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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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4. Unikalia

4.  Unikalia

4.1  Definition

In der bisherigen Forschung werden Unikalia als Wörter definiert, die nur (noch) im Konstituentenbestand von Phrasemen vorzufinden sind (z. B. jmdm. ein Schnippchen schlagen, klipp und klar und seit Menschengedenken) (vgl. u. a. DOBROVOLSKIJ 1989b: 57; FLEISCHER 1997a: 37; HÄCKI BUHOFER 2002a: 429 und ČERMÁK 2007: 21). Aufgrund der Annahme, dass ihre Realisierung auf Phraseme beschränkt ist und sie im freien Sprachgebrauch nicht (mehr) in Erscheinung treten, werden sie auch als „phraseologisch gebundene Formative“ bezeichnet.80 Die „Irregularität“ drückt sich hierbei auf lexikalischer Ebene aus.

Der Terminus der Unikalität besitzt seinen Ursprung in der Morphologie (vgl. DONALIES 2011: 30f.). Als unikal werden Morpheme bezeichnet, die in einer Sprache nur einmal als Stamm- bzw. Kompositionsglied auftreten und deren Bedeutung synchron nicht mehr analysierbar ist (vgl. GENADIEVA 2006: 124). Als Beispiel wird häufig das Morphem him in Himbeere angeführt. Dessen bedeutungstragende Funktion ist zwar noch durch den Vergleich mit Erd-, Stachel-, Blaubeere etc. zu erkennen, eine eigenständige Bedeutung kann aber nicht angeben werden (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002b: 127).81

Unikalisierung kann als semantischer Strukturverlust, als Endpunkt der Lexikalisierung und als stärkste lexikalische Restriktion verstanden werden (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002a: 429). Diese semantische Auffassung von Unikalität lässt sich aber in der Phraseologie auf die meisten als „unikal“ aufgefassten Elemente nicht übertragen (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002b: 126). Denn zum einen stellt der Bereich der Homonymie die Unikalität der Komponenten infrage (z. B. auf der Hut ← 83 | 84 → sein)82 und zum anderen zeigt die Affinität mancher Phraseme dieser Gruppe zur Bildung phraseologischer Paradigmen (z. B. jmdm. einen Denkzettel geben/erteilen/verpassen // einen Denkzettel erhalten), dass sie „keine ‚absoluten Unikalien‘ darstellen, sondern Elemente der Sprache [sind], die zwar starken syntagmatischen Restriktionen unterliegen, aber systemhafter paradigmatischer Entfaltung fähig sind“ (DOBROVOLSKIJ 1989b: 75). Laut HÄCKI BUHOFER (2002b: 155) sollte der Terminus der „Unikalität“ daher vermieden werden. In der vorliegenden Arbeit wird dennoch auf ihn zurückgegriffen, da er innerhalb der Phraseologieforschung den Status eines allgemein bekannten Terminus besitzt.

Unikalia werden in der bisherigen Forschung überwiegend als Erscheinungen betrachtet, die prototypisch die Festigkeit und Fixiertheit von Phrasemen offenbaren (vgl. u. a. KORHONEN 1992a: 49 und HÄCKI BUHOFER 2002b: 129). Häufig ist es veraltetes oder selten gewordenes Wortgut, das in freier Verwendung nicht mehr auftritt und somit nur noch in phraseologischen Wortgruppen vorzufinden ist.83 Die Fossilisation dieser Elemente in Phrasemen zeigt deren phraseologische Gebundenheit und ist als Zeichen für den stabilisierenden Effekt von Phrasemen anzusehen (vgl. PALM 1997: 30). Phraseme stellen also durch ihre Festigkeit Bewahrungsorte für solche archaischen Sprachteile dar. Es ist jedoch zu betonen, dass – genauso wie bei „normalen“ Phrasemen – auch bei unikalen Wendungen zum Teil eine hohe strukturelle Varianz zu finden ist (z. B. geschmückt/herausgeputzt/aussehen/vorgeführt werden wie ein Pfingstochse).

Die bis heute vorherrschende Überzeugung, dass Unikalia einen hohen Grad an Idiomatizität aufweisen, da in ihrer phraseologischen Isolierung einer der Gründe dafür liegt, dass sich die Gesamtbedeutung des Phrasems nicht als Summe der Elementbedeutungen ermitteln lässt (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002a: 429), muss in Anbetracht meiner empirischen Analyse relativiert werden. Phraseme mit Unikalia können auch gänzlich nicht-idiomatisch sein (z. B. unbeschrankter Bahnübergang). In diesen Fällen liegt ein vollkommen durchsichtiges Wort vor, ← 84 | 85 → das deswegen als unikal bezeichnet werden kann, da es seine syntagmatische Verknüpfung mit anderen Wörtern fast vollständig eingebüßt hat. Auch FLEISCHER (1997a: 42f.) macht auf idiomatische Abstufungen der Phraseme mit Unikalia aufmerksam. Hierbei verweist er auf solche Komponenten wie Fug (mit Fug und Recht) oder Lauer (auf der Lauer liegen), deren Grundmorpheme auch Bestandteile von Wortbildungskonstruktionen außerhalb von Phrasemen sind (Un-fug, be-fug-t und be-lauer-n), sowie auf Wörter wie Kerbholz (etw. auf dem Kerbholz haben) oder Fersengeld (Fersengeld geben), die aus kulturgeschichtlichen oder anderen Sachkenntnissen heraus motiviert werden können.

Bezüglich ihrer Wortart lassen sich Unikalia nach FLEISCHER (1989: 121–123) in Substantive (z. B. jmdn. (bis) zur Weißglut bringen/reizen/treiben), Adjektive/Adverbien (z. B. jmdn. mundtot machen) und Verben (z. B. an jmdm. ein Exempel statuieren) unterscheiden, wobei Substantive die Mehrheit der deutschen Unikalia stellen. Eine weitere Wortart wird in der bisherigen Forschung nicht berücksichtigt: Betrachtet man Wortverbindungen wie sowohl […] als auch […] oder entweder […] oder […] als formelhaft im Sinne von strukturellen Phrasemen, existieren auch phraseologisch gebundene Konjunktionen.

4.2  Diachrone Entwicklung: Entstehungsprozesse von Unikalia

PIIRAINEN (1996) beschreibt den Unikalisierungsprozess u. a. als einen Übergang von einem peripheren zu einem phraseologisch gebundenen Wort. Zur Veranschaulichung führt sie das Phrasem auf Schusters Rappen an und stellt fest: „[S]elbst wenn man über ein erlerntes Wissen verfügt, daß Rappe ‚schwarzes Pferd‘ bedeutet, ruft das Idiom keine Assoziationen zu einem Pferd hervor“ (PIIRAINEN 1996: 324). Als verwandtes Beispiel verweist sie auf das Phrasem auf dem hohen Ross sitzen, für das ein ähnlicher Prozess der Unikalisierung denkbar sei. Eine weitere Form der Unikalisierung sieht PIIRAINEN (1996: 325) im Phänomen der Diminutiva. Den Wörtern Zünglein, Kämmerlein und Stündlein sagt sie eine analoge Entwicklung voraus wie den bereits phraseologisch gebundenen Hintertürchen, Oberstübchen und Mütchen. Auch die empirische Auswertung der vorliegenden Arbeit bestätigt die Vermutung, dass Diminutive innerhalb von Phrasemen zur Unikalität tendieren. So bringt die Korpusanalyse eine ganze Reihe an (mehr oder weniger) stark phraseologisch gebundenen Diminutiven hervor (z. B. aus dem Nähkästchen plaudern, sich ins Fäustchen lachen, Däumchen drehen/drücken und wie am Schnürchen laufen/gehen/klappen). Diese Beispiele verdeutlichen, dass Unikalisierung nicht nur ein Phänomen veralteter, ← 85 | 86 → nicht mehr gebräuchlicher Wörter aus älteren Sprachverhältnissen darstellt, sondern sie sich auch auf synchroner Ebene vollziehen kann.84

Nach FLEISCHER (1989) lassen sich darüber hinaus mehrere Abstufungen des Unikalisierungsprozesses unterscheiden:

1)  Laut ihm ist eine Zwischenstufe dieses Prozesses erreicht, sobald eine lexikalische Einheit im autonomen Gebrauch im Lexikon als „veraltend“ oder „veraltet“ markiert wird (vgl. FLEISCHER 1989: 118). Die Markierung „gehoben“ kann dabei auf einen solchen Unikalisierungsprozess hinweisen. Unikalia können somit infolge von im Sprachgebrauch veralteten Lexemen entstehen, insofern diese Bestandteile von festen Wortverbindungen sind. Der Archaismuscharakter von Wörtern führt zu ihrer phraseologischen Gebundenheit.

2)  Über Zwischenstufen verläuft laut FLEISCHER (1989: 119) auch die Integration regionaldialektal begrenzter Ausdrücke in den Allgemeinwortschatz als phraseologisch gebundene Komponente. Als Beispiel führt er das Wort Hucke an, das in den Lexika als „landschaftlich“ oder „salopp“ markiert ist. Den Phrasemen jmdm./sich die Hucke vollhauen sowie sich die Hucke vollsaufen fehlt jedoch die territoriale Markierung; sie sind als „umgangssprachlich“ gekennzeichnet.85

3)  Analog zur Integration regionaldialektal begrenzter Ausdrücke in den Allgemeinwortschatz verhält es sich auch mit Lehnwörtern (vgl. FLEISCHER 1989: 119). Als Beispiele können hier etw. ad acta legen oder auch etw. in petto haben angeführt werden.

4)  Die Integrationsvorgänge, wie sie in (2) und (3) beschrieben werden, lassen sich auch auf Ausdrücke fachsprachlichen Charakters übertragen. Die Integration fachspezifischer Termini stellt sich jedoch als problematischer dar als die beiden genannten Prozesse. Die entscheidende Frage ist, ob es sich bei bestimmten Wörtern (noch) um Fachtermini handelt oder nicht. Ist eine fachbezogene Komponente (z. B. einen Drehwurm haben/bekommen) dem Allgemeinwortschatz völlig fremd, kann diese laut FLEISCHER (1997a: 41) als „phraseologisch gebunden“ bezeichnet werden. Die Frage, ob eine bestimmte Komponente Eingang in den Allgemeinwortschatz gefunden hat, ist jedoch nicht ohne Weiteres eindeutig zu beantworten und kann nur mithilfe ← 86 | 87 → umfangreicher Korpusauswertungen oder durch Probandenbefragungen, wie sie beispielsweise DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) durchführen, gelöst werden.

