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Die Rezeption der Gestaltpsychologie in Robert Musils Frühwerk

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Karen Brüning

Im Mittelpunkt des Buches steht die Analyse der Wechselwirkung zwischen Robert Musils Frühwerk und der Gestaltpsychologie. Der österreichische Schriftsteller gilt als Wanderer zwischen den Welten der Wissenschaft und der Literatur. Er emanzipiert sich von der wissenschaftlichen Psychologie und setzt ihr eine auf psychologischen Erkenntnissen basierende Poetologie entgegen, in der besonders die Erkenntnisse der Gestalttheoretiker literarisch verarbeitet werden. In diesem Prozess, dessen Endpunkt der «Mann ohne Eigenschaften» darstellt, kommt dem Frühwerk eine besondere Bedeutung zu. Karen Brüning zeigt auf, wie Musil hier erstmals literarische Zugänge zu einem eigentlich psychologischen Erkenntnisinteresse erarbeitet: der Definition der Seele.
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6. Die Genese der Gestaltpsychologie

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Am 1900 von Carl Stumpf gegründeten Psychologischen Institut in Berlin493 entwickelt sich in den folgenden Jahrzehnten dank reger wissenschaftlicher Tätigkeit die Gestaltpsychologie zu einer ausdifferenzierten Forschungsrichtung, die die tradierten Thesen der älteren Psychologie wie die Konstanzannahme negiert und stattdessen die Exaktheit der Naturwissenschaften als Maßstab für die psychologischen Forschungen anlegt. Dabei zeigt sich, dass die Geschichte der Gestaltpsychologie über weite Teile auch die der experimentellen Psychologie ist, stellt sie doch den zentralen praktischen Zugriff auf die von der Gestalttheorie untersuchten Gegebenheiten dar.

Wie in Kapitel 2.2 dargestellt wurde, konnte schon in der Forschung Carl Stumpfs eine Stärkung des experimentellen Ansatzes konstatiert werden. Allerdings muss deutlich betont werden, dass Stumpf dieser Herangehensweise ‚lediglich‘ propädeutischen Charakter zuweist; für ihn handelt es sich um eine notwendige, aber basale Vorarbeit, die den eigentlichen, philosophisch argumentierenden Fortschritt anbahnen soll.494 In der schnell fortschreitenden Entwicklung der experimentellen Psychologie, die immer noch eng mit ihrer ‚Mutterdisziplin‘ Philosophie verbunden ist, sehen nicht wenige zeitgenössische Philosophen eine existentielle Bedrohung ihrer eigenen Forschungsdomäne.495 Dennoch ist die Entwicklung nicht aufzuhalten; nach dem Ersten Weltkrieg496 erstarkt der experimentalpsychologische Forschungszweig weiter – Metzger spricht in diesem Zusammenhang von der nun folgenden Zeit als eines „unvergessliche[n] Jahrzehnt[s].“497 Bereits vor dem Krieg werden wichtige gedankliche Schritte in Richtung der Gestalttheorie gemacht, die Zeit nach dem Krieg führt die schnelle ← 171 | 172 → Entwicklung der gestalttheoretischen Forschung fort. Ash geht davon aus, dass die fundamentalen Prinzipien dieser Forschungsrichtung zwischen 1912 und...

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