tanzbein schwingen

Mit großem Saal im Erdgeschoss für das „normale Volk“ und Spiegelsaal im ersten Stock für die vornehmere Gesellschaft war reichlich Platz für tanzbeinschwingende Berliner.37

die Werbetrommel rühren

Die Werbetrommelrührerin muss ich enttäuschen: weder im Bekannten- noch Verwandtschaftskreis würde je einer solch eine Party besuchen und auch sicher keinen Verkaufs-Schwätzer ins Haus lassen.38

schimpfen wie ein Rohrspatz

Es sind nicht nur „Rohrspatzschimpfer“, die von allen Parteien die Nase voll haben.39

die Oberhand gewinnen

Im übrigen halte ich den Auslöser für die Oberhandgewinnung des „bösen“ Gollum über den „guten“ Smeagol weniger die Schlag- und Trittszene vernatwortlich, sondern das Gefühl Gollums von seinem Herrn, dem einzigen dem er halbwechs zu trauen scheint, verraten worden zu sein.40

im Brustton der Überzeugung

Daraufhin der Gang zur Filialleiterin, die mir aus tiefster Brusttonüberzeugung heraus mitteilt, dass es sehr wohl österr. Obst gäbe und sie würde es mir sofort zeigen.41

← 29 | 30 →

Zeter und Mordio schreien

Irgendwie warte ich schon die ganze Zeit auf den ersten Zeter und Mordio Schrei zu diesem Thema…42

jmdm. Paroli bieten

Familie bleibt aber weiterhin ohne Perspektive, wenn Widerstand und das Parolibieten einziger Grund bleiben sollten, eine Familie zu gründen.43

ins Hintertreffen geraten

Ein Grund für das ins-Hintertreffen-geraten der ländlichen Regionen ist die gängige politische Fokussierung auf günstige Versorgungsstrukturen in den Städten mithilfe von Produkten aus der Agrarindustrie.44

jmdn. ins Bockshorn jagen

Rechts der CDU hat die Jahrzehntelange „Bockshornjagd“ durch unsere Dompteure eine „no-vote-area“ hinterlassen.45

in Windeseile

Die Tiere mutieren nicht nur windeseilig zu Zombie-Kühen, nein, auch ihre Milch zeigt unangenehme Wirkungen beim Endverbraucher…46

     Die Belege machen deutlich, dass es sich bei Phrasemen mit unikalen Komponenten keineswegs um „tote“ bzw. völlig erstarrte Wendungen handelt, die zu keinem kreativen Sprachspiel mehr gebraucht werden können. Ganz im Gegenteil: Die zum Teil äußerst einfallsreichen dephraseologischen Wortbildungen zeigen, dass unikale Komponenten kein Hindernis für sprachlich-innovative Modifizierungen darstellen. Die angeführten Wortbildungsprodukte lassen zudem darauf schließen, dass Sprecher mit Unikalia trotz ihrer phraseologischen Gebundenheit Assoziationen bzw. Bedeutungsaspekte verbinden, die ihnen bei dephraseologischen Produktionsprozessen zugutekommen und diese im Grunde erst ermöglichen. Aus der Perspektive der dephraseologischen Wortbildung besteht daher kein Unterschied zwischen Phrasemen, die sich aus freien Lexemen zusammensetzen, und Phrasemen mit Unikalia.

Grenzziehung „nach oben“:

    BURGER (2010: 15) hält fest, dass eine obere Grenze der Wortmenge eines Phrasems nicht angegeben werden kann, da diese nicht lexikalisch, sondern syntaktisch festgelegt ist. Der Satz gilt demnach als Obergrenze ← 30 | 31 → phraseologischer Einheiten.47 Dabei ist es erstaunlich, dass trotz der langen Forschungstradition satzwertiger Phraseme in Form von Sprichwörtern bzw. sprichwörtlichen Redensarten (Vorphase der phraseologischen Forschung) lange Zeit kein Konsens darüber herrscht, ob diese Einheiten zum phraseologischen Untersuchungsgegenstand gehören. Diese Skepsis ist auch heute noch daran zu erkennen, dass im traditionellen Zentrum-Peripherie-Modell satzwertige Verbindungen in der Peripherie angesiedelt und satzgliedwertige Einheiten immer noch als Prototypen dargestellt werden (vgl. u. a. LÜGER 1999: 49 sowie GLÄSER 1988: 276).

    BURGER (2010: 15) hebt gesondert hervor, dass es teilweise Texte gibt, die mehr als einen Satz umfassen (Sprüche, Gedichte, Gebete) und dennoch einen phraseologischen Status besitzen können. BURGER (2010) meint mit diesen Ausnahmen jedoch nicht das inzwischen gut untersuchte Phänomen der formelhaften Texte.48 Die von ihm angeführten Sprüche, Gedichte und Gebete stellen keine (prototypischen) formelhaften Texte dar, da sie als Ganzes (auswendig) gelernt werden und darüber hinaus nicht das Kriterium des Leerstellencharakters aufweisen. Formelhafte Texte wie Bahnansagen und Verkehrsmeldungen im Radio verfestigen sich nicht durch einen Prozess des Auswendiglernens, sondern durch häufigen Gebrauch. Dabei stellt sich jedoch die entscheidende Frage, ob es wirklich plausibel erscheint, Reproduzierbarkeit auch für Einheiten auf Textebene anzunehmen, da es mehr als fraglich ist, ob die Speicherbarkeit fertiger Texte nicht an mentale Grenzen stößt (vgl. STEIN 1995: 308).49

Betrachtet man den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit im Hinblick auf das polylexikalische Kriterium, kann festgehalten werden, dass „phraseologische Irregularitäten“ sowohl in Wendungen mit geringer als auch hoher ← 31 | 32 → Polylexikalität auftreten; sie dehnen sich – wie Übersicht 2–5 zeigt – über die gesamte Bandbreite der Mehrgliedrigkeit aus:

Übersicht 2-5:  Polylexikalität formelhafter (Ir-)Regularitäten

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Phraseme mit „Irregularitäten“ erstrecken sich von formelhaften Einwortäußerungen (z. B. Menschenskind(er) und bitteschön) und autonomisierten Unikalia (z. B. Fettnäpfchen und Bärendienst) über zwei- und mehrgliedrige Phraseme mit Satzgliedfunktion (z. B. letzten Endes, Kölnisch Wasser und bis zum Gehtnichtmehr, in diesem Sinne) und satzförmige Wendungen mit Leerstellen für Satzglieder (z. B. jmd. rückt jmdm. zu Leibe und etw. ist nicht jedermanns Geschmack) bis hin zu zahlreichen satzwertigen Einheiten (z. B. Gut Ding will Weile haben, Viele Hunde sind des Hasen Tod und Der Mensch ist ein Gewohnheitstier). Zudem können laut GÜLICH (1997: 149) auch formelhafte Texte zum Teil „archaische Elemente“ enthalten (z. B. an Eides Statt, beehrt sich oder gestattet sich). Für sie ist „die Bindung an einen formelhaften Text häufig gerade die Voraussetzung für die Tradierung der Formeln“ (ebd.).50 ← 32 | 33 →

2.4.3  Festigkeit

Das Merkmal der Festigkeit kann nach BURGER (2002: 393–398) auf drei Ebenen unterschieden werden:

1)  Psycholinguistisch fest sind Phraseme, da sie mental als Einheit „gespeichert“ sind (vgl. BURGER 2010: 16). Sie werden also im Unterschied zu freien Wortverbindungen, die mittels morphosyntaktischer Regeln gebildet werden, ganzheitlich aus unterschiedlichen Speichermedien abgerufen und sozusagen reproduziert (vgl. STEIN 1995: 35). Auch wenn sich FEILKE (1996: 204, 2004: 52f.) gegen das Kriterium der Wiederholung (d. h. der Festigkeit als Folge häufiger Verwendung) ausspricht, kann nicht bestritten werden, dass die Verfestigung nicht-idiomatischer, formelhafter Wendungen vor allem durch ihren wiederholten Gebrauch entsteht (vgl. LÜGER 1999: 26). STEIN (1995: 39) macht darauf aufmerksam, dass ein Bedingungsverhältnis zwischen Vorkommenshäufigkeit und psycholinguistischer Verfestigung vorliegt in dem Sinne, dass Wortverbindungen deswegen psycholinguistisch fest werden, weil sie sprachlich fest sind, und weil sie psycholinguistisch fest geworden sind, werden sie (sprachlich) in immer gleicher Form verwendet. Für Phraseme, die „Irregularitäten“ enthalten, spielt das Frequenzkriterium scheinbar keine Rolle. Sie werden laut STEIN (1995: 39) primär „aufgrund ihres Irregulär-Seins als feste Verbindung gelernt und schließlich ganzheitlich reproduziert.“51 Der große Vorteil des psycholinguistischen Kriteriums ist darin zu sehen, dass es für alle Phraseme gilt. Neben der aufwendigen empirischen Vorgehensweise zum Nachweis der psycholinguistischen Festigkeit liegt der entscheidende Nachteil jedoch auf der Hand: Als ein aus den Kriterien der Idiomatizität und Festigkeit lediglich abgeleitetes Merkmal ist es allein nicht operationalisierbar (vgl. FLEISCHER 1997a: 64) und eignet sich somit nicht für die Abgrenzung eines linguistischen Gebietes auf der System-Ebene (vgl. BURGER 2002: 394).