Vonseiten der linguistischen Forschung ist insbesondere die sogenannte „Usus-Ambivalenz“ (DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994b: 451) von Unikalia interessant. Auch wenn Unikalia häufig Relikte älterer Sprachverhältnisse darstellen (Archaismen, Historismen), sind die Phraseme, in denen sie auftreten, nicht zwangsläufig veraltet (vgl. DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994a: 65). Die Auffassung von der Archaizität der Phraseme mit Unikalia kommt durch die Verwechslung von zwei Ebenen zustande: erstens die Ebene des gebundenen Formativs an sich und zweitens die Ebene des gesamten Phrasems, in dem dieses auftritt. So sind die lexikalischen Archaismen Fug, Hehl und Trübsal sowie die Historismen Fettnäpfchen, Kerbholz und Pranger Bestandteile von häufig gebrauchten Phrasemen (vgl. PIIRAINEN 1995: 849).

Eine einseitige Betrachtung von Unikalia als veraltete Überreste aus vergangenen Sprachverhältnissen hat den Blick auf dieses Phänomen bisher verengt. Denn im Gegensatz zu Archaismen und Historismen existieren auch okkasionelle unikale Komponenten (vgl. FORGÁCS 2004a: 120). Diese Tatsache stellt ihren angeblichen „Nekrotismus“-Charakter (siehe AMOSOVA 1963) infrage. Auch die nicht selten anzutreffende Modifikation von unikalen Komponenten spricht gegen den ihnen anhaftenden archaischen Status. In folgendem Textbeleg wird beispielsweise Spalier durch die Hinzufügung von Meisterschafts- modifiziert:

     (1)    Nein, Meisterschaftsspalier wollten die Eschenburger für den Gast aus dem Roßbachtal nicht stehen. (http://www.jsg-eschenburg.de/news/article/ungluecklich-niederlage-gegen-den-ligaprimus/, Stand 25.08.2014)86

Auch mithilfe eines empirischen Blickwinkels wird ersichtlich, dass phraseologische Gebundenheit bei weitem keine Eigenschaft ist, die sich auf veraltete Lexeme beschränkt. Wörter können auch deshalb (mehr oder weniger) phraseologisch gebunden sein, weil ihre kontextuell-syntagmatischen Entfaltungsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind, sie also nur mit bestimmten Wörtern in bestimmten formelhaften Zusammensetzungen auftreten.87 So kommen manche Wörter fast ausschließlich mit einer Präposition (z. B. am/an den Stadtrand, im engsten Familienkreis, aus Platzgründen) oder als Kollokationen mit bestimmten Verben vor ← 87 | 88 → (z. B. (über etw.) Aufschluss geben/gewinnen/erhoffen/liefern/bringen). Die Beispiele zeigen, dass es sich bei diesen höchstens um vorgeprägte, usuell verfestigte Wortverbindungen im Sinne STEYERS (2013) handelt und keinesfalls um idiomatische Phraseme im traditionellen Sinne. Das Merkmal der Unikalität ist also nicht auf vollkommen semantisch „irreguläre“ Wendungen beschränkt, sondern kann auch in (mehr oder weniger) „regulären“, nicht-idiomatischen Verbindungen auftreten. Ein zu eng gefasster Unikalitätsbegriff ist daher nicht dienlich; er stand der bisherigen Forschung mehr im Weg, als dass er ihr nützlich gewesen ist.

4.3  Bisherige Kategorisierungsmodelle und ihre grundlegende Problematik

4.3.1  Kategorisierungsmodelle von Dobrovol’skij, FEYAERTS und DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN

Die folgenden Kategorisierungsmodelle sollen das bisherige Vorgehen der Forschung aufzeigen, das vor allem durch eine statische und dichotomische Auffassung phraseologischer Gebundenheit gekennzeichnet ist. Zunächst wird der Ansatz von DOBROVOLSKIJ (1978, 1979, 1989b) vorgestellt, der Unikalia nach genetischen, etymologischen und strukturtypologischen Aspekten unterteilt. Im Gegensatz dazu geht FEYAERTS (1994) von einer systematischen Beschreibung der phraseologischen Semantik aus und charakterisiert diese Erscheinungen aus lexikalisch-semantischer Perspektive. Im Zentrum der Analyse von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) steht der Versuch einer Trennung in „veraltete“ und „lebendige“ Unikalia-Idiome.

Die formal oder semantisch an ein Phrasem gebundenen Wörter werden von DOBROVOLSKIJ (1978) zunächst in zwei Gruppen unterschieden:

1)  Phraseme mit phraseologisch gebundenen Formativen: DOBROVOLSKIJ (1978: 27) definiert diese Wörter als „Konstituente[n] […], deren Lautkörper heute nur im Konstituentenbestand der Phraseologismen anzutreffen ist.“ D. h. sie besitzen synchron gesehen keine gleichlautenden korrespondierenden freien „Ausdrucksseiten“ (z. B. jmdm. den Garaus machen).

2)  Phraseme mit phraseologisch gebundenen Bedeutungen: Der Begriff der „phraseologisch gebundenen Bedeutung“ wird bereits von SCHMIDT (1966: 69) als ein besonderes Phänomen der Phraseologie definiert. Wörter mit phraseologisch gebundener Bedeutung existieren zwar im freien Sprachgebrauch, weisen innerhalb des Phrasems aber eine „unikale“, an die feste Wortverbindung gebundene Bedeutung auf (vgl. DOBROVOLSKIJ 1982: 52). Ihre wendungsinterne Bedeutung weicht von ihrer wendungsexternen ab (z. B. Schwein haben ‚Glück haben‘). ← 88 | 89 →

In der vorliegenden Arbeit stehen aufgrund der enorm schwierigen Abgrenzung der phraseologisch gebundenen Bedeutungen von freien Wörtern, die sich vor allem daraus ergibt, dass die Kriterien für die Selektion gebundener Homonyme recht subjektiv und unzuverlässig sind (vgl. DOBROVOLSKIJ 1988: 101), phraseologisch gebundene Formative (Unikalia) im Mittelpunkt der Betrachtungen. Es werden nur solche Wörter als phraseologisch gebunden angesehen, die ausdrucksseitig unikal sind.

Nach DOBROVOLSKIJ (1989b) können Unikalia anhand dreier selbstständiger Klassifikationskriterien beschrieben werden:

1)  Der sogenannten genetischen Klassifikation liegt die Auffassung zugrunde, dass Unikalia-Idiome aus freien Wortgruppen entstehen, wodurch ihre phraseologisch gebundenen Komponenten diachron auf freie Lexeme zurückführbar sind (vgl. DOBROVOLSKIJ 1979: 42). Ziel dieser Klassifikation ist die Analyse der sprachlichen Mechanismen, deren Einfluss zur formalen Isolation der Wörter geführt hat (vgl. DOBROVOLSKIJ 1989b: 58). Auf Grundlage der genetischen Untersuchung erkennt die Forschung die phraseologischen Konstituenten als ehemalige eigenständige Lexeme an, weshalb ihr Wortcharakter auch auf synchroner Ebene hervorgehoben werden muss.88

2)  In der etymologischen Klassifikation steht die äußere Dynamik der Phraseologisierungsprozesse im Mittelpunkt. Sie unterscheidet sich von der genetischen Betrachtungsweise insofern, als sie eine Quellenforschung erfordert und somit von einem außersprachlichen, kulturhistorischen Charakter geprägt ist (vgl. DOBROVOLSKIJ 1989b: 61). Es ist jedoch hervorzuheben, dass aufgrund systeminterner und außersprachlicher Faktoren beide – genetische und etymologische – Kategorisierungen eng miteinander verknüpft sind und sich teilweise in wechselseitiger Abhängigkeit befinden (vgl. DOBROVOLSKIJ 1989b: 62).

3)   Die strukturtypologische Klassifikation beschäftigt sich mit dem determinierenden bzw. determinierten Charakter der Konstituenten. Die determinierende Konstituente eines Phrasems wird als Grundkonstituente bezeichnet und ist mit der unikalen Komponente identisch (vgl. ← 89 | 90 → DOBROVOLSKIJ 1978: 29). Aus strukturell-morphologischer Sicht lassen sich nach DOBROVOLSKIJ (1989b: 68–75) vier Klassen unterscheiden: Grundmorpheme (z. B. mit Fug und Recht), Wortbildungskonstruktionen (z. B. von Kindesbeinen an), Wortformanomalien (z. B. auf großem Fuße leben) und sich wechselseitig determinierende Konstituenten (z. B. Zeter und Mordio schreien).89

FEYAERTS (1994: 136) kritisiert die bisherigen semantischen Beschreibungen von Unikalia als zu allgemein und unnuanciert. Seine Kategorisierung verfolgt das Ziel, die komplexe Semantik unikaler Komponenten unter Einbeziehung ihrer wesentlichen lexikalisch-semantischen Eigenschaften zu typologisieren. Als Klassifikationsbasis macht sich FEYAERTS (1994: 137–145) das prismatische Bedeutungsmodell nach GEERAERTS/BAKEMA (1993) zunutze. Dieses bringt den Vorteil mit sich, dass neben der Idiomatizität auch noch weitere semantische Eigenschaften wie z. B. Motiviertheit und Isomorphie mitberücksichtigt werden (vgl. FEYAERTS 1994: 137).90 FEYAERTS (1994: 148–159) führt schließlich Eigenschaften an, die als Dimensionen für die Einteilung von (niederländischen) Unikalia fungieren, die sich aber größtenteils mit der strukturtypologischen Klassifizierung von DOBROVOLSKIJ (1978) decken: ausschließliches Vorkommen der Form in festen Verbindungen, Fehlen einer wendungsexternen Bedeutung, phraseologisch gebundene Simplizia, phraseologisch gebundene Wortbildungskonstruktionen, formal-semantische Verwandtschaft mit freien Lexemen, Wortformanomalien, Unikalia mit wechselseitiger Determination.

