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Wissen, Medium und Geschlecht

Frauenzimmer-Studien zu Lexikographie, Lehrdichtung und Zeitschrift

Series:

Nikola Roßbach

Das Buch will dem Zusammenhang von Wissen, Medium und Geschlecht genauer auf die Spur kommen. Die Autorin unternimmt eine neue Betrachtung der Wissensmedien des 18. Jahrhunderts – Lexika, Lehrbücher, Zeitschriften – unter geschlechterhistorischen Gesichtspunkten. Im Einzelnen geht es um:
• das weibliche «Versehen» im lexikographischen Diskurs (von Hübner bis Krünitz