2)  Ein auf der sprachlichen System-Ebene gut zu beschreibendes Merkmal ist die strukturelle Festigkeit. Strukturell fest heißt, dass bei phraseologischen Einheiten im Gegensatz zu freien Wortverbindungen entweder gar keine oder nur eine begrenzte Veränderbarkeit der Ausdrucksseite besteht (vgl. ← 33 | 34 → LÜGER 1999: 8). Als besondere Erscheinungsformen struktureller Festigkeit werden in den meisten Werken die im vorliegenden Buch behandelten „phraseologischen Irregularitäten“ sowie morphosyntaktische und lexikalisch-semantische Restriktionen angeführt (z. B. in BURGER 2010: 19–23). In der heutigen Phraseologieforschung besteht jedoch Konsens darüber, dass absolute formale Unveränderlichkeit eher die Ausnahme als die Regel ist (vgl. u. a. STEIN 1995: 33; FELLBAUM/STATHI 2006: 128 sowie PTASHNYK 2009: 16f.). Zahlreiche Studien zeigen, dass das Variations- und Modifikationspotenzial phraseologischer Einheiten überaus hoch ist (siehe u. a. BARZ 1992; PTASHNYK 2009 und JAKI 2014). Daher betonen bereits BURGER u. a. (1982: 68), dass es kaum eine Veränderung eines Phrasems gibt, die in irgendeinem Kontext nicht möglich und sinnvoll ist. Selbst „phraseologische Irregularitäten“ lassen Variationen zu (siehe Kapitel 15.3).

3)  Unter pragmatischer Festigkeit versteht FILATKINA (2007a: 143) Typen formelhafter Wendungen, die sich nur mit pragmatischen Kategorien beschreiben lassen, da sich ihre Verfestigung aus ihrer pragmatischen Leistung im kommunikativen Geschehen speist. Obwohl pragmatische Phraseme strukturell höchst variabel sind, kann ihnen eine Festigkeit zugesprochen werden, da sie den Sprechern zur Bewältigung rekurrenter kommunikativer Situationen und Aufgaben zur Verfügung stehen (vgl. STEIN 2007a: 226). Bezüglich des Kriteriums der Polylexikalität ist die Klasse pragmatischer Phraseme sehr heterogen, da zum einen auch formelhafte Einwortäußerungen als pragmatisch fest bezeichnet werden können und zum anderen auch die Funktionen der meisten satzwertigen Phraseme und formelhaften Texte zum Teil nur unter Berücksichtigung ihrer kommunikativen Kontexteinbettung angemessen beschrieben werden können (vgl. STEIN 2004a: 267).52 Pragmatische Phraseme lassen sich nach STEIN (2010a: 413) aufgrund des Grades ihrer Situationsgebundenheit in zwei Klassen unterscheiden: situationsgebundene Routineformeln (z. B. vielen Dank und auf Wiedersehen) und situationsungebundene gesprächsspezifische Formeln/Phraseme (z. B. ich würde sagen und was weiß ich). Sowohl innerhalb von Routineformeln als auch in gesprächsspezifischen Formeln finden sich „phraseologische Irregularitäten“ wie beispielsweise ach du heiliger Bimbam (Unikalia), (immer) ruhig Blut (unflektiertes Adjektivattribut), in drei/aller/des Teufels Namen ← 34 | 35 → (Voranstellung des Genitivattributs) und meines Wissens (adverbialer Genitiv). Es zeigt sich also, dass „phraseologische Irregularitäten“ nicht nur in Phrasemen auftreten, die im klassischen Zentrum anzusiedeln sind, sondern auch in peripheren Klassen (siehe Kapitel 18.5).

Obwohl – wie bereits erwähnt – weitgehend Konsens darüber herrscht, dass es sich bei der Festigkeit um ein graduelles Merkmal handelt, existiert in der Phraseologieforschung teilweise die Auffassung (bzw. die volle Überzeugung), dass es gerade „phraseologische Irregularitäten“ sind, die prototypisch die Unveränderlichkeit phraseologischer Verbindungen offenbaren:

Es gibt jedoch nur einige wenige Gruppen von Phraseologismen, auf die die Stabilität im Sinne einer vollen Unveränderlichkeit zutrifft; Ausdrücke mit unikalen Komponenten und solche mit struktureller Anomalie bzw. Defektivität sind die wichtigsten davon. (KORHONEN 1992a: 49)

Diese Meinung teilt die vorliegende Arbeit nicht. Durch die empirische Analyse wird ersichtlich, dass das Merkmal der Festigkeit auch bei hoch „irregulären“ Phrasemen gradueller Natur ist. Beispielsweise weisen die meisten Phraseme mit unikalen Komponenten lexikalische Varianten auf (z. B. das Kriegsbeil begraben/ausgraben/eingraben und jmdn. am Gängelband führen/haben/halten/nehmen // am Gängelband gehen/hängen). Der Behauptung KORHONENS (1992a: 49) stehen zudem die korpusanalytischen Befunde der vorliegenden Arbeit gegenüber, die bei morphosyntaktischen „Irregularitäten“ auf eine Varianz zwischen „irregulärer“ und „regulärer“ Realisierung hindeuten (z. B. etw. wie sauer/saures Bier anbieten/anpreisen, von seiner Hände Arbeit leben/von der Arbeit seiner Hände leben, im Sande/Sand verlaufen) (siehe Kapitel 15.3). Ein Beweis für das Modifikationspotenzial „phraseologischer Irregularitäten“ ist zudem die oben aufgezeigte Fähigkeit zur dephraseologischen Wortbildung (siehe auch Kapitel 18.4).

Die (Fehl-)Einschätzung der Unveränderlichkeit von Unikalia-Phrasemen findet sich auch in phraseologischen Wörterbüchern. Eine von mir durchgeführte Korpusanalyse von 153 Phrasemen mit Unikalia, die der „Liste der lebendigen Unikalia-Idiome“ von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) entnommen sind, verdeutlicht, dass bei circa einem Drittel der Idiome die tatsächlichen Realisierungsformen von der phraseografischen Angabe im DUDEN (2008) abweichen. Beispielsweise lautet die Nennform des folgenden Unikalia-Idioms im DUDEN (2008: 858) jmdn. [bis] zur Weißglut bringen/reizen. Die Korpusanalyse deckt auf, dass Weißglut zwar mit den Verben bringen und reizen realisiert werden kann, darüber hinaus aber auch (am zweithäufigsten nach bringen) mit dem Verb treiben. Eine noch größere Varianz weist die unikale Komponente Abschussliste auf. Laut DUDEN (2008: 30) ← 35 | 36 → kookkurriert diese nur mit dem Verb stehen. Im DEREKO taucht es in usueller Form jedoch u. a. auch mit den Verben stellen, geraten und landen auf.53

Auf ein offensichtliches Paradoxon bezüglich der phraseologischen Festigkeit macht STAFFELDT (2011) aufmerksam. In seiner konstruktionsgrammatisch orientierten Studie zu Phrasemen des Typs „in … Hand“ bringt er die quasi komplementären Zielsetzungen seitens konstruktionsgrammatischer und phraseologischer Forschungsansätze wie folgt auf den Punkt:

Während es die Grundannahme der Konstruktionsgrammatik ist, dass sich viele freie Einheiten in bestimmter Weise phraseologisch verhalten, entdeckt die Phraseologie gerade, dass viele phraseologische Einheiten freier sind als angenommen. (STAFFELDT 2011: 134)54

Im Sinne der konstruktionsgrammatischen Idee, dass der scheinbar freie Sprachgebrauch in höherem Maße feste Strukturen aufweist und somit erheblich „idiosynkratischer“ ist als bisher angenommen, argumentiert auch FEILKE (2004: 57) mit Verweis auf das Konzept der idiomatischen Prägung, wenn er anmerkt, dass „[d]as vermeintlich Freie in der Sprache […], wenn auch nicht fest, so doch in erheblicher und bisher nicht ausgemessener Reichweite idiomatisch geprägt [ist].“

Auch bei Phrasemen mit „Irregularitäten“ existieren unterschiedliche Grade an Festigkeit (siehe Übersicht 2–6):

Übersicht 2-6:  Festigkeit formelhafter (Ir-)Regularitäten

image ← 36 | 37 →

Das Spektrum verläuft hierbei von absolut unveränderlichen Wendungen (z. B. mit Fug und Recht) über Varianten (z. B. jmd. ist leichten/reinen Herzens) bis hin zu Modellbildungen mit Leerstellencharakter (z. B. einen + Verb[Infinitiv] + lassen). Zudem gestaltet sich der Übergang zu freien Wortverbindungen fließend, da trotz vorhandener „Irregularität“ bei einigen Wortverbindungen nicht exakt entschieden werden kann, ob es sich um phraseologische handelt oder nicht (z. B. in/aus Nachbars Garten).