FEYAERTS (1994: 155) veranschaulicht seine Klassifizierung mithilfe einer Grafik und niederländischen Beispielen. Die grafische Darstellung verdeutlicht, dass die sieben angeführten Merkmale keineswegs als statisch aufzufassen sind, sondern durchaus Überschneidungen zwischen einzelnen Merkmalen bestehen. Dieser dynamische Ansatz wird demnach der (semantischen) Heterogenität unikaler Komponenten gerecht, da er graduelle Übergänge aufdeckt. FEYAERTS ← 90 | 91 → (1994: 159f.) schlussfolgert daher, dass es sich bei Unikalia in Bezug auf ihre Semantik um eine prototypische Kategorie handelt. Der Überlegung, wie der Prototyp aussehen könnte, geht er jedoch nicht weiter nach (vgl. FEYAERTS 1994: 160).

DOBROVOLSKIJ/PIIRAINENS (1994a, 1994b) Ziel ist die Erstellung einer Liste mit „lebendigen“ Unikalia-Idiomen. Sie führen hierfür Informantenbefragungen durch. Verschiedenen Gewährspersonen wird eine Ausgangsliste mit Unikalia-Idiomen vorgelegt. Die Teilnehmergruppe gliedert sich nach Alter in drei Gruppen: (a) die Gruppe der 60–80jährigen, (b) die der 30–50jährigen sowie (c) Schüler im Alter von 13–19 Jahren. Aufgrund des Altersunterschieds der Gruppen kommen DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a: 69) zu dem Ergebnis, dass „viele Idiome, die der ältesten Gruppe geläufig erschienen, den Jugendlichen nicht einmal vom Hören bekannt [waren].“ Beispielsweise kannte niemand der mittleren und jüngeren Generation das Phrasem seinen Kotau machen. Das Ergebnis der Untersuchung von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) besteht somit in der Erkenntnis, dass sich Unikalia-Idiome in „lebendige“, d. h. gebräuchliche, und in „veraltete“ unterteilen lassen, was analog auch für viele andere Phraseme gilt, die keine unikalen Elemente aufweisen. Es handelt sich hierbei also keineswegs um ein spezifisches Merkmal von Wendungen mit Unikalia.

Auf drei Kritikpunkte, die speziell das (methodische) Vorgehen von DOBROVOLSKIJ/PIRRAINEN (1994a, 1994b) betreffen, muss an dieser Stelle noch hingewiesen werden:

    Das elementare Problem der Informantenbefragung besteht darin, dass DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) ihre Kriterien zur Klassifikation eines Idioms als „lebendig“ oder „veraltet“ nicht transparent machen.91 Statistische Informationen, die zur Aufklärung dieser Frage beitragen könnten wie beispielsweise die Anzahl der Versuchspersonen, werden nicht angegeben. Demnach sind auch keine Hinweise darüber zu finden, wie viele Personen ein Phrasem kennen müssen, damit dieses als „lebendig“ klassifiziert werden kann.

    DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a: 75) führen ergänzend eine Textstichprobe durch und kommen zu dem Ergebnis, dass sowohl „lebendige“ als auch „veraltete“ Unikalia-Idiome in Texten realisiert werden. Ihrer Ansicht nach zeugt dies davon, dass mentale Präsenz und Frequenz nicht identisch ← 91 | 92 → sind und dass bestimmte Texte unter Verwendung von Sprachmaterial konstruiert werden, das dem durchschnittlichen Sprachbenutzer nicht unbedingt bekannt ist (vgl. DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994a: 75f.). Dies darf jedoch nicht so einfach pauschalisiert werden. Die von mir durchgeführte Korpusanalyse von Unikalia zeigt – im Gegensatz zu den kleinen Stichproben, die DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a: 75) vornehmen –, dass die Frequenz vieler „veralteter“ Unikalia-Idiome (z. B. aus Jux und Tollerei) nicht gerade gering ist. Demgegenüber sind bestimmte Unikalia-Idiome, die von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a: 71f.) als „lebendig“ gekennzeichnet werden (z. B. sich mausig machen), kaum belegt.

    Im Grunde ist die Unterscheidung in „lebendige“ und „veraltete“ Unikalia-Idiome genauso wenig haltbar wie die Klassifizierung in „phraseologisch gebundene“ und „nicht phraseologisch gebundene“ Konstituenten. Denn die Informantenbefragung von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) testiert neben den „lebendigen“ und „veralteten“ Unikalia-Idiomen auch eine große Gruppe, die dem Grenzbereich dieser beiden Kategorien zuzuordnen ist, die also weder eindeutig als „lebendig“ noch eindeutig als „veraltet“ klassifiziert werden kann (DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994a: 70).

4.3.2  Problematik der bisherigen Definitionen und Kategorisierungsmodelle

Die bisherigen Kategorisierungsansätze sind theoretisch fundiert und beziehen verschiedene Beschreibungsebenen mit ein (strukturell, semantisch, etymologisch etc.), besitzen aber eine eklatante Schwachstelle: Sie erwecken die Vorstellung, man könne problemlos zwischen „phraseologisch gebundenen“ und „nicht phraseologisch gebundenen“ Elementen unterscheiden und infolge dessen eine geschlossene und repräsentative Liste an phraseologisch gebundenen Komponenten aufstellen. So liegt DOBROVOLSKIJS (1978) Untersuchung zwar eine Liste mit Unikalia zugrunde, deren Anfertigung geht allerdings auf sein eigenes Sprachgefühl zurück. Auch die Vorgehensweise von FEYAERTS (1994) erscheint angesichts der Tatsache problematisch, dass seine lexikalisch-semantische Kategorisierung ausschließlich auf theoretischen Überlegungen basiert, die lediglich durch einige Beispiele gestützt werden.92 Und auch die Studie von ← 92 | 93 → DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) basiert wie schon die Arbeit von DOBROVOLSKIJ (1978) auf einer introspektiv erstellten Sammlung.

Anhand der drei Klassifikationsmodelle wird die vorherrschende Sichtweise der Forschung deutlich, man habe es mit einer dichotomischen Kategorie zu tun: Entweder eine Komponente ist phraseologisch gebunden oder sie ist es nicht. Demgegenüber fällt dem aufmerksamen Beobachter auf, dass bestimmte in der Forschung als unikal aufgefasste Wörter auch in außerphraseologischen Kontexten auftreten (können). So auch die folgenden drei Beispiele, die dem DEREKO entnommen sind:

     (2)    Ungeschriebene Bekleidungsregeln sind ein häufiges Fettnäpfchen für Berufseinsteiger. (Braunschweiger Zeitung, 28.08.2010)

     (3)    Man kann ja über alles nachdenken und planen, bloß sollten Luftschlösser ausgeschlossen bleiben. (Niederösterreichische Nachrichten, 15.03.2012)

     (4)    Der „glücklichste Formulierer“ […] ist der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber noch nie gewesen. […] Nun schien wieder so ein Tag eines Stoiber’schen Bärendienstes zu sein. (Rhein-Zeitung, 11.08.2005)

Der entscheidende Punkt in Bezug auf solche Belege ist die augenfällige Tatsache, dass diese der starren, dichotomischen Unikalia-Definition widersprechen: Sie zeigen von der Forschung als unikal klassifizierte Komponenten in freier Verwendung. Die Beobachtung, dass das eine oder andere unikale Wort auch frei vorkommen kann, ist innerhalb der Unikalia-Forschung nichts vollkommen Neues. So stellt HÄCKI BUHOFER (2002b: 154) fest, dass „[j]edes einigermassen aktuell motivierbare Lexem aus Phraseologismen mit so genannten unikalen Komponenten […] jederzeit als Einzellexem verwendet werden [kann].“ Deshalb kommt sie zu dem Schluss, dass

[e]s […] in den meisten Fällen ausgesprochen schwierig [ist], klare und sinnvolle Abgrenzungen zwischen Unikalität und Nicht-Unikalität in einem synchronen Sprachsystem vorzunehmen. (HÄCKI BUHOFER 2002b: 155)

Die problematische Ausgangssituation sieht demnach wie folgt aus: Auf der einen Seite stehen die in der bisherigen Phraseologieforschung vorherrschende dichotomische Definition und die daraus resultierenden Klassifikationsversuche (entweder eine Komponente ist phraseologisch gebunden oder sie ist es nicht). Auf der anderen Seite widersprechen dieser Auffassung jedoch sowohl die angeführten außerphraseologischen Belege als auch die Anmerkungen von Phraseologieforschern, die die außerphraseologische Verwendung grundsätzlich nicht für unmöglich halten. Es stellt sich also die Frage, wie mit einer solchen Ausgangslage umzugehen ist bzw. wie dieser Widerspruch aufgelöst werden kann. ← 93 | 94 → Als Möglichkeit kommt hierbei meines Erachtens nur ein empirisches Vorgehen infrage. Nur mithilfe der Empirie kann der bisherigen weitgehend rein introspektiven und theoretischen Unikalia-Forschung entgegengewirkt werden.

4.4  Korpusauswertung

4.4.1  Vorgehensweise

Für die empirische Überprüfung bzw. die Widerlegung der dichotomischen Trennung in Unikalia und freie Lexeme bietet sich die Methode der Korpusanalyse an. Denn nur durch ein systematisches korpusanalytisches Vorgehen kann der wirkliche Gebrauch (vermeintlich) unikaler Komponenten ermittelt und das Wesen von Unikalität auf einer empirischen Basis beschrieben werden. Auf die korpusbasierte Überprüfungsmöglichkeit macht bereits STEYER (2000: Anmerkung 16) aufmerksam:

Auch eine angenommene unikale Komponente, also die Gebundenheit eines Elements an die jeweilige Wortverbindung bzw. das Nicht-Mehr-Vorkommen außerhalb des Phraseologismus lässt sich durch Korpuserhebung überprüfen.93

Im Mittelpunkt des empirischen Teils steht die Frage, wie stark phraseologisch gebunden die Elemente tatsächlich sind.94 Als Grundlage der Analyse dient das DEREKO, mit dessen Hilfe in Millionen von Texten nach Wörtern gesucht und deren Verwendungsweise – zumindest in der geschriebenen Sprache – festgestellt werden kann.95 Die phraseologische Gebundenheit der Elemente ← 94 | 95 → wird demzufolge nicht mittels Introspektion oder eng gesteckten Befragungen mit ungenügender Reichweite, sondern anhand sprachlicher Massendaten aufgedeckt und beschrieben (vgl. STEYER 2004a: 94). Mithilfe der aus der Korpusanalyse gewonnenen Erkenntnisse kann der Unikalitätsbegriff auf Grundlage empirischer Forschung skizziert werden.

Für die korpusbasierte Auswertung der phraseologischen Gebundenheit ist es erforderlich, eine möglichst große Anzahl an Phrasemen zugrunde zu legen. Während in STUMPF (2014) die von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) aufgestellte Liste der „lebendigen“ Unikalia-Idiome als Basis dient, wird im Zuge der vorliegenden Arbeit eine weitaus größere Liste mit sogenannten „Unikalia-Kandidaten“ erstellt. In der Liste sind alle in der bisherigen Unikalia-Forschung angeführten Beispiele enthalten. Die Beispiele der Forschung werden mittels einer Wörterbuchdurchsicht durch weitere Phraseme ergänzt. Als Grundlage dienen hierfür die phraseologischen Wörterbücher RÖHRICH (2006), DUDEN (2008), QUASTHOFF (2010) und SCHEMANN (2011). Das Ergebnis dieses Arbeitsschritts ist eine Liste mit Phrasemen, in denen Wörter realisiert sind, die den Verdacht auf Unikalität erwecken. Insgesamt können auf diese Weise 1.909 Komponenten gesammelt werden, die mehr oder weniger phraseologisch gebunden sind.

Im Rahmen der Korpusanalyse kann nicht die komplette Liste ausgewertet werden. Zum einen treten nicht alle Wendungen in ausreichender Quantität im DEREKO auf und zum anderen ergeben sich Schwierigkeiten, die durch die Semantik einiger Unikalia bedingt sind. Hierunter fallen in erster Linie Unikalia, die auch als Eigennamen auftreten und somit rein quantitativ nicht differenziert betrachtet werden können (z. B. auf der Lauer liegen // sich auf die Lauer legen) (vgl. STEYER 2002: 222).96 Letztendlich können von den 1.909 Unikalia-Kandidaten 1.318 analysiert werden. Die quantitative Analyse gliedert sich dabei in drei Schritte: ← 95 | 96 →

1)  Ermittlung der absoluten Quantität der Unikalia: Der erste Analyseschritt besteht in der Aufdeckung der absoluten Quantität der einzelnen Wörter (z. B. die Suche nach Gängelband). Das Suchergebnis offenbart das absolute Vorkommen der Konstituente: Gängelband ist zum Zeitpunkt der Suchabfrage insgesamt 848mal im DEREKO realisiert. Innerhalb dieser Treffermenge sind logischerweise sowohl alle phraseologisch gebundenen als auch alle freien Realisierungen enthalten.

2)  Ermittlung der außerphraseologischen Verwendung der Unikalia: Dem zweiten Analyseschritt liegt die Frage zugrunde, in wie vielen Fällen der absoluten Trefferzahl die unikale Komponente in einem außerphraseologischen Kontext, d. h. in freier Verwendung realisiert ist. Um den freien Gebrauch transparent zu machen, werden mittels differenzierter Suchanfragen diejenigen Fälle aus der Suche ausgeschlossen, in denen das Wort in phraseologischen Verbindungen realisiert ist. Für die Ermittlung der Nennform eines Unikalia-Idioms werden Kookkurrenzanalysen durchgeführt, die Wörter sichtbar machen, die auffällig häufig mit dem Suchwort realisiert sind und somit Varianten ein und desselben Phrasems sind (z. B. jmdn. am Gängelband führen/haben/halten // jmdn. vom Gängelband befreien/lösen). Phraseologische Wörterbücher erweisen sich hierbei als zu unzuverlässig, da diese in den seltensten Fällen das gesamte Variationsspektrum abdecken.97 Die Komponente Gängelband ist bezüglich der Suchanfrage ein relativ unproblematisches Beispiel, da die Variationen und Modifikationen des Idioms (relativ) überschaubar sind. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen eine überaus komplexe, alle Varianten und Modifikationen berücksichtigende Suchanfrage gestellt werden muss.98 Die durch den zweiten Analyseschritt erzielte Trefferzahl zeigt das untersuchte Wort in außerphraseologischen Textrealisierungen. Gängelband tritt 91mal nicht in der Wortverbindung jmdn. am Gängelband führen/haben/halten // jmdn. vom Gängelband befreien/lösen auf. Durch die „Gesamt-Volltext“-Anzeige können diese freien Realisierungen eingesehen werden, z. B.: ← 96 | 97 →

     (5)    Dabei wären viele Firmen in Mittelfranken bereit, Behinderte ihren Fähigkeiten entsprechend einzusetzen, „wenn das Gängelband der Politik nicht wäre“. Es sei schließlich „gesellschaftliche Pflicht, etwas für die Menschen zu tun, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.“ (Nürnberger Nachrichten, 01.05.2003)

3)  Berechnung der phraseologischen Gebundenheit: In einem dritten und letzten Schritt werden die freien Verwendungen mit den phraseologischen in ein prozentuales Verhältnis gesetzt. Das Wort Gängelband ist 848mal zu finden (= 100%). Von diesen 848 Realisierungen wird es 91mal in einem außerphraseologischen Kontext verwendet (= circa 11%). Es kann demnach konstatiert werden, dass das Wort Gängelband (nur) in circa 89% der Belege in einer phraseologischen Wortverbindung auftritt. 99

4.4.2  Ergebnis: Unikalia als prototypische Kategorie

Die Korpusanalyse verdeutlicht, dass die Unikalia-Kandidaten bezüglich ihrer phraseologischen Gebundenheit sehr heterogen sind. So lassen sich die Komponenten nach dem Grad ihrer phraseologischen Gebundenheit hierarchisch auflisten (siehe Anhang 1). Neben Wörtern, die ausschließlich in einem formelhaften Kontext realisiert sind (z. B. Schnippchen in jmdm. ein Schnippchen schlagen), fördert die Korpusanalyse auch solche Wörter zutage, die nur in geringem Maße gebunden sind (z. B. Gardinenpredigt in jmdm. eine Gardinenpredigt halten). Das eigentlich Interessante zeigt sich jedoch darin, dass zahlreiche Wörter im Zwischenbereich dieser beiden Extrempunkte anzusiedeln sind (z. B. Schokoladenseite und Armutszeugnis). Korpusanalytisch lässt sich also eine graduelle ← 97 | 98 → Verteilung von stark phraseologisch bis hin zu kaum phraseologisch gebundenen Konstituenten feststellen. Das empirische Vorgehen widerlegt die in den bisherigen Unikalia-Definitionen vorherrschende Dichotomie: Eine Komponente ist nicht „entweder – oder“, sondern „mehr oder weniger“ phraseologisch gebunden. Die dichotomische Trennung in Unikalia und freie Lexeme muss daher relativiert werden und an ihre Stelle ein dynamischeres System treten. In Anbetracht der empirischen Ergebnisse drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei Unikalia um eine prototypische Kategorie handelt.

Es bietet sich ein Vergleich an zwischen den korpusanalytischen Ergebnis-sen und den Charakteristika prototypischer Kategorien, wie sie u. a. bei KLEIBER (1993: 33) und MANGASSER-WAHL (1996: 83, 2000: 12–20) zu finden sind. Der Vergleich dient der Überprüfung, welche Merkmale prototypischer Kategorien auf die Unikalia-Kategorie zutreffen und welche nicht:100

1)  Kategorien werden eher selten durch die Verbindung von notwendigen und hinreichenden Kriterien gebildet: Die Unikalia-Kategorie wird nicht durch notwendige und hinreichende Kriterien konstituiert. Denn für ihre Kategorisierung ist per definitionem nur ein Kriterium entscheidend: die phraseologische Gebundenheit. Da dieses Kriterium graduell ist, steht es der statischen Auffassung notwendiger und hinreichender Bedingungen unvereinbar gegenüber.

2)  Merkmale sind nicht immer dichotomisch, sie können auch „mehr“ oder „weniger“ zutreffen: Das Merkmal der phraseologischen Gebundenheit kann aus korpusanalytischer Sicht nicht als statisches Kriterium aufgefasst werden. Es ermöglicht nicht, „phraseologisch gebundene“ Konstituenten von „nicht phraseologisch gebundenen“ zu trennen. So gibt es vielmehr Wörter, die dieses Charakteristikum „mehr“ (z. B. Schusslinie), und andere, die es „weniger“ aufweisen (z. B. Sitzfleisch).

3)  Eine Kategorie besitzt eine prototypische interne Struktur: Durch die Feststellung, dass bestimmte kategoriebildende Merkmale auf die Kategorienvertreter „mehr“ oder „weniger“ zutreffen können, ergibt sich eine graduelle, aber auch hierarchische Struktur (vgl. MANGASSER-WAHL 1997: 364–366). Im Sinne des Modells existieren somit „typischere“ (= stärker phraseologisch gebundene) und „weniger typische“ (= schwächer phraseologisch gebundene) Vertreter der Unikalia-Kategorie. Das Zentrum bildet der Prototyp als „bestes“ Exemplar der gesamten Kategorie (vgl. LEWANDOWSKA-TOMASZCZYK ← 98 | 99 → 2007: 145). Prototypische Unikalia stellen Komponenten dar, die ausschließlich in phraseologischer Verwendung realisiert sind (z. B. Umschweife).