2.4.4  Idiomatizität

Idiomatisch ist ein (komplexer) Ausdruck dann, wenn sich seine Bedeutung nicht (kompositionell) aus der Summe der Einzelbedeutungen seiner Bestandteile ergibt (vgl. STEIN 1995: 30 sowie ROOS 2001: 9).55 Idiomatizität erweist sich dabei als eine graduelle Eigenschaft. Sie kann entweder nicht (z. B. sich die Zähne putzen), teilweise (z. B. einen Streit vom Zaun brechen) oder voll ausgeprägt sein (z. B. Öl ins Feuer gießen).56 Zwei weitere und differenziertere Klassifizierungsmöglichkeiten führen STEIN (1995) und LÜGER (1999) an:

    STEIN (1995: 31) betont, dass die wörtliche Bedeutung eines Phrasems nicht nur zugunsten einer übertragenen Bedeutung verloren gehen kann, sondern auch „zugunsten einer semantischen Reduzierung oder auch einer semantischen Leere, an deren Stelle eine oder mehrere kommunikative Funktionen treten.“ Dies zeigt sich insbesondere bei sogenannten gesprächsspezifischen Formeln wie und so weiter, pass mal auf, ich würde sagen und ich denke. ← 37 | 38 →

    LÜGER (1999) unterteilt idiomatisierte Phraseme unter Einbezug des Kriteriums der Motiviertheit in zwei Klassen.57 An der Spitze der Idiomatizitätsskala befinden sich vollidiomatisierte und gleichzeitig unmotivierte Wortverbindungen, „die vollkommen undurchsichtig sind und deren Gesamtbedeutung aus synchronischer Perspektive nicht von der wörtlichen Bedeutung her erschließbar ist“ (LÜGER 1999: 15) (z. B. Eulen nach Athen tragen ‚etwas Überflüssiges tun‘) (siehe Übersicht 2–7). Ferner bezeichnet er solche Ausdrücke als idiomatisch, „deren phraseologische Bedeutung zwar ebenfalls nicht mit der wörtlichen Lesart übereinstimmt, die aber aufgrund des vermittelten Bildes mehr oder weniger eindeutig erschließbar ist“ (ebd.) (z. B. das fünfte Rad am Wagen sein ‚überflüssig sein‘). LÜGER (1999) verbindet somit geschickt die beiden Merkmale der Idiomatizität und der Motiviertheit und zeigt auf, dass diese mehr als nur reine Gegenbegriffe darstellen, bei denen jede Idiomatizitätsausprägung eine entsprechende Motiviertheitsausprägung besitzt (nicht-idiomatisch = motiviert; teil-idiomatisch = teil-motiviert; voll-idiomatisch = unmotiviert). Denn wäre Motiviertheit lediglich der Gegenbegriff zu Idiomatizität, wäre er entbehrlich und „man könnte sich mit einer Typologie der Idiomatizität begnügen“ (BURGER 2002: 399). Durch seine verfeinerte Unterscheidung in „vollidiomatisierte/unmotivierte“ und „idiomatisierte/bildhaft motivierte“ Phraseme zeigt LÜGER (1999: 21) jedoch eine „Lücke“ auf, die somit die Daseinsberechtigung des Motiviertheitsbegriffs überhaupt erst rechtfertigt. (Voll-)idiomatisch ist demnach nicht gleich (voll-)idiomatisch: Als motiviert gelten daher nicht nur die nicht- und teilidiomatischen Wortverbindungen, sondern auch die sogenannten metaphorischen Idiome (vgl. BURGER 2010: 70).

Übersicht 2-7:  Zusammenhang zwischen Idiomatizität und Motiviertheit nach LÜGER (1999)

Idiomatizität

Motiviertheit

Beispiel

voll-idiomatisiert

unmotiviert

Eulen nach Athen tragen

idiomatisiert

bildhaft motiviert

das fünfte Rad am Wagen sein

teil-idiomatisiert

teil-motiviert

jmdn. auf Herz und Nieren prüfen

nicht-idiomatisiert

direkt motiviert

Dank sagen

← 38 | 39 →

Unter den „phraseologischen Irregularitäten“ werden vor allem Phraseme mit Unikalia immer wieder als höchst idiomatisch bezeichnet (vgl. u. a. HÔCKI BUHOFER 2002a: 429). Die empirischen Analysen zeigen demgegenüber ein differenzierteres Bild: Unikalia-Phraseme erstrecken sich über das gesamte Spektrum an Idiomatizität. So existieren neben voll-idiomatischen Wendungen (z. B. jmdm. ein Schnippchen schlagen) auch idiomatische/bildhaft motivierte (z. B. in der Schusslinie stehen/in die Schusslinie geraten), teil-idiomatische (z. B. sich freuen wie ein Schneekönig) und sogar nicht-idiomatische (z. B. in Bedrängnis oder unbeschrankter Bahnübergang). Bei nicht-idiomatischen Wendungen ist die unikale Komponente zwar auf ihre phraseologische Einbettung beschränkt, ihre Semantik bzw. die Semantik der gesamten Wortverbindung aber vollkommen durchsichtig. Distributionelle Beschränkungen von Wörtern sind somit nicht zwangsläufig mit semantischer Verblassung bzw. idiomatischen Prozessen verbunden. Bei teil-idiomatischen Unikalia-Phrasemen resultiert der Grad der Idiomatizität nicht (nur) aus der phraseologisch gebundenen Komponente, sondern alle anderen Komponenten müssen bei der Beurteilung der Idiomatizität mitberücksichtigt werden. Beispielsweise gibt es Unikalia-Idiome, bei denen zumindest die wörtliche Bedeutung einer Komponente auch in der Gesamtbedeutung des phraseologischen Ausdrucks zur Geltung kommt (z. B. jmdm. reißt der Geduldsfaden, das Tanzbein schwingen, im Brustton der Überzeugung und am Hungertuch nagen). Besonders häufig tritt dies bei Paarformeln (z. B. klipp und klar, erstunken und erlogen und mit Fug und Recht) und komparativen Phrasemen auf (z. B. dumm wie Bohnenstroh sein, weinen wie ein Schlosshund und aufpassen wie ein Schießhund).

Insgesamt erstrecken sich „phraseologische Irregularitäten“ über die gesamte Bandbreite der Idiomatizität. Folgendes Schema verdeutlicht die graduellen Abstufungen (siehe Übersicht 2–8):

Übersicht 2-8:  Idiomatizität formelhafter (Ir-)Regularitäten

image ← 39 | 40 →

Es existieren sowohl vollidiomatische, nicht-motivierte Wendungen wie etw. brennt jmdm. auf/unter den Nägeln als auch idiomatische, bildhaft motivierte Wendungen wie viele Hunde/Jäger sind des Hasen Tod und teilidiomatische Wendungen wie etw. läuft/verkauft sich/geht weg wie geschnitten Brot. Darüber hinaus gibt es auch „irreguläre“ Wendungen, die keinerlei (semantische) Idiomatizität aufweisen, wie beispielsweise zu Boden gehen oder in Reih und Glied. „Phraseologische Irregularitäten“ sind demzufolge nicht zwangsläufig idiomatisch. Semantische Idiomatizität ist vielmehr nur eine Erscheinungsform „phraseologischer Irregularitäten“ unter vielen anderen.

2.4.5  Frequenz und Kookkurrenz

Grundsätzlich müssen die beiden Termini „Frequenz“ und „Kookkurrenz“ strikt voneinander getrennt werden; sie sind nicht synonym:

1)  Für das Kriterium der Frequenz plädiert vor allem FIRTH (1964) (vgl. DONALIES 2009: 13).58 Aufgrund des methodischen Ignorierens von nichtfrequenten Wortverbindungen hat die Herangehensweise des sogenannten britischen Kontextualismus jedoch vielfach in der Kritik gestanden (vgl. STEYER 1998: 99f.). Hierbei tritt eine grundsätzliche Frage an die Oberfläche; nämlich die, ab welcher Quantität man von Frequenz sprechen kann:

     Does frequent […] mean ‚more than once‘, or twice, or even higher frequencies? None of the general definitions […] make absolute statements regarding this question. (BARTSCH 2004: 59f.)

     DONALIES (2009: 13) fragt im Weiteren, ob alles, was irgendwie frequent ist, ein Phrasem ist. Sie zeigt auf, dass in den IDS-Korpora der geschriebenen Sprache beispielsweise weiße Weihnacht 119mal belegt ist, weiße Wand sogar 238mal. Ist nun weiße Wand „mehr“ ein Phrasem als weiße Weihnacht, da diese Verbindung doppelt so oft vorkommt bzw. ist weiße Wand überhaupt eine feste Wortverbindung? Die Gefahren von reinen Frequenzanalysen sind demnach offensichtlich: niedrig frequente, aber hoch idiomatische Wendungen werden nicht aufgedeckt, im Gegensatz dazu jedoch hochfrequente Verbindungen – jedweder Art – auf diese Weise als phraseologisch klassifiziert. DONALIES (2009: 14) hält daher fest, dass exakte Frequenzanalysen keine wirkliche Hilfe für die Analyse von Phrasemen darstellen. Auch im Bereich „phraseologischer Irregularitäten“ ist das Frequenzkriterium unerheblich. So gibt es zum ← 40 | 41 → einen Wortverbindungen mit hohen Trefferzahlen (z. B. aus/in aller Herren Länder(n) = 4.772) und zum anderen solche mit relativ wenigen Belegen (z. B. des Wahnsinns fette Beute = 90). Trotz dieses enormen Frequenzunterschieds werden beide Beispiele als Phraseme mit vorangestelltem Genitivattribut zu den „phraseologischen Irregularitäten“ gezählt.59 Auch FEILKE (2004: 52) übt Kritik am Frequenzkriterium, indem er darauf verweist, dass die Auftretenshäufigkeit für die Qualität und Leistung eines Zeichens völlig unerheblich ist. Vor allem ist es der nicht linguistisch zu fassende Charakter des Frequenzkriteriums, weswegen er dieses grundsätzlich ablehnt:

     Das Kriterium des mehr oder weniger frequenten Gebrauchs oder gar die Kriterien der Reproduziertheit und Gespeichertheit, zu denen die Linguistik kraft Amtes gar nichts sagen kann – und meines Erachtens auch nichts sagen sollte –, trägt zur Qualifizierung in Frage stehender Einheiten als Zeichen nichts bei. (FEILKE 2004: 52f.)