4)  Der Repräsentativitätsgrad eines Elements entspricht dem Grad seiner Zugehörigkeit zur Kategorie: Je näher die einzelnen Elemente am Prototyp angesiedelt sind, umso höher ist ihr Zugehörigkeitsgrad zur Kategorie (vgl. KLEIBER 1993: 106). So ist Bedrängnis mit 93%-iger phraseologischer Gebundenheit beispielsweise repräsentativer für die Unikalia-Kategorie als Krokodilsträne(n), das (nur) in circa 40% der Belege innerhalb einer festen Wortverbindung auftritt.

5)  Die Vertreter einer Kategorie verfügen nicht über Eigenschaften, die allen Vertretern gemeinsam sind, sondern werden durch eine „Familienähnlichkeit“ zusammengehalten: Die Unikalia-Kategorie wird nicht durch eine „Familienähnlichkeit“ zusammengehalten. Da das entscheidende Merkmal dieser Klasse per definitionem ihre phraseologische Gebundenheit ist, existiert ein einziges Merkmal, das kategorienbildend wirkt. Alle Mitglieder der Kategorie müssen – entweder mehr oder weniger stark ausgeprägt – das Merkmal der phraseologischen Gebundenheit besitzen.

6)  Die Grenzen zwischen einzelnen (prototypischen) Kategorien sind unscharf: Die Unschärfe gegenüber anderen, angrenzenden Kategorien ist eines der wichtigsten Merkmale einer prototypischen Kategorie (vgl. BÄRENFÄNGER 2002: 11). Auch bei der Unikalia-Kategorie kann keine feste Grenze gezogen werden, ab wann ein Wort „phraseologisch gebunden“ und somit als unikal zu klassifizieren ist. Lediglich die beiden Extrempunkte können (empirisch) exakt bestimmt werden: zum einen, dass beispielsweise 96–100% phraseologisch gebundene Konstituenten (z. B. Stegreif und Vorschein) definitiv der Kategorie angehören, und zum anderen, dass Lexeme wie Tisch, Stuhl und spielen definitiv nicht dieser Kategorie zuzuordnen sind. Nicht überwindbare Kategorisierungsprobleme entstehen jedoch zwangsläufig bei Wörtern, die zwischen diesen beiden (Extrem-)Polen anzusiedeln sind und bei denen nicht eindeutig gesagt werden kann, ob sie „phraseologisch gebundene“ oder „nicht phraseologisch gebundene“ Elemente unseres Sprachsystems sind (z. B. Daumenschraube(n) und Schweinsgalopp). Aus prototypischer Sicht stellen solche Konstituenten dagegen keine Problemfälle dar, sondern sind feste Bestandteile der prototypischen Struktur der Kategorie selbst. ← 99 | 100 →

Die Unikalia-Kategorie lässt sich mithilfe eines Zentrum-Peripherie-Modells visualisieren (siehe Übersicht 4–1).101 Hoch phraseologisch gebundene Wörter (z. B. Kieker) stellen prototypische Vertreter der Unikalia-Kategorie dar und sind somit zentraler anzusiedeln als Wörter, die eine geringere Ausprägung an Unikalität besitzen (z. B. Zwickmühle, Denkzettel und Irrweg). Außerhalb der peripheren Grenzen befinden sich Lexeme, die nicht an einen formelhaften Kontext gebunden sind (z. B. Garage).

Übersicht 4-1:  Zentrum-Peripherie-Modell der Unikalia

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4.5  Überlegungen zur freien Verwendung von Unikalia

4.5.1  Vorbemerkungen: Autonomisierung von Unikalia

Zweifelsohne existieren Unikalia, die innerhalb einer bestimmten Fachsprache als freie Lexeme verwendet werden (z. B. Grundeis, Abstellgleis und Abschussliste), was eine Art der außerphraseologischen Verwendung darstellt. Darüber hinaus gibt es Unikalia, die den von FLEISCHER (1989) charakterisierten Unikalisierungsprozess noch nicht komplett abgeschlossen haben und somit auch (noch) frei gebraucht werden (können). Diese beiden Arten der außerphraseologischen Verwendung stehen im folgenden Kapitel nicht primär im Mittelpunkt. Vielmehr werden unikale Komponenten fokussiert, deren freie Verwendung darauf ← 100 | 101 → zurückzuführen ist, dass diese aus ihrem Ausgangsphrasem herausgelöst werden. So steht in folgendem Textauszug die unikale Komponente Werbetrommel außerhalb des Phrasems die Werbetrommel rühren/schwingen/schlagen:

     (6)    Mit großer Werbetrommel haben gestern Staatsminister Erwin Vetter und die beteiligten Rundfunksender das baden-württembergische DAB-Pilotprojekt eröffnet. (Mannheimer Morgen, 26.08.1995)

Die nachfolgenden Überlegungen fußen darauf, dass zwischen dem lexikalischen und phraseologischen Bestand einer Sprache ein ständiger wechselseitiger Austausch von freien Wortgruppen zu Phrasemen und in entgegengesetzter Richtung von Phrasemen zu Wörtern abläuft (vgl. FÖLDES 1988: 68). Bereits HÄUSERMANN (1977: 83) stellt fest, dass in der Sprache Tendenzen zur Auflösung von Phrasemen zu beobachten sind. Dem Prozess der Phraseologisierung, der die Bildung freier Wortverbindungen zu Phrasemen beschreibt, steht somit das Phänomen der Isolierung von Konstituenten aus festen Wortverbindungen, d. h. deren Autonomisierung gegenüber (vgl. HÄCKI BUHOFER 1999: 70).

Zunächst richtet sich der Blick auf die sogenannte semantische Teilbarkeit, die als entscheidender Faktor für den freien Gebrauch unikaler Komponenten angesehen werden kann. Im Anschluss wird gezeigt, dass frei verwendbare Unikalia zur Wortschatzerweiterung beitragen können. In einem letzten Punkt wird aus kognitiver Sicht der Frage nachgegangen, wie frei verwendbare Unikalia in unserem mentalen Lexikon abgespeichert sind.

4.5.2  Semantische Teilbarkeit als entscheidender Faktor für die freie Verwendung102

Angesichts der relativen Gebundenheit unikaler Komponenten drängt sich folgende Frage auf: Wie kommt es zur freien Verwendung von Unikalia? Eine entscheidende Rolle spielt hierbei die semantische Teilbarkeit der Idiome, in denen unikale Komponenten realisiert sind. Ausgangspunkt der Theorie der semantischen Teilbarkeit ist das Kompositionalitätsprinzip (siehe FREGE 1923),103 nach dem die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks durch die Bedeutungen seiner Teile und die ← 101 | 102 → Art der Zusammensetzung bestimmt ist (vgl. RABANUS u. a. 2008: 28). Bei phraseologischen Wortverbindungen hängt die semantische Teilbarkeit mit der Parallelität in der Gliederung der lexikalischen und semantischen Struktur eines Idioms und demzufolge mit dem semantischen Status einzelner Konstituenten zusammen (vgl. DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 2009: 46).104 Semantisch teilbar sind also Idiome, deren Konstituenten bzw. Konstituentengruppen als relativ selbstständige bedeutungstragende Einheit agieren wie beispielsweise das Idiom (leeres) Stroh dreschen, in dem der phraseologischen Komponente Stroh die Bedeutung ‚dummes, inhaltsloses Zeug‘ zugeschrieben werden kann (vgl. DOBROVOLSKIJ 1988: 131f.):

(leeres) Stroh

dreschen

‚dummes, inhaltsloses Zeug

reden‘

Die durch die semantische Teilbarkeit hervorgerufene Re-Unikalisierung wird auch innerhalb der Forschung hervorgehoben:

Da die Konstituenten der sekundär motivierten, semantisch teilbaren Phraseologismen eine selbstständige Bedeutung haben, tendieren sie besonders zur Autonomisierung […]. Die semantische Teilbarkeit der Phraseologismen ist demzufolge […] eine Voraussetzung für das Auftreten neuer Sememe bei einem Wort, die einem Phraseologismus entsprungen sind. (FÖLDES/GYÖRKE 1988: 105; ähnlich auch FÖLDES 1988: 71 und PTASHNYK 2005: 92f.)

Dieser bisher lediglich an einzelnen Beispielen illustrierten Vermutung bin ich empirisch nachgegangen. Es wurden 153 Wendungen, die der Liste der „lebendigen“ Unikalia-Idiome von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) entnommen sind, im Hinblick auf ihre semantische Teilbarkeit überprüft. Zentral ist dabei die Frage, in welchem Verhältnis die semantische Teilbarkeit einer unikalen Komponente mit ihrer phraseologischen Gebundenheit steht.105 ← 102 | 103 →

Insgesamt sind 59 (circa 39%) der 153 Unikalia-Idiome semantisch teilbar (z. B. jmdm. eine Standpauke halten). Die Beziehung zwischen der semantischen Teilbarkeit und dem Grad der phraseologischen Gebundenheit der Unikalia-Idiome verdeutlicht Übersicht 4–2:

Übersicht 4-2:  Quantitative Verteilung der semantischen Teilbarkeit unikaler Komponenten

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Wie anhand des Säulendiagramms erkennbar ist, steht die semantische Teilbarkeit mit der phraseologischen Gebundenheit in einem sichtbaren Verhältnis. Die empirische Untersuchung zeigt, dass der Anteil an semantisch teilbaren Unikalia-Idiomen mit Zunahme des Grades der phraseologischen Gebundenheit bedeutsam abnimmt. Semantisch teilbare Unikalia sind tendenziell weniger stark phraseologisch gebunden, da ihnen eine gewisse Eigenbedeutung zugesprochen werden kann, die es ermöglicht, diese auch außerhalb des Phrasems zu verwenden. Beispielsweise sind 90% aller Unikalia, die nur zwischen 0–29% phraseologisch gebunden sind, semantisch teilbar. Umgekehrt weisen lediglich circa 6% derjenigen Unikalia, die fast nur noch in Phrasemen auftreten (sprich: die in über 96% der Belege phraseologisch gebunden sind), das Merkmal der ← 103 | 104 → semantischen Teilbarkeit auf. Die semantische Teilbarkeit nimmt somit ab, während die phraseologische Gebundenheit ansteigt.

Es kann konstatiert werden, dass die wichtigste Eigenschaft für den Autonomisierungsprozess die semantische Teilbarkeit darstellt. Durch sie lässt sich die phraseologische Bedeutung gewissermaßen auf die einzelnen Konstituenten aufteilen (vgl. BARZ 2007a: 16). Auf diese Weise erlangen die unikalen Komponenten eine morphosyntaktische Selbstständigkeit und entfalten semantischassoziative Potenzen (vgl. FLEISCHER 1997a: 240).106 Die semantische Teilbarkeit führt zur freien Verwendung der Unikalia in einer phraseologisch motivierten Bedeutung (vgl. BARZ 2007b: 33).

4.5.3  Freie Verwendung von Unikalia als Beitrag zur Wortschatzerweiterung

Es stellt sich die Frage, welchen (lexikalischen) Status frei verwendete Unikalia besitzen: In erster Linie geht es hierbei um den Zusammenhang zwischen Phraseologie und Wortbildung,107 der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sich sowohl die in der Wortbildung als auch in der Phraseologie angelegten Bildungsmöglichkeiten als Quelle lexikalisch-semantischer Innovationen erweisen (vgl. STEIN 2012: 230). Phraseme können als Ausgangseinheiten für sekundäre Wörter und Bedeutungen sowie für die entsprechenden Bildungsverfahren/-produkte fungieren (vgl. BARZ 2007a: 8). Im Falle der Unikalia spielt die sogenannte dephraseologische Derivation die wichtigste Rolle für deren Autonomisierung. Unter dephraseologischer Derivation versteht FÖLDES (1988: 69) die Entstehung von Wortbildungskonstruktionen auf der Basis eines Phrasems. Dieser Prozess, der sich bei der Autonomisierung von Unikalia vollzieht, kann als „elliptische Bedeutungsbildung“ bezeichnet werden (vgl. STEIN 2012: 235).

Wie BARZ (2007a: 13) herausstellt, basiert jene phraseologische Bedeutungsbildung auf dem Prinzip des elliptischen Sprachgebrauchs. Diesem Prinzip zufolge können Teile eines komplexen Ausdrucks eingespart werden, sofern die ← 104 | 105 → Kommunikationspartner ausreichend gemeinsames (Vor-)Wissen besitzen (vgl. FRITZ 2006: 51). Die reduzierten Ausdrücke sind daher Inhalte, die im sprachlichen Ausdruck unberücksichtigt sind, aber zu ihm hinzugedacht werden müssen (vgl. VON POLENZ 2008: 302).108 Frei verwendete Unikalia können somit zur Wortschatzerweiterung beitragen, wobei sie die Bedeutung des Phrasems übernehmen, aus dem sie herausgelöst werden (vgl. BARZ 2007a: 7). Auf diese besondere Art der Wortschatzerweiterung macht bereits FÖLDES (1988: 71) aufmerksam, wenn er betont, dass sich das herausgelöste Element formal-syntaktisch verselbstständigt und „die Semantik der gesamten Konstruktion absorbiert.“ Diese „Absorbierung“ der Phrasembedeutung zeigt sich deutlich in folgenden Beispielen:109

1)  Sitzfleisch (phraseologische Gebundenheit circa 35%)

kein

Sitzfleisch

haben

,keine

Ausdauer

haben‘

     Strapazierfähiges Sitzfleisch ist neben guter Kondition wichtig, wenn 35 Mitglieder des RV Wanderlust Beddingen am Montag, 17. Juli, sich auf den Weg zum Bundestreffen in Kiel machen. Vor den Radsportlern liegen 375 Kilometer, die an sechs Tagen auf den Zweirädern bewältigt werden müssen. (Braunschweiger Zeitung, 13.07.2006)

2)  Kohldampf (phraseologische Gebundenheit circa 57%)

Kohldampf

schieben

,Hunger

haben‘

     Mächtiger Kohldampf muß einen jungen Mann in Berlin verleitet haben, den Ausdruck Schnellimbiß zu wörtlich zu nehmen. (Rhein-Zeitung, 28.01.1998)

3)  Daumenschrauben (phraseologische Gebundenheit circa 72%)

die

Daumenschrauben

anziehen

,den

Druck ‚(mehr) Zwang

erhöhen‘ ausüben‘

← 105 | 106 →

Auch Großbritannien und Frankreich, die im UN-Sicherheitsrat wie die USA, Russland und China ein Vetorecht haben, forderten weitere Daumenschrauben für die Führung in Teheran. (Hannoversche Allgemeine, 05.12.2007)

In den angeführten Belegen besitzt Sitzfleisch die Bedeutung ‚Ausdauer/Durchhaltevermögen‘, Kohldampf die Bedeutung ‚(großer) Hunger‘ und Daumenschrauben die Bedeutung ‚Druck/Zwang/Sanktionen‘. Dadurch, dass die Konstituenten aus ihrem phraseologischen Kontext herausgelöst werden, liegt eine freie Verwendung vor, die durch die phraseologische Bedeutung motiviert ist (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002b: 135). Im Falle der Unikalia kann auf diese Weise ein neues Lexem entstehen, da es zuvor außerhalb des Phrasems nicht (mehr) geläufig gewesen ist (vgl. BARZ 2007a: 14).110

Im Falle der elliptischen Bedeutungsbildung auf phraseologischer Grundlage kommt BARZ (2007b: 33) zu dem Ergebnis, diese führe im Vergleich zur wortbildungsbasierten wesentlich seltener zur Lexikonerweiterung, da die meisten freien Verwendungen der Unikalia rein okkasioneller Natur seien.111 Meine Korpusanalyse verdeutlicht jedoch, dass bei frei verwendeten Unikalia nicht mehr nur von okkasionellen Modifikationen die Rede sein kann. Manche Unikalia tragen zur Wortschatzerweiterung bei, da sie den Prozess der Lexikalisierung bereits vollständig durchlaufen haben und dem Sprecher als freie Lexeme mit Eigenbedeutung zur Verfügung stehen. Die entscheidende Frage ist, ab wann eine unikale Komponente, die auch in außerphraseologischen Kontexten verwendet wird, den Status eines eigenständigen Lexems erlangt. Hierfür kann die in der ← 106 | 107 → vorliegenden Arbeit durchgeführte quantitative Analyse des Grades der phraseologischen Gebundenheit eine entscheidende Hilfe sein. Unikalia, die zum einen semantisch teilbar sind und zum anderen in beispielsweise über 50% der Belege in freier Verwendung auftreten, kann meines Erachtens eine gewisse usualisierte Eigenbedeutung und somit ein Lexemstatus nicht abgesprochen werden (z. B. Denkzettel und Krokodilsträne(n)).

Für die Lexikografie bedeutet ein solcher Re-Unikalisierungsprozess selbstverständlich auch die Übernahme der entsprechenden Elemente ins Wörterbuch. Im Online-Duden sind re-unikalisierte Lemmata zu finden wie beispielsweise Schattendasein mit der Semantik ‚Zustand geringer Bedeutung, weitgehender Vergessenheit‘ 112 oder Luftschloss mit der Bedeutung ‚etwas Erwünschtes, was sich jemand in seiner Fantasie ausmalt, was aber nicht zu realisieren ist‘113. Demgegenüber finden sich beispielsweise keine Einträge für die Wörter Bärendienst und Extrawurst, denen man aufgrund ihrer graduellen phraseologischen Gebundenheit sowie ihrer semantischen Teilbarkeit ebenfalls eine gewisse Autonomie attestieren kann. So könnte man Bärendienst mit ‚eine gute Absicht, die jedoch jemand anderem schadet‘ und Extrawurst mit ‚ein Extrawunsch, eine bevorzugte Behandlung‘ paraphrasieren.

4.5.4  Psycholinguistischer Erklärungsansatz für die freie Verwendung von Unikalia

Die freie Verwendung von Unikalia kann auch vor dem Hintergrund psycholinguistischer Befunde erklärt werden. Dabei ist es insbesondere die Sprachverarbeitungsforschung, die auf einen wichtigen Aspekt des Verhältnisses von Phrasemen zu Wort und freiem Syntagma aufmerksam macht: Zwar sind Phraseme ähnlich wie Wörter mental als Einheiten repräsentiert, werden vom Sprecher bzw. vom Hörer aber nicht zwangsläufig als zusammengehörige Einheiten behandelt (vgl. BURGER u. a. 1982: 187), sondern unterliegen durchaus den Mechanismen des Gebrauchs freier Syntagmen (vgl. BARZ 2007a: 9). Einen Anhaltspunkt für die Annahme, dass Phraseme nicht immer als ganze Einheit gespeichert werden, liefern beispielsweise phraseologische Varianten, die psycholinguistisch gesehen Hinweise darauf sind, dass Phraseme als kognitive Einheiten durch Produktionsprozesse zustande kommen (vgl. HÄCKI BUHOFER 1999: 71). Durch die Variabilität wird die syntaktisch-semantische Einheit des Phrasems aufgespalten, wodurch es – zumindest teilweise – als aus selbstständigen Teilen zusammengesetzt und damit strukturiertes Ganzes erscheint (vgl. SABBAN 1998: 108). Auch Unikalia-Phraseme werden im mentalen ← 107 | 108 → Lexikon durchaus als semantisch (relativ) selbstständige Entitäten verarbeitet (vgl. DOBROVOLSKIJ 1995: 24). Der Sprecher speichert diese zwar als Ganzes, ist jedoch bereit, auch ihre einzelnen Konstituenten als selbstständige Wörter mit spezifischer Bedeutung aufzufassen. Gemäß dieser Annahme werden die entsprechenden Unikalia-Idiome vom Sprecher als nach den Regeln der semantischen Komposition produzierte Lexikoneinheiten empfunden (vgl. DOBROVOLSKIJ 1995: 25), wodurch ihre Autonomisierung und damit einhergehend ihr außerphraseologischer Gebrauch begünstigt wird.