     Die Argumentation FEILKES (2004) ist zwar durchaus nachzuvollziehen, sein angeführtes Beispiel zur Verdeutlichung seiner Aussagen kann jedoch nicht völlig überzeugen. FEILKE (2004: 53) stellt fest, dass es im Bereich der Katalysatortechnik die Kollokation einen Temperaturbereich durchfahren gibt, diese jedoch in allgemeinsprachlichen Wörterbüchern nicht zu finden ist und wir diese und auch weitere Kollokationen noch nie produziert bzw. noch nie gehört haben. Die Krux an FEILKES (2004) Beispiel liegt jedoch im Detail: Dass diese Kollokation in allgemeinsprachlichen Wörterbüchern nicht lemmatisiert ist, liegt weniger daran, dass sie in alltäglichen Kommunikationssituationen nicht frequent ist, als daran, dass sie auf einen sehr speziellen Kontext beschränkt ist. Es liegt schlichtweg eine fachspezifische Wendung vor, die innerhalb eines gewissen Fachbereichs durchaus frequent bzw. usuell-rekurrent sein kann. Zur Verdeutlichung dieser „fachspezifischen Frequenz“ sei auf die Wortverbindung einen Topspin ziehen hingewiesen, die zwar im DEREKO nur 26mal belegt ist, im Bereich des Tischtennissports jedoch eine hochfrequente und allseits bekannte Kollokation darstellt. ← 41 | 42 →

2)  Kookkurrenz unterscheidet sich insofern von Frequenz, als dass es sich hierbei nicht um rein quantitatives Auftreten handelt – also um zahlreiches Auftreten eines Wortes in der Nähe eines Bezugswortes oder um häufiges Miteinanderauftreten einer Wortverbindung (vgl. STEYER 2004: 96) –, sondern „um die Erfassung von Zeichenketten, die im Vergleich mit ihrem Gesamtvorkommen statistisch überproportional häufig in der Umgebung anderer Zeichenkettenkonfigurationen vorkommen“ (BELICA/STEYER 2008: 12). Warum Kookkurrenz für die Phraseologieforschung von entscheidender Bedeutung sein kann bzw. welche Bedeutung diesem Merkmal überhaupt in Bezug auf formelhafte Einheiten zukommt, fasst STEYER (2003: Anmerkung 1) zusammen:

     Kookkurrenz verstehen wir als Oberbegriff für das statistisch signifikante Miteinandervorkommen von Textwörtern (tokens). Usuelle Kookkurrenzen sind in erster Instanz binäre Relationen zwischen autosemantischen Wortschatzelementen (Kollokationen). Dazu gehören auch all jene Wortverbindungen, die einen Mehrwortstatus aufweisen, also selbst als lexikalisch-semantische, grammatische und/oder pragmatische Einheiten anzusehen sind (z. B. Idiome, kommunikative Formeln, Funktionsverbgefüge usw.).

     Die statistische Kookkurrenzanalyse stellt somit ein Instrumentarium dar, das uns ermöglicht, viele syntagmatische Muster als feste, lexikalisierte Wortverbindungen zu analysieren (vgl. STEYER/LAUER 2007: 495). Diese werden von STEYER (2013) als „usuelle Wortverbindungen“ bezeichnet. Usuelle Wortverbindungen umfassen polylexikalische sprachliche Erscheinungen,

     die als komplexere Einheiten reproduziert werden können und deren Elemente einen höheren Wahrscheinlichkeitsgrad des Miteinandervorkommens besitzen, als das bei okkasionellen Wortverbindungen der Fall ist. (STEYER 2000: 108)

     Sie sind demnach auch nicht an das Kriterium der Idiomatizität gebunden. Ihre formelhafte Struktur ergibt sich vielmehr aus einem historisch gewachsenen Prozess, dessen Endpunkt eine Gebrauchsnorm ist, die sozusagen als „Standardverwendung“ fungiert und in diesem Sinne typisch ist (vgl. STEYER 2000: 108). STEYER (2003: 37) hebt dabei deutlich hervor, dass es ein weit verbreiteter Irrtum ist, anzunehmen, die Selektion von usuellen Wortverbindungen erfolge nach dem Frequenzkriterium. Kookkurrenz bedeutet zunächst einmal nur, dass bestimmte Wörter in Relation zu ihrem Gesamtvorkommen im Korpus auffällig oft im Kontext des Bezugswortes realisiert sind (vgl. STEYER 2004: 96). Mit Frequenz hat dies in erster Linie nichts zu tun, wie STEYER (2003: 37; Hervorhebung im Original) anhand idiomatischer Verbindungen sowie unikaler Komponenten verdeutlicht: ← 42 | 43 →

     Bei usuellen Kookkurrenzen handelt es sich nicht in jedem Fall um hochfrequente Verbindungen. Im Gegenteil: Idiomatische Verbindungen weisen in der Regel keine hohe Frequenz auf, werden aber mit unserer Methode ebenso erfasst. Oft findet man idiomatische Kookkurrenzen sogar in den oberen Rängen der statistischen Signifikanzlisten. Der Rechner interessiert sich, wie eben beschrieben, für jegliche Auffälligkeiten in der Umgebung eines Wortes. Auffällig kann aber auch bedeuten, dass ein sehr seltenes Wort (z. B. eine unikale Einheit wie balbieren) immer in der Umgebung eines anderen Wortes (Löffel) vorkommt. Damit weist diese Wortverbindung trotz geringer Vorkommenshäufigkeit einen hohen Kohäsionsgrad auf.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit erweisen sich die Kookkurrenzanalyse und das Konzept der usuellen Wortverbindungen als überaus hilfreich, wenn es um die Frage geht, welche Komponenten unikaler Natur sind. Darüber hinaus hilft die Kookkurrenzanalyse bei der Frage, ob es sich bei bestimmten Wortverbindungen überhaupt um musterhafte Wendungen handelt, in die Unikalia-Kandidaten eingebettet sind. Denn obwohl das Merkmal der Unikalität bisher immer als der Phraseologie-Indikator schlechthin postuliert wurde (vgl. u. a. RÖMER/SOEHN 2007: 6), zeigen zahlreiche Belege, dass teilweise sogar bei Wörtern, die zu über 80% an andere Wörter gebunden sind, nicht eindeutig entschieden werden kann, ob es sich hierbei tatsächlich um eine formelhafte Wendung handelt oder nicht (z. B. bei der präpositionalen Phrase am/an den Stadtrand).

Bei solchen Fällen liefert das Kookkurrenzkriterium einen entscheidenden Hinweis dafür, dass formelhafte Wendungen mit unikalen Komponenten vorliegen. Denn im DEREKO ist das Wort Stadtrand in über 80% der Belege mit der Präposition an/am belegt, was auf eine usuell gewordene Wortverbindung hindeutet. In der vorliegenden Arbeit werden solche distributionell eingeschränkten Wörter als unikal klassifiziert, auch wenn die Wortverbindungen, in die sie eingebettet sind, auf den ersten Blick nicht phraseologisch erscheinen. Die Kookkurrenzanalyse ermöglicht es, diese formelhaften, nicht-idiomatischen Fügungen aufgrund ihrer hohen Signifikanz tatsächlich als „Halbfertigprodukte der Sprache“ (HAUSMANN 1984: 398) zu identifizieren (vgl. STEYER 2003: 42). Die Unikalität einer Komponente wird durch den erkennbaren Grad an Fixiertheit aufgedeckt, der sich oft nicht in Form einer regelhaften, systembedingten Gebundenheit ergibt, sondern im Gebrauch begründet ist (vgl. STEYER 2004: 91). Es geht also um die Erfassung der „besonders typischen sprachlichen Einheiten in der Umgebung eines Wortes“ (vgl. STEYER 2004: 92).

Ist die syntagmatische Verkettung eines Wortes in hohem Maße auf nur (noch) sehr wenige, bestimmte Lexeme eingeschränkt (beispielsweise Stadtrand mit an/am), liegt meines Erachtens eine unikale Komponente und demnach ← 43 | 44 → auch eine formelhafte Wendung vor, in der diese realisiert ist. Zur Bestimmung unikaler Komponenten spielen demnach nicht nur idiomatische, feste Wendungen, in denen die einzelnen Wörter fixiert sind, eine Rolle, sondern auch zentrale Verwendungen der Wörter, Wahrscheinlichkeiten, Erwartungen und quantitative Verteilungen (vgl. STUBBS 1997: 157).

Aufgrund dieser Definition kommen im Zuge der Kookkurrenzanalyse usuelle Wortverbindungen mit unikalen Komponenten zum Vorschein, die bisher seitens der Unikalia-Forschung nicht beachtet wurden und wahrscheinlich auch niemals als solche identifiziert worden wären. In solchen Fällen handelt es sich nicht mehr um die klassischen, idiomatischen und oft als „irregulär“ bezeichneten Unikalia-Phraseme, sondern um Wörter, die sich durch Verbindungskonventionen mit anderen Wörtern, durch Traditionen des Formulierens und somit durch Gebrauchskonventionen zu unikalen Komponenten entwickelt haben oder sich gerade auf dem Weg zur Unikalität befinden (vgl. STEYER 2004: 91). Es handelt sich hierbei größtenteils um präpositionale Verfestigungen oder um Nomen-Verb-Kollokationen.60 Zur Verdeutlichung werden in Übersicht 2–9 einige solcher Fügungen und ihre formelhafte Gebundenheit angeführt:

Übersicht 2-9:  Formelhafte Gebundenheit nicht-idiomatischer, usueller Wortverbindungen

Unikalia-Kandidat

verfestigte Einbettung/formelhafte Wendung

Gebundenheit

Eigendynamik

eine Eigendynamik gewinnen/entwickeln/entstehen/bekommen/entfalten

54%

Lebensunterhalt

seinen Lebensunterhalt von/mit etw. bestreiten/finanzieren/sichern // seinen Lebensunterhalt verdienen

60%

Sekundenbruchteil

innerhalb von/in/innert/binnen/für Sekundenbruchteile(n)

63%

Zeitlupe

in Zeitlupe

65%

Tagesanbruch

vor/bei/nach Tagesanbruch

68%

Unding

etw. ist ein Unding

69%

Gesetzeskraft

Gesetzeskraft haben/geben/erlangen/erhalten

70%

Dienstschluss

(kurz) vor/nach Dienstschluss

75%

← 44 | 45 →

Schnäppchenpreis

zum Schnäppchenpreis

76%

Abhilfe

Abhilfe schaffen/leisten/bringen/sorgen/bieten/verschaffen/versprechen // für Abhilfe sorgen

79%

Zehenspitze

auf (den/die) Zehenspitzen

79%

Geschmackssache

etw. ist Geschmackssache

81%

Vortag

am/vom Vortag

81%

Anschein

den Anschein haben/erwecken/machen // dem/allen Anschein(s) nach

82%

Mordverdacht

unter Mordverdacht (stehen) // wegen Mordverdacht // in Mordverdacht (geraten)

84%

Rettungsschuss

der finale Rettungsschuss

89%

Familienkreis

im engsten Familienkreis

89%

Augenwinkel

aus dem/im Augenwinkel

89%

Aufschluss

(über etw.) Aufschluss geben/gewinnen/erhoffen/liefern/bringen

89%

Umkreis

im/aus dem Umkreis von X[Nominalphrase]

94%

Faible

ein Faible für X[Nominalphrase] (haben)

95%

Platzgrund

aus Platzgründen

98%

Morgenstunde

in/seit/vor/den/zur Morgenstunde

98%

image

Insgesamt lässt sich in Bezug auf die Eigenschaften phraseologischer Wortverbindungen Folgendes konstatieren: Auf der einen Seite können zwar durchaus typische Phraseologie-Eigenschaften festgestellt werden, mithilfe derer sich das phraseologische Inventar relativ gut eingrenzen lässt. Auf der anderen Seite zeigt jedoch die Abgrenzungsproblematik, dass von eindeutigen Merkmalen kaum die Rede sein kann. Denn selbst die auf den ersten Blick scheinbar distinktiven Merkmale können nicht verbergen, dass fließende Übergänge zwischen festen und freien Wortverbindungen bestehen. Phraseologische Eigenschaften sind somit nicht dichotomischer, sondern gradueller Natur:

Insgesamt zeigt die Diskussion der Merkmale fester Wortverbindungen, daß sich auf ihrer Grundlage keine allgemeingültige Definition aufstellen läßt, die eine scharfe und eindeutige Grenzziehung etwa zwischen freien und festen Wortverbindungen oder ← 45 | 46 → zwischen verschiedenen Erscheinungsformen fester Wortverbindungen ermöglicht. (STEIN 1995: 41)

Setzt man die traditionellen Phraseologie-Merkmale mit dem Merkmal der „phraseologischen Irregularität“ in Beziehung, so zeigt sich, dass „irreguläre“ Besonderheiten sowohl bei monolexikalischen als auch polylexikalischen, festen und variablen sowie hochidiomatischen und nicht-idiomatischen sprachlichen Erscheinungen zu finden sind. „Phraseologische Irregularitäten“ verhalten sich somit in Bezug auf die drei prototypischen phraseologischen Eigenschaften der Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität sehr heterogen. Sie vereinen nicht – wie bisher weitgehend angenommen – die stärksten Ausprägungen dieser Eigenschaften in sich (also satzgliedwertige Polylexikalität, absolute Unveränderlichkeit und volle Idiomatizität), sondern verteilen sich ebenso über die graduellen Abstufungen wie unmarkierte feste Wendungen auch. Der Übergang zu freien Wortverbindungen ist demzufolge im Hinblick auf diese drei Eigenschaften ebenfalls graduell. „Phraseologische Irregularitäten“ dürfen daher genau genommen nicht pauschal als prototypische Vertreter der Phraseologie angesehen werden, da die aufgezeigten Merkmale auch auf sie nur mehr oder weniger zutreffen.

2.5  Klassen an formelhaften Wendungen

Eine grundlegende Basisklassifikation des phraseologischen Bestandes nimmt BURGER (2010: 36) anhand des Kriteriums der Zeichenfunktion vor, die Phraseme in der Kommunikation haben:

    referentielle Phraseme: Bezug auf Objekte, Vorgänge oder Sachverhalte der Wirklichkeit (z. B. jmdn. auf die Palme bringen, schwarzes Brett und Der frühe Vogel fängt den Wurm)

    strukturelle Phraseme: Herstellung von (grammatischen) Relationen innerhalb einer Sprache (z. B. in Bezug auf und nicht nur […] sondern auch […])

    kommunikative Phraseme: Erfüllen bestimmte Aufgaben bei der Herstellung, Definition, dem Vollzug und der Beendigung kommunikativer Handlungen (z. B. guten Tag und ich denke)

Für eine erste grobe Einteilung der Phraseologie bietet sich sicherlich eine solche Basisklassifikation an. Sollen jedoch speziellere Klassen voneinander abgegrenzt werden, greift das Kriterium der Zeichenfunktion zu kurz. Der Gegenstandsbereich der Phraseologie ist zum Teil so heterogen und vielfältig, dass eine Kategorisierung auf Grundlage eines einheitlichen Kriterienkatalogs nicht ← 46 | 47 → ausreicht, um das weite Spektrum formelhafter bzw. vorgeprägter Sprache abzudecken (vgl. BUSSE 2002: 408). Es erscheint daher sinnvoll, eine Kombination aus überwiegend strukturellen, semantischen und pragmatischen Kriterien zu verwenden (vgl. KORHONEN 2002: 402 und FÖLDES 2007: 424).

Übersicht 2–10 bietet eine gebündelte Zusammenstellung der in der Forschung herausgearbeiteten Phrasemklassen, die zum größten Teil auf BURGER (2010) und eigenen Ergänzungen beruht. Trotz der auf den ersten Blick statischen Klassifizierung ist zu betonen, dass eine klare und eindeutige Abgrenzung der Phrasemklassen voneinander illusorisch erscheint und es in der Realität vielmehr der Fall ist, dass zwischen den einzelnen Klassen nicht selten fließende Grenzen bestehen bzw. es zu Überschneidungen kommen kann (vgl. FILATKINA 2005: 112).

Übersicht 2-10:  Klassen an formelhaften Wendungen

image ← 47 | 48 →

image ← 48 | 49 →

image

Wie Übersicht 2–10 zu entnehmen ist, liegt der vorliegenden Arbeit ein (sehr) weiter Phraseologiebegriff zugrunde. Als phraseologisch bzw. formelhaft werden alle (polylexikalischen) sprachlichen Erscheinungen angesehen, die sich unter dem verbindenden Merkmal der Reproduzierbarkeit subsumieren lassen (vgl. STEIN 1995: 43). Eine zu enge Auffassung von Phraseologie, wie sie beispielsweise STEFFENS (1989: 81) vertritt, indem sie Nominationsstereotype, kommunikative Formeln und Phraseoschablonen „aufgrund des Fehlens eines wesentlichen Merkmals“ als „freie Wortverbindungen“ behandelt, ist in der heutigen Phraseologieforschung sicherlich die Ausnahme. Dabei wählt STEFFENS (1989: 81) zur Begründung des Ausschlusses von Nominationsstereotypen, die sie als „relativ stabile nicht-idiomatische Wendungen“ definiert, ein geradezu prototypisches Phrasem, nämlich eine Wortverbindung mit unikaler Komponente (gesunder Menschenverstand), die ja bekanntlich als Phraseologie-Indikator schlechthin fungiert.62

In Bezug auf „phraseologische Irregularitäten“ lässt sich konstatieren, dass diese sowohl in allen drei Basisklassen als auch in allen oben aufgelisteten speziellen Klassen vorkommen. Sie beschränken sich somit nicht nur auf die ← 49 | 50 → „traditionellen“, zentralen Vertreter der Phraseologie wie Idiome (z. B. etw. (gegen jmdn./etw.) im Schilde führen) oder Teil-Idiome (z. B. scharf wie Nachbars Lumpi sein), sondern finden sich ebenso in Klassen eines weiteren Phraseologiebegriffs wie Routineformeln (z. B. Gut Blatt!), Funktionsverbgefügen (z. B. etw. in Betracht ziehen), strukturellen Phrasemen (z. B. geschweige denn) und Modellbildungen (z. B. jmdn./etw. zu Tode X[Verb]) (siehe Kapitel 18.5).

2.6  Zentrum-Peripherie-Modell der Phraseologie

Der Grundgedanke, den phraseologischen Bestand mithilfe eines Zentrum-Peripherie-Modells zu kategorisieren, ergibt sich aus der Tatsache, dass nicht alle phraseologischen Merkmale auf alle Klassen gleichermaßen zutreffen und es somit zu Abstufungen und Übergangsbereichen kommen kann (vgl. FLEISCHER u. a. 1983: 311).63 Grob unterscheidet man zwischen einem Kernbereich, in dem satzgliedwertige feste Ausdrücke mit nichtkompositioneller Bedeutung angesiedelt sind, und einer Peripherie, die durch zunehmende bzw. abnehmende Polylexikalität sowie abnehmende Festigkeit und abnehmende Idiomatizität gekennzeichnet ist (vgl. FEILKE 1996: 194). Das Zentrum-Peripherie-Modell bietet dabei vor allem Vorteile in Bezug auf die interne Gliederung und die externe Abgrenzung des Phraseologiebestandes:64

    Interne Gliederung: Für die interne Gliederung des Phraseologiebestandes bringt das Zentrum-Peripherie-Modell den Vorteil mit sich, dass es die Bündelung verschiedener Kriterien im Kernbereich erlaubt, wohingegen die Peripherie dadurch charakterisiert ist, dass dort verschiedene im Zentrum noch anzutreffende Merkmale ihre Geltung verlieren (vgl. FEILKE 1996: 194). Mithilfe dieses Schemas kann der Bestand der formelhaften Sprache somit intern prototypisch angeordnet werden, mit dem Ziel, bestimmte Eigenschaften (z. B. Idiomatizität) als typischer für Phraseme anzusehen als andere. Demnach geht es im Grunde nicht nur um die (grafische) Klassifikation phraseologischer Einheiten, sondern gezielt auch darum, die einzelnen Merkmale hierarchisch zu gewichten, um somit die phraseologischen Klassen gemäß der Erfüllung bzw. Nicht-Erfüllung der Kriterien anordnen ← 50 | 51 → zu können. Zentral sind somit feste Wendungen, die die Eigenschaften der Polylexikalität, der Idiomatizität und der Festigkeit in besonderem Maße aufweisen. Je näher man an die Ränder der Phraseologie gelangt, desto geringer wird die Idiomatizität, desto variabler die Festigkeit und desto mehr verändert sich die Polylexikalität in quantitativer Hinsicht (von formelhaften Einwortäußerungen und „Einwortidiomen“ bis hin zu satzwertigen Phrasemen und formelhaften Texten).