Häufig ist Sprechern die phraseologische Gebundenheit einzelner Komponenten überhaupt nicht bewusst. So verweist BURGER (2010: 98) darauf, dass Versuchspersonen durchaus in der Lage sind, sich unter bestimmten Unikalia (z. B. Hungertuch, Kerbholz und Maulaffen) etwas vorzustellen, und sie gar in der Lage sind, mit diesen Wörtern assoziierte Merkmale anzugeben.114 Aus kognitivistischer Sicht muss also der „Nekrotismus“-Charakter unikaler Komponenten stark relativiert werden, der zum Teil sogar infrage stellt, ob es sich bei diesen Elementen aufgrund des Fehlens einer Inhaltsseite überhaupt noch um Wörter handelt (vgl. DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994b: 449). Kognitive Tests zeigen, dass auch unikalen Komponenten trotz ihrer phraseologischen Isolation durchaus eine Inhaltsseite zugesprochen werden kann:

Selbst wenn Muttersprachler bei einzelnen PGF [= phraseologisch gebundene Formative, SöSt] nicht wissen, was sie bedeuten, betrachten sie PGF zwar als veraltete, archaische, unverständliche usw., aber doch als Wörter. Mehr noch: in bestimmten Fällen wird den PGF sogar eine selbstständige Bedeutung zugesprochen (die ihnen genetischetymologisch gar nicht zukommt), werden sie remotiviert, wie Kohldampf, mundtot. (DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994b: 449)

Mit HALLSTEINSDÓTTIR (2001: 278) kann daher festgehalten werden:

Eine unikale Komponente wird isoliert nicht als bedeutungslos angesehen, sondern ihr wird eine Bedeutung zugeordnet, die als die wörtliche Bedeutung aufgefasst wird. Auch wenn die etymologisch korrekte Bedeutung nicht bekannt ist, können Sprecher bei unikalen Komponenten – durch eine Quasimotivierung […] – eine wörtliche Bedeutung konstruieren.115 ← 108 | 109 →

In Bezug auf die freie Verwendung von Unikalia muss sich der Blick zwangsläufig auch auf den Prozess der Unikalisierung, d. h. auf das umgekehrte Phänomen richten. Der Unikalisierungsprozess stellt eine Art Endpunkt dar, durch den die phraseologisch gebundene Komponente ihre Berechtigung als eigenständiges Wortschatzelement verliert (vgl. FLEISCHER 1997b: 12). Die Korpusanalyse zeigt jedoch auch den umgekehrten Fall: Phraseologisch gebundene Konstituenten können durch elliptische Bedeutungsbildung und durch „kognitive Prozesse der Remotivierung“ (HÄCKI BUHOFER 2002a: 432) wieder zu festen Bedeutungsbestandteilen des Lexikons werden. Der Endpunkt der Unikalisierung kann demzufolge überwunden werden und Unikalia können wieder eine – wenn auch etwas andere als ihre ursprüngliche – Bedeutung erlangen:

Durch kognitive Prozesse der Remotivierung von unikalen Elementen (deren Resultat nicht ihrer historischen Bedeutung entspricht), kann die scheinbar unidirektionale Entwicklung in Richtung von zunehmender lexikalischer Restriktion über den Status des Nekrotismus bis zum tatsächlichen Sprachtod eines Lexems aufgehalten, gestoppt oder umgedreht werden. (HÄCKI BUHOFER 2002a: 432f.)

HÄCKI BUHOFER (2002a: 432) sieht die besondere Leistung der kognitivistischen Perspektive vor allem darin, dass mit ihrer Hilfe die Möglichkeit beschrieben und erklärt werden kann, dass Unikalia aus ihrer phraseologischen Gebundenheit herausgelöst und in (re-)motivierter Bedeutung (noch bzw. auch wieder) frei verwendet werden können. Sprachteilnehmer besitzen demzufolge eine starke kognitive Tendenz, den Komponenten eine Bedeutung zuzuschreiben, die aus sprach- oder sachgeschichtlich korrekten, ebenso wie unkorrekten Wissensbeständen oder aus synchronen aktuellen Motivierungsprozessen stammen können (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002b: 156). Aus rein psycholinguistischer Perspektive stellt das Konzept der Unikalität für HÄCKI BUHOFER (2002b: 135) deswegen einen Widerspruch an sich dar und würde aufgrund psycholinguistischer Erkenntnisse fast ausnahmslos seine Legitimation verlieren:

Das Konzept der Unikalität ist mit psycholinguistisch relevanten Prozessen schlecht vereinbar, und die Forderung nach psycholinguistischer Adäquatheit würde es bis auf ein paar Reste – von in engem Sinn unikalen Elementen – auflösen. ← 109 | 110 → ← 110 | 111 →


80    Die beiden Termini „Unikalia“ und „phraseologisch gebundene Formative“ sind die in der deutschsprachigen Linguistik am weitesten verbreiteten und geläufigsten Bezeichnungen für dieses Phänomen. Darüber hinaus existieren weitere Termini, die ebenfalls synonym verwendet werden: beispielsweise „formal gebundene phraseologische Konstituenten“ (siehe DOBROVOLSKIJ 1989b), „phraseologisch isolierte Wörter und Wortformen“ (siehe HÄCKI BUHOFER 2002a) sowie „unikale Komponenten“ (siehe BURGER 2010).

81    Die Bezeichnung von Unikalia im Englischen lehnt sich an das Phänomen der unikalen Morpheme an. Neben den Termini „bound words“ (siehe u. a. SOEHN 2004), „unique components“ (siehe u. a. HÄCKI BUHOFER 1998) und „unique elements“ (siehe JAKI 2014) sind u. a. der auf ARONOFF (1976: 15) zurückgehende Begriff „cranberry words“ (siehe u. a. RICHTER/SAILER 2003) sowie „cranberry collocations“ (siehe u. a. MOON 1998) in der englischsprachigen Forschungsliteratur zu finden.

82    Hut ist in diesem Fall homonym zu ‚Kopfbedeckung‘ und somit nicht als unikal zu klassifizieren.

83    HÄCKI BUHOFER (2002b: 150) kommt jedoch in ihrer diachronen Analyse zu der Erkenntnis, „dass das fragliche Wort in vielen Fällen nicht seine morphologische Vernetzung im Wortschatz einbüsst, sondern sein Gebrauch eingeschränkt wird, ohne dass das Wort an sich veralten würde oder synchron nicht mehr durchschaubar wäre.“ Als Beispiel führt sie das Idiom keinen Deut wert sein // keinen Deut verstehen von etw. an. Ihrer Ansicht nach könne Deut auch in einem Satz wie Jemandem keinen Deut schuldig sein gebraucht werden, wodurch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes auch auf synchroner Ebene rekonstruierbar sei (vgl. HÄCKI BUHOFER 2002b: 150).

84    Die Korpusanalyse dient dabei als entscheidendes Hilfsmittel, da mit ihr aus der Analyse des Regelhaften Prognosen wie beispielsweise die Unikalisierung von Diminutiven abgeleitet werden können.

85    Für Unikalia des Pfälzischen siehe beispielsweise KNOP (2011: Anmerkung 96).

86    Sämtliche in Originalbelegen (fett) hervorgehobenen und unterstrichenen Einheiten stammen – wenn nicht anders vermerkt – von mir persönlich und dienen primär der Hervorhebung der Phraseme.

87    Nach STEYER (2013: 75) stellen diese also „geronnene syntagmatische Strukturen“ dar.

88    Kritisch anzumerken ist, dass der phraseologisch gebundene Charakter einiger Beispiele, die DOBROVOLSKIJ (1979: 58f., 1988: 108) für seine genetische Klassifikation der Lehnübersetzung auflistet, aufgrund ihres Eigennamencharakters angezweifelt werden kann (z. B. seit Olims Zeiten, der Dolch des Brutus, die Büchse der Pandora, das Schwert des Damokles und den Rubikon überschreiten). Er bezeichnet diese daher als „Grenzfälle der phraseologischen Gebundenheit des Formativs“ (DOBROVOLSKIJ 1988: 108).

89    Es muss jedoch betont werden, dass die sogenannten Wortformanomalien meines Erachtens keine Unikalia sind, da es sich hierbei nicht um ein lexikalisches, sondern ein morphosyntaktisches Phänomen handelt. Sie werden in der vorliegenden Arbeit daher als eigenständige formelhafte (Ir-)Regularität in Kapitel 5 („Dativ-e“) behandelt.

90    GEERAERTS/BAKEMA (1993) nehmen in ihrem Modell eine Unterscheidung in Syntagmatik (= Beschreibung des Verhältnisses zwischen den Komponentenbedeutungen und der Gesamtbedeutung) und Paradigmatik (= Beschreibung des Verhältnisses zwischen phraseologischer und wendungsexterner Bedeutung) vor. Der Vorteil des Modells besteht für FEYAERTS (1994: 141) darin, dass es „sowohl die syntagmatische als auch die paradigmatische Bedeutungssystematik in sich vereint.“

91    Darüber hinaus sind die von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b) gewählten Termini „lebendig“ und „veraltet“ zu überdenken. Besser wäre hier beispielsweise die Unterscheidung in „gebräuchlich“ versus „nicht (mehr) gebräuchlich“ respektive „mental präsent“ versus „nicht mental präsent“.

92    Darüber hinaus führt FEYAERTS (1994) nur niederländische Beispiele an, wodurch seine Kategorisierung auf das Deutsche strenggenommen nicht eins zu eins übertragbar ist.

93    Bisher wurde diese Methode in der Unikalia-Forschung jedoch kaum angewendet.

94    An dieser Stelle ist die Arbeit von BARZ (2007a) hervorzuheben. Diese geht der Frage nach, inwiefern die Phraseologie als Quelle lexikalischer Neuerungen fungiert. Für ihre Analyse wählt BARZ (2007a) ein ähnliches Vorgehen wie die Korpusanalyse der vorliegenden Arbeit. Als Grundlage dient ihr ebenfalls die Liste von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (1994a, 1994b). Als Korpus verwendet sie nicht das DEREKO, sondern das Leipziger Wortschatzkorpus. Darüber hinaus erforscht BARZ (2007a: 8) jeweils nur die ersten hundert Belegsätze. Die Analyse der vorliegenden Arbeit verfolgt somit nicht nur einen etwas anderen Blickwinkel auf dieses Phänomen, sondern wertet auch ein wesentlich größeres Korpus mit weitaus mehr Textbelegen aus.

95    Es ist jedoch zu betonen, dass sich die Grenzen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit teilweise verschieben. Zum einen kann eine „,Verschriftlichung‘ der gesprochenen Sprache“ (KLEIN 1985: 25) und zum anderen eine „Vermündlichung“ der geschriebenen Sprache (vgl. SIEBER 1998: 197) beobachtet werden (siehe auch BETZ 2006; SCHWITALLA/BETZ 2006 und ANDROUTSOPOULOS 2007). Auch in Bezug auf die Verwendung von Phrasemen sind – wie STEIN (2007a: 234) konstatiert – diese beiden Tendenzen sichtbar: „Der Gebrauch eher nähesprachlicher Phraseme gegen ihre diatextuelle bzw. diamediale Markierung in Äußerungsformen der Distanzkommunikation stellt dabei zwar nur eine Facette im Zusammenhang mit anderen Vermündlichungstendenzen in der Entwicklung der Gegenwartssprache dar, aber auch in der Phrasemverwendung äußert sich das Bedürfnis, die medial bedingte Distanz von Kommunikation in bestimmten Domänen konzeptioneller Schriftlichkeit zu verringern.“

96    Die Auslese von Unikalia, die zugleich als Eigennamen fungieren, beruht auf einer umfangreichen Korpusanalyse. Die aussortierten „Eigennamen-Unikalia“ werden nicht vor der eigentlichen Analyse introspektiv ausgeschlossen, sondern kommen erst mithilfe der Kookkurrenzanalyse zum Vorschein. Die Menge der Eigennamen ist relativ groß, da es sich dabei nicht nur um Personennamen handelt (z. B. in Bausch und Bogen; „Zu den Unterzeichnern zählt auch Rita Bausch, Seelsorgerin für Asylbewerber.“ St. Galler Tagblatt, 09.01.2013), sondern beispielsweise auch um Straßennamen (z. B. auf dem Holzweg sein // auf den Holzweg kommen/geraten; „Ihr 80. Lebensjahr vollendet Getrud Giesecke in Liedingen, Holzweg 7.“ Braunschweiger Zeitung, 04.11.2005).

97    Für einen Einblick in die Probleme und Mängel der Phraseografie sei u. a. auf KORHONEN (1992b); PILZ (1987, 1995, 2004); MÜLLER/KUNKEL-RAZUM (2007) sowie DRÄGER (2010) verwiesen.

98    Beispielsweise bei der unikalen Komponente Lebensgeister, die u. a. mit folgenden Verben phraseologisch – sei es als Variation oder Modifikation – verwendet wird: wecken, erwachen, zurückkehren, aktivieren, einhauchen, erwecken, ankurbeln.

99    Über den phraseologischen Status einiger Wortverbindungen, die im Korpus enthalten sind, kann durchaus gestritten werden (z. B. am/an den Stadtrand). Es muss an dieser Stelle daher Folgendes geklärt werden: Der Unikalia-Auswertung liegt die Annahme zugrunde, dass es in einer Sprache Wörter gibt, die gewisse syntagmatische Beschränkungen aufweisen in dem Sinne, dass diese mehr oder weniger nur in Verbindung mit anderen Wörtern auftreten. Mittels Kookkurrenzanalyse und detaillierter Suchanfragen werden zunächst einmal nur „Wörter“ und nicht „Unikalia“ im Hinblick auf ihre syntagmatische Entfaltung ausgewertet. Mit anderen Worten: Sind die Wörter auf bestimmte „formelhafte“ (Wort-)Umgebungen eingeschränkt? Die Frage, ob es sich bei einer Mehrwortverbindung wie am/an den Stadtrand um ein Phrasem handelt, möchte ich in erster Linie gar nicht beantworten (was angesichts der unscharfen Grenzen zwischen „Phraseologie“ und „freiem“ Sprachgebrauch ohnehin nicht möglich ist). Ich sage also nicht, dass das Wort Stadtrand zu so und so viel Prozent phraseologisch gebunden ist, sondern lediglich, dass dieses zu so und so viel Prozent mit der Präposition am/an vorkommt. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

100  Siehe hierzu auch STUMPF (2014: 104–107).

101  Vgl. auch HOLZINGER (2013: 64), der von einem „Kontinuum“ spricht.

102  Siehe hierzu auch STUMPF (im Druck2).

103  KLOS (2011: 42) verweist jedoch darauf, „dass das Kompositionalitätsprinzip nicht ohne weiteres Frege zugewiesen werden kann.“ Ihrer Meinung nach verläuft die „Spurensuche“ nach den Ursprüngen des Kompositionalitätsprinzips in den Werken Freges wenig erfolgreich. Es muss daher „unterschieden werden zwischen dem, was explizit in seinen Schriften auftaucht, und dem, was andere in seine Aussagen hineininterpretiert haben“ (KLOS 2011: 39).

104  Die Theorie der semantischen Teilbarkeit geht im Grunde auf die „Dekompositionshypothese“ zurück, die vor allem von Raymond Gibbs und dessen Kollegen vertreten wird (siehe GiBBS 1990; GIBBS/NAYAK 1989 sowie GIBBS u. a. 1989a, 1989b). Nach ihrer Hypothese besteht die Möglichkeit, viele Idiome in sinnvolle Bestandteile zu zerlegen, wogegen es andere Idiome gibt, deren Konstituenten nicht zur aktuellen Bedeutung des Gesamtausdrucks beitragen (vgl. DOBROVOLSKIJ 1997a: 23). Die Idiome einer Sprache können nach dieser Auffassung in sogenannte „decomposable“ bzw. „analyzable phrases“ einerseits und „noncomposable“ bzw. „nonanalyzable phrases“ andererseits unterschieden werden, wobei graduelle Abstufungen möglich sind (siehe hierzu auch NUNBERG 1978).

105  Für die Analyse der semantischen Teilbarkeit bevorzugt die vorliegende Arbeit eine Kombination verschiedener Methoden (vgl. DOBROVOLSKIJ 1988: 157). Neben einem Vergleich der Struktur des Idioms mit der Struktur seines semantischen Äquivalents stehen besonders syntaktische Modifikationsmöglichkeiten im Vordergrund (siehe DOBROVOLSKIJ 2000a und 2004). Darüber hinaus wird versucht, für Unikalia-Idiome, die offensichtlich aufgrund syntaktischer Modifikationen semantisch teilbar sind, eine Beschreibung der Bedeutung der einzelnen Konstituenten zu leisten.

106  Diese morphosyntaktische Selbstständigkeit zeigt sich dabei u. a. in Verwendungsweisen, die sonst nur „freien“ Wörtern vorbehalten sind. Beispielsweise wird die (unikale) substantivische Komponente des Phrasems Luftschlösser bauen in folgendem Textbeleg zum einen im Singular und zum anderen in der Funktion eines Genitivattributs gebraucht: Auch der Einsturz des Luftschlosses „Einkaufszentrum“ wird in Lampertheim kein großes Bedauern auslösen. (Mannheimer Morgen, 20.12.2000).

107  Zum Verhältnis zwischen Phraseologie und Wortbildung siehe FLEISCHER (1976, 1992a); PÜSCHEL (1978); OHNHEISER (1998); SCHMIDT (2000); BARZ (2007b, 2010); ScHEMANN (2008) sowie STEIN (2012).

108  Dabei kann nicht von Synonymie zwischen dem Phrasem und der autonomisierten Konstituente gesprochen werden, da sich die ausgesparten Sequenzen bei der autonomisierten Verwendung einer unikalen Komponente nicht ergänzen lassen (wie es beispielsweise bei der Ellipse in Syntax und Wortbildung der Fall ist) (vgl. BARZ 2007a: 16).

109  Bedeutungsangaben nach DUDEN (2008).

110  Bereits HÄCKI BUHOFER (2002b: 155) macht darauf aufmerksam, dass eine Aufteilung der phraseologischen Bedeutung auf die verschiedenen Komponenten des Unikalia-Idioms möglich ist und die unikale Komponente dadurch eine eigenständige, freie Bedeutung erlangen kann: „[D]as Fettnäpfchen bedeutet dann beispielsweise ‚soziales Danebenverhalten‘ – unabhängig davon, was es sachgeschichtlich ‚richtig‘ bedeutete. Das Tanzbein ist dann – jenseits jeder Unikalität – das Bein, mit dem man tanzt, unabhängig davon, ob man den Ausdruck ausserhalb der phraseologischen Verbindung üblicherweise gebraucht: man könnte das ohne weiteres tun, weil die Teile nicht unikal sind und die Komposition den üblichen Regeln folgt.“

111  Entscheidender Faktor für die Wortschatzerweiterung ist die Lexikalisierung der Ausgangseinheit, sprich der usuelle Gebrauch des entsprechenden Wortes (vgl. BARZ 2005: 1671). Eine Einheit gilt erst dann als lexikalisiert, wenn sie als eine neue Möglichkeit für die Sprecher infrage kommt (vgl. CHERUBIM 1980: 132). Dabei kann jedoch nicht strikt zwischen lexikalischen und nicht-lexikalischen Einheiten differenziert werden. Die Lexikalisierung ist vielmehr ein graduelles Phänomen (vgl. COULMAS 1985: 253; LIPKA 1990: 95 sowie KASTOVSKY 1995: 104).

112  http://www.duden.de/rechtschreibung/Schattendasein (Stand 03.03.2015).

113  http://www.duden.de/rechtschreibung/Luftschloss (Stand 03.03.2015).

114  Siehe hierzu bereits BURGER (1973: 27): „Für Idiome ist es charakteristisch, daß sie sprachliche Elemente in einem bestimmten Kontext tradieren, auch dann, wenn eines der Elemente oder eine bestimmte Bedeutung eines Elementes aus dem freien Gebrauch schwindet. Wenn irgend möglich, wird dann aber das nicht mehr Verständliche an Verständliches angeknüpft, auch wenn die Assoziation noch so vage ist.“

115  In gewisser Weise handelt es sich hierbei also um eine (besondere) Art der Volksetymologie.