    Externe Abgrenzung: Das Zentrum-Peripherie-Modell vermittelt darüber hinaus einen Einblick in die Schwierigkeiten, den phraseologischen Bestand insgesamt ein- und von freien Wortverbindungen abzugrenzen (vgl. LÜGER 1999: 37). Es verdeutlicht, dass es kaum möglich ist, die Grenzen der Phraseologie zu bestimmen. Das Modell vermag es, die Ausweitung des Untersuchungsgegenstands und die damit verbundene Unschärfe der Ränder zu externen Bereichen (z. B. Wortbildung und Text(sorten)linguistik) zu erfassen und visuell hervorzuheben. Die Frage, ab wann Phraseologie aufhört und beispielsweise Wortbildung oder Text(sorten)linguistik beginnen, kann daher nicht eindeutig beantwortet werden, woraus STEIN (1994: 153) schlussfolgert, dass sich die Phraseologieforschung weniger denn je als klar definierter und abgrenzbarer Teilbereich der Linguistik entpuppt.

Die vorliegende Arbeit geht von einem sehr weiten Phraseologiebegriff aus und sieht die Abgrenzungsproblematik zwischen festen und freien Wortverbindungen nicht als Nachteil oder Hindernis, sondern als eine grundlegende Eigenschaft der (formelhaften) Sprache selbst. Unschärfe ist demzufolge nicht der markierte, sondern vielmehr der unmarkierte Fall aller sprachlichen Kategorisierungsversuche bzw. Beschreibungsmodelle:

Unschärfe ist ein Phänomen, das bei der Betrachtung von Sprache nicht unsicher machen darf. In einem sozial bestimmten und sich natürlich entwickelnden Bereich, wie es der Gebrauch einer Sprache ist, kann man absolute Trennschärfe zwischen den Phänomenen nicht erwarten. (Fix 2008: 18)

Ein letzter Gedanke zu dieser Thematik: Bei der (immer wiederkehrenden und dennoch bisher unbeantwortet gebliebenen) Frage, welche Erscheinungen zur Phraseologie gehören und welche nicht, wird vernachlässigt, dass es letztlich irrelevant ist, ob formelhafte Texte, „Einwortidiome“, Modellbildungen, Sprichwörter, Kollokationen oder auch Routineformeln Bestandteile der Phraseologie sind oder nicht. Tatsache ist vielmehr, dass diese sprachlichen Erscheinungen existieren und deshalb einer sprachwissenschaftlichen Analyse bedürfen. In welchem Teilbereich der Linguistik dies letztendlich geschieht (z. B. Textlinguistik, ← 51 | 52 → Lexikologie, Phraseologie, Syntax, Wortbildung oder Pragmatik) ist im Grunde nur von sekundärer Bedeutung.

In Bezug auf den vorliegenden Gegenstand stellt sich die Frage, welche Position „phraseologische Irregularitäten“ im Zentrum-Peripherie-Modell einnehmen. Aufgrund ihrer strukturellen und/oder semantischen „Anomalie“ gelten sie gemeinhin als prototypische Vertreter der Phraseologie und werden daher in der Regel im Kernbereich verortet. Angesichts empirischer und theoretischer Erkenntnisse wird sich jedoch zeigen, dass das (Vor-)Urteil über ihre zentrale Stellung zu überdenken ist (siehe Kapitel 18.5).

2.7  Konzept der idiomatischen Prägung und das Ebenen-Modell nach Feilke

Um das Konzept der idiomatischen Prägung (besser) nachvollziehen zu können, ist es wichtig zu beachten, dass sich nach FEILKE (1993, 1994, 1996, 1998, 2004) „die idiomatische Qualität von komplexen Ausdrücken längst nicht nur an syntaktischen und semantischen Struktureigenschaften festmacht, sondern auch allein an einer pragmatischen Bindung“ (STEIN 2010b: 60). „Idiomatisch“ heißt demnach zum einen, dass aus einem „Spektrum von Konstruktionsmöglichkeiten für Ausdrücke […] durch die Konventionalisierung von Selektions- und Kombinationsmöglichkeiten bestimmte verbindlich geworden [sind]“ (FEILKE 1998: 74), und zum anderen, dass Ausdrücke usuelle Verwendungskontexte bzw. spezifische Verwendungsschemata konnotieren (vgl. FEILKE 2004: 49).65 Mit anderen Worten: Das Konzept der idiomatischen Prägung manifestiert sich einerseits in historisch gewachsenen ausdrucksseitigen Distributionsbeschränkungen sprachlicher (Mehrwort-)Einheiten und andererseits in dem (pragmatischen) Wissen eines jeden Sprachteilhabers, wofür man bestimmte Ausdrücke gebrauchen kann und wofür sie typischerweise gebraucht werden (vgl. FEILKE 1996: 202):66 ← 52 | 53 →

Der Prozeß der idiomatischen Prägung vollzieht sich als eine Konventionalisierung der Assoziation von im Sprechen und Hören (Meinen und Verstehen) erbrachten Konzeptualisierungsleistungen mit sprachlichen Ausdrücken bzw. Ausdrucksweisen. Er resultiert inhaltsseitig in der Fixierung einer idiomatischen Interpretation und ausdruckseitig in einer konventionalisierten und im idiomatischen Sprachwissen mehr oder weniger stark fixierten Distribution. Pragmatisch werden dadurch Ressourcen des Vorverständigtseins für die Kommunikation geschaffen und gesichert. (FEILKE 1993: 15; Hervorhebung im Original)

Für ausdrucksseitige Selektions- und Kombinationspräferenzen führt FEILKE (1998: 74f.) zahlreiche Beispiele an. So heißt es Ebbe und Flut und nicht etwa *Flut und Ebbe, eine schwere Krankheit und nicht *eine starke Krankheit oder auch sich die Haare waschen und sich die Zähne putzen, aber nicht *sich die Haare putzen oder *sich die Zähne waschen. Die Prägung auf kommunikativ-pragmatischer Ebene veranschaulicht FEILKE (2004: 47) anhand der Formel Ich liebe dich, die nicht deswegen idiomatisch erscheint, weil spezifische syntaktische und semantische „Irregularitäten“ oder Restriktionen vorliegen, sondern weil sie pragmatisch an einen üblichen Gebrauchszusammenhang (z. B. der Liebeserklärung) gebunden ist.67

Aus FEILKES (1998: 73) Sicht reicht die idiomatische Prägung somit „weit über den Begriff des Idiomatischen und Phraseologischen im engeren Sinne hinaus“, wodurch Phänomene ins Zentrum des Interesses rücken, die bisher als peripher befunden werden (vgl. FEILKE 1994: 377). Als Konsequenz ergibt sich daraus zwangsläufig eine Kritik am bestehenden Zentrum-Peripherie-Modell, da

[d]er typische Fall idiomatischer Prägung […] – wenn überhaupt – in der Perspektive der am Zentrum-Peripherie-Schema orientierten Phraseologie marginal [erscheint], und zwar, weil ihm wesentliche Merkmale der Idiomatizität und Phraseologizität fehlen bzw. für die Definition irrelevant sind. (FEILKE 1998: 73; Hervorhebung im Original)

Angesichts der Tatsache, „dass semantisch und syntaktisch wohlgeformte Ausdrücke ohne jede Einschränkung idiomatisch sein können, wenn sie hinsichtlich eines oder mehrerer pragmatischer Kontextparameter geprägt […] sind“ (FEILKE 2004: 49),68 betont FEILKE (2004: 57), dass der traditionelle phraseologische Kernbereich „im Gesamtspektrum der idiomatischen Prägung keine zentrale Rolle [spielt].“ Das Zentrum-Peripherie-Modell ersetzt er deshalb durch ein Ebenen-Modell idiomatischer Prägung (siehe Abbildung 2), dessen ← 53 | 54 → breite Basis die bisher als peripher eingestuften formelhaften Einheiten (z. B. Routineformeln und Kollokationen) einnehmen, während die traditionell als zentral charakterisierten (semantisch bzw. syntaktisch „irregulären“) Wortverbindungen sozusagen die quantitativ gesehen kleine Spitze des phraseologischen Bestandes bilden (vgl. FEILKE 2004: 58):

Abbildung 2:  Ebenen-Modell der Phraseologie nach FEILKE (2004)

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Für die vorliegende Arbeit drängt sich die Frage auf, ob die hier behandelten „phraseologischen Irregularitäten“ tatsächlich nur die kleine „Spitze des Eisbergs“ formelhafter Sprache einnehmen, oder aber, ob sie in Bezug auf das Konzept der idiomatischen Prägung und des daraus resultierenden Ebenen-Modells differenzierter betrachtet werden müssen. Detailliert beschäftigt sich Kapitel 18.6 mit dieser Thematik. So viel sei vorweggenommen: Es wird sich zeigen, dass „Irregularitäten“ auch in der scheinbar „regulären“ phraseologischen Peripherie bzw. Basis zu finden sind und sich somit das Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie bzw. den Ebenen in FEILKES (2004) Modell in Bezug auf „Regularität“ versus „Irregularität“ komplexer und dynamischer gestaltet als bisher angenommen. ← 54 | 55 →


9      Vgl. u. a. die Integration phraseologischer Konzepte in die Text(sorten)linguistik (formelhafte Texte), in die Spracherwerbsforschung, in die Syntax- (Modellbildungen) sowie Grammatikforschung (Konstruktionsgrammatik), in die Pragmatik (pragmatische Phraseme), in die Wissenssoziologie (kommunikative Gattungen) sowie in die Konversationsanalyse (Vorgeformtheit als Ressource im konversationellen Formulierungs- und Verständnisprozess) (vgl. SCHMALE 2011: 179).

10    DOBROVOLSKIJ (1992) führt hierfür die Semiotik (SIALM 1987), die propositionale Semantik (WOTJAK, G. 1986), die vergleichende Kulturologie (GRÉCIANO 1989), die Strukturtypologie und Universalienlinguistik (DOBROVOLSKIJ 1988), die Computerlinguistik (DOBROVOLSKIJ 1989a) und die kognitive Semantik (BARANOV/DOBROVOLSKIJ 1991) an. Ob die Phraseologie tatsächlich eine zentrale Stellung im sprachwissenschaftlichen Diskurs besitzt, kann meines Erachtens jedoch stark angezweifelt werden (siehe Kapitel 20.2.2).

11    Einen guten Überblick über die bisherigen Beschreibungsansätze in der Kollokationsforschung gibt KONECNY (2010).

12    So werden Phraseme innerhalb der Diskurslinguistik zwar neben Lexemen als für die linguistische Beschreibung relevante Entitäten erwähnt (vgl. GARDT 2007: 31 sowie FELDER 2013: 175), bleiben in bisherigen diskursanalytischen Studien aber weitgehend unberücksichtigt (siehe auch STUMPF/KREUZ in Vorbereitung). Eine Ausnahme stellt ROTH (2015: Kapitel 11.2.1) dar, der den Phrasemgebrauch aus diskurspragmatischer Sicht betrachtet.

13    Für die Etablierung eines „sehr weiten“ Phraseologiebegriffs spricht auch die Tatsache, dass LÜGER (1999) in seiner sehr ausführlichen Darstellung des phraseologischen Gegenstandsbereichs unter Einbezug des Zentrum-Peripherie-Modells beispielsweise formelhafte Texte und Kollokationen aus dem Zuständigkeitsbereich einer „weiten“ Phraseologie ausschließt (siehe die Abbildungen in LÜGER 1999: 39, 43, 49). Da in der gegenwärtigen Phraseologieforschung jedoch weitgehend Konsens darüber herrscht, dass auch diese beiden Phänomene im Bereich der formelhaften Sprache anzusiedeln sind, könnte man hier einen „sehr weiten“ Phraseologiebegriff ansetzen.

14    Ausnahmen sind semantisch und lexikalisch „irreguläre“ Wendungen (sprich: Idiome und Unikalia) (siehe Kapitel 3.3).

15    Eine Auflistung verschiedener Termini sowie Überlegungen zu diesem Problem finden sich u. a. in ROTHKEGEL (1973: 5); THUN (1978); PILZ (1978, 1981, 1983a, 1983b); BURGER u. a. (2007) sowie DONALIES (1994), für die englischsprachige Forschung in WRAY/PERKINS (2000: 3).

16    In der vorliegenden Arbeit wird durchgängig „Phrasem“ gebraucht.

17    Eine andere Perspektive nimmt STEYER (2000: 112) mit ihrem Konzept der usuellen Wortverbindungen ein, wenn sie Idiomatizität als die Haupteigenschaft von Phrasemen ansieht und ganz explizit für einen engen Phraseologiebegriff plädiert.

18    Dieses zweite Merkmal heben auch FILATKINA u. a. (2009: 344) hervor und betonen dessen Wichtigkeit für die Analyse der formelhaften Sprache vergangener Sprachstufen (besonders des Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen), da es „erlaubt, auch die Strukturen zur Analyse heranzuziehen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte einen niedrigen Grad an syntaktischer Festigkeit aufweisen, variabel sind, nie idiomatisch werden und es auch nie geworden sind.“

19    Ebenso wie STEIN (1995) und FILATKINA u. a. (2009) fasst auch MARGEWITSCH (2006) das Verhältnis zwischen „Formelhaftigkeit“ und „Phraseologie“ auf. Sie erachtet „formelhafte Sprache“ als Oberbegriff und ordnet alle Arten vorgeprägter bzw. usuell gewordener Sprache diesem unter. Siehe hierfür vor allem Kapitel 2.2 in MARGEWITSCH (2006), in dem sie den Bereich der formelhaften Sprache in Anlehnung an BURGER (1998a) in referentielle, strukturelle und kommunikative formelhafte Wendungen unterteilt.

20    Ausführungen zur formelhaften Sprache in Bezug auf das Englische finden sich in WRAY (2002, 2008, 2009) sowie WRAY/PERKINS (2000). WRAY (2002: 9) definiert „formulaic sequences“ wie folgt: „A sequence, continuous or discontinuous, of words or other elements, which is, or appears to be, prefabricated: that is, stored and retrieved whole from memory at the time of use, rather than being subject to generation or analysis by the language grammar.“

21    Solche pragmatisch verfestigten und situationsabhängigen „Einwortunikalia“ weisen starke Parallelen zu Interjektionen auf, die ja bekanntlich auch pragmatisch fixiert sind und „zum Ausdruck von Empfindungen, Flüchen und Verwünschungen sowie zur Kontaktaufnahme dienen“ (BUSSMANN 2008: 302). Zu Interjektionen siehe u. a. KÜHN (1979); BURGER (1980); TRABANT (1983); FRIES (1992); BURKHARDT (1998); REISIGL (1999); YANG (2001) und NÜBLING (2004a).

22    So weist SCHINDLER (1996a: 12) dem Wort hallo die gleiche (pragmatische) Bindung zu wie Grüß Gott, nämlich die im Rahmen eines „Begegnungsskripts“.

23    Es ist zu betonen, dass das Hyperonymie- und Hyponymie-Verhältnis der beiden Termini „Formelhaftigkeit“ und „Phraseologie“ einen gleichzeitigen Gebrauch nicht nur ermöglicht, sondern sich dieser geradezu anbietet. In der vorliegenden Arbeit wird daher an Stellen, an denen beispielsweise der Terminus „Phrasem“ vollkommen ausreicht, dieser verwendet. Werden explizit periphere Erscheinungsformen fokussiert, wird auf alternative und treffendere Termini zurückgegriffen (beispielsweise werden musterhafte und schablonenartig vorgefertigte Texte als „formelhafte Texte“ und nicht etwa als „phraseologische Texte“ bezeichnet).

24    In der Valenzgrammatik spricht man hierbei auch von „Satzbaupläne[n]“ (EROMS 2000: 315). Für zahlreiche konkrete Beispiele siehe HERINGER (1988: 132–136).

25    Auch BURGER (2010) ordnet die psycholinguistische Festigkeit als eine besondere Art der Festigkeit dieser Kategorie unter.

26    Die seltene Nennung dieser drei Eigenschaften resultiert sicherlich auch daraus, dass das Durchschnittserscheinungsjahr der ausgewerteten Werke im Jahre 1983 anzusiedeln ist. Neuere Arbeiten, die vor allem die Gebrauchsfrequenz als entscheidendes Merkmal der Verfestigung formelhafter Sprache ansehen (z. B. STEIN 1995), sind in SCHINDLERS (1996a) Auswertung noch nicht mitberücksichtigt.

27    Vgl. auch WRAY (2002: 49): „[I]rregularity is not in itself a sufficient defining feature of formulaic sequences.“

28    Eine der ersten Arbeiten, in denen auf diese aufmerksam gemacht wird, ist ein Aufsatz von PÜSCHEL (1978), in dem er sie als sogenannte „Wortbildungsidiome“ den Idiomen zuordnet (vgl. PÜSCHEL 1978: 156).

29    Siehe u. a. HENSCHEL (1987); DUHME (1991, 1995); GONDEK/SZCZEK (2002); ÁGEL (2004a); SZCZEK (2004) sowie HEINE (2010).

30    Ist man trotz allem gewillt, solche monolexikalischen idiomatischen Erscheinungen als phraseologisch zu bewerten, werden sie fast ausschließlich in der phraseologischen Peripherie angesiedelt (siehe STEIN 1995: 42 sowie LÜGER 1999: 36f.).

31    Zur Problematik der Getrennt- und Zusammenschreibung siehe FUHRHOP (2007) sowie EISENBERG (1998: Kapitel 8.4).

32    Anhand des Beispiels auf Grund/aufgrund weist SCHINDLER (2002: 36) darauf hin, dass es sich bei solchen Fällen vom Standpunkt des Lexikons aus um „orthographische Scheinprobleme“ handelt, da hier zwei alternative graphematische Ausdrucksseiten mit einem Inhalt und einheitlichen syntaktischen Merkmalen lexikalisch verbunden sind.

33    DONALIES (2005: 340) betont jedoch explizit, dass Orthografisches höchstens im Deutschen aussagekräftig ist, da in anderen Sprachen dieser Usus weniger strikt reglementiert erscheint (z. B. engl. wordformation, word-formation, word formation oder girlfriend, girl-friend, girl friend).

34    Für zahlreiche Beispiele siehe FLEISCHER (1997a: 185–189).

35    http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-28785/wahlkampfgenie-tritt-ins-fettnaepfchen-steinbrueck-schockiert-mit-aeusserungen-zu-merkels-gehalt_aid_889420.html (Stand 27.02.2015).

36    http://www.rosalux.de/fileadmin/ls_sanh/pdf/2015/St%C3%A9phane_Hessel__95_Geburtstag__Ablehnung_der_beantragten_Ehrenb%C3%BCrgerschaft_durch_den_Weimarer_Stadtrat.pdf (Stand 27.02.2015).

37    http://blog.inberlin.de/2013/03/ab-zum-schwoofen-in-claerchens-ballhaus/ (Stand 27.02.2015).

38    http://www.focus.de/finanzen/videos/alle-ist-eine-reisserische-uebertreibung-neues-modell-zu-kaufen-kommentar_id_5964598.html (Stand 27.02.2015).

39    http://blog.wawzyniak.de/parteivorstandssitzung-nr-6/ (Stand 27.02.2015).

40    http://archiv.herr-der-ringe-film.de/showflat.php/Number/1317409 (Stand 27.02.2015).

41    http://guidoschwarz.at/blog/neues-vom-fressen/ (Stand 27.02.2015).

42    http://www.parents.at/forum/showthread.php?t=641245&page=2 (Stand 27.02.2015).

43    http://www.carl-auer.de/blogs/kehrwoche/asthetik-der-geschlechter/ (Stand 27.02.2015).

44    http://www.alnatura.de/Panorama/anthroposophie/denken-wirkt/hunger-und-armut-warum (Stand 27.02.2015).

45    https://efeder.wordpress.com/2010/01/14/cdu-will-spd-wahler-kodern/ (Stand 27.02.2015).

46    http://www.moviepilot.de/movies/milchprodukte-des-grauens (Stand 27.02.2015).

47    Zur Klassifikation satzwertiger Phraseme siehe u. a. BURGER (2010: 36–42) sowie LÜGER (1999: 125–136).

48    Zum Konzept der formelhaften Texte siehe DAUSENDSCHÖN-GAY u. a. (2007a, 2007b); GÜLICH (1997); GÜLICH/KRAFFT (1998) sowie STEIN (2001, 2011a).

49    Auch wenn die Speicherbarkeit komplexer Texte aus kognitiver Perspektive eher unwahrscheinlich ist, deuten textlinguistische Studien dennoch darauf hin, dass Sprachteilhaber zumindest den Aufbau, d. h. die Makrostruktur, und zum Teil die Mesostruktur von häufig gebrauchten Texten erlernen bzw. kennen und sie demnach über ein nicht zu unterschätzendes Textsorten- bzw. Textmusterwissen verfügen (siehe u. a. HEINEMANN/VIEHWEGER 1991: 109–111 sowie HEINEMANN/HEINEMANN 2002: 135–140).

50    Vgl. hierzu auch DAUSENDSCHÖN-GAY u. a. (2007a: 474f.), die ebenfalls auf gewisse sprachliche „Irregularitäten“ formelhafter Texte hinweisen: „Dementsprechend betrachtet man stark ‚idiomatische‘ Texte als, wenn man so sagen darf, formelhafteste Texte. Es sind Texte, deren Realisierung syntaktische und semantische ‚Defekte‘ zulässt oder erfordert und die man nicht nur zu verfassen, sondern manchmal auch zu lesen lernen muss. […] Es gibt Texte, die sehr engen Regelungen unterliegen […] oder sogar morphologische, syntaktische und lexikalische ‚Defekte‘ zulassen […].“

51    Ignoriert werden sollte hierbei aber nicht die Tatsache, dass „irreguläre“ Formen auch in peripheren Klassen wie beispielsweise Routineformeln und Modellbildungen auftreten (siehe Kapitel 18.5), bei denen sich die Festigkeit vor allem durch rekurrenten Gebrauch ergibt.

52    So beispielsweise bei Gemeinplätzen (siehe GÜLICH 1978 und SABBAN 1994), geflügelten Worten und Sprichwörtern (siehe SCHEMANN 1987; HARNISH 1995 und LÜGER 1999).

53    Zu Unikalia aus lexikografischer Sicht siehe auch HOLZINGER (2013).

54    STAFFELDT (2011: 134) vermag nicht zu beantworten, „[w]o diese Konvergenz hinführt“ und stellt die Überlegung an, dass es sich hierbei vielleicht einfach um eine „Frage der Perspektivierung“ handelt. Etwas unglücklich und problematisch fällt dabei die Wahl der Adverbiale gerade aus. Die Phraseologieforschung entdeckte nicht erst um das Jahr 2010, dass Phraseme nur „mehr oder weniger“ fest sind; die absolute Stabilität wird bereits zu Beginn der sogenannten Konsolidierungsphase, teilweise sogar schon in der Anfangsphase angezweifelt und relativiert.

55    In der heutigen Phraseologieforschung herrscht weitgehend Konsens über die hier angeführte Merkmalsdefinition. Es lassen sich jedoch bei genauerer Betrachtung auch noch zahlreiche weitere Begriffspräzisierungen von Idiomatizität finden, was ein Problem darstellen kann (siehe hierzu DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994b: 450), da sich diese teilweise unvereinbar gegenüberstehen und somit zu entgegengesetzten Idiomatizitätsurteilen über dasselbe Sprachmaterial führen können (vgl. FEYAERTS 1994: 136).

56    Obwohl Idiomatizität eine Zeitlang als das phraseologische Merkmal schlechthin galt, ist es im Grunde gar keine phraseologiespezifische Eigenschaft. Auch bei Wortbildungsprodukten kann Idiomatizität vorliegen (vgl. ROOS 2001: 9f.). Die bereits angesprochenen „Einwortidiome“ bzw. besser „idiomatischen Komposita“ (z. B. Drahtesel, Geldspritze und Kuhhandel) zeigen deutlich, dass es für die Phraseologie nicht von Vorteil ist, alles, was irgendwie idiomatisch aussieht, als Phrasem auszuzeichnen (vgl. DONALIES 2005: 344).

57    Zu grundlegenden Problemen des Motiviertheitsbegriffs siehe DOBROVOLSKIJ vgl. u. a. (1995: 41–45); zu verschiedenen Typen der Motivation DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (2009: Kapitel 1).

58    Einen guten Überblick über Kookkurrenzen und vor allem den Zusammenhang zwischen Kollokationen und Kookkurrenzen gibt BUBENHOFER (2009: 111–129).

59    Für die Identifizierung als formelhafte Wendung reicht bei „phraseologischen Irregularitäten“ häufig das Vorhandensein einer ausdrucks- und/oder inhaltsseitigen „Irregularität“. Es muss jedoch betont werden, dass das bloße Auftreten „irregulärer“ Erscheinungsformen keine Garantie dafür ist, dass es sich bei entsprechender Wortverbindung auch um eine phraseologische handelt. Denn die von der bisherigen Forschung als phraseologiespezifisch deklarierten „Irregularitäten“ treten auch teilweise (noch) in freien Wortverbindungen auf (siehe Kapitel 18.2).

60    Vgl. auch HÄCKI BUHOFER (2011: 524), die betont, dass „Kollokationen oft Basiswortschatzlemmata in Kombination mit sehr allgemeinen und sehr spezifischen, veralteten, eventuell auch unikalen Elementen enthalten.“

61    Beispiel aus STEIN (2001: 25).

62    Auch STEYER/LAUER (2007: 499) kommen zu dem Ergebnis, dass „ein signifikanter Kookkurrenzpartner des Adjektivs gesund […] das Nomen Menschenverstand [ist].“

63    Für detaillierte Ausführungen zum phraseologischen Zentrum-Peripherie-Modell sei auf LÜGER (1999) und GLÄSER (1988, 1990) verwiesen.

64    Angesichts des Erkenntnisinteresses bzw. des Kenntnisstands der heutigen Phraseologieforschung kann durchaus die (berechtigte) Frage gestellt werden, ob das Zentrum-Peripherie-Modell überhaupt noch zeitgemäß ist. Kritische Worte finden sich beispielsweise bei FEILKE (1996: 209) und BURGER (2012: 17).

65    STÖCKL (2004: 176) spricht hierbei auch von „[z]wei Spielarten idiomatischer Prägung“.

66    Die Grundidee der „idiomatischen Prägung“ findet sich meines Erachtens bereits bei HÄUSERMANN (1977: 8): „Einer Trennung in ‚phraseologische‘ und ‚nichtphraseologische‘ feste Einheiten muss nun aber die Tatsache entgegengehalten werden, dass jede Wortverbindung irgendeine Spezialisierung in der Anwendung erfährt, sobald sie ‚fest‘ wird. Oder umgekehrt formuliert: Nur wenn eine Verbindung von Wörtern eine ganz bestimmte Aufgabe erhalten soll, wird sie in der Sprache zu einer festen Einheit. In diesem Sinne ist die Bedeutung jedes Frasmus [= Phrasem, SöSt] ‚übertragen‘ – oder besser: spezialisiert.“

67    FEILKE (2004: 47) greift darüber hinaus auf einen frametheoretischen Erklärungsansatz zurück, indem er feststellt, dass ein sprachlicher Ausdruck als „frame“ konventionell die mit ihm vernetzte „scene“ indiziert.

68    Vgl. hierzu auch AUGST (1993: 3): „Der Anteil des Geprägten geht weit ins Regelhafte hinein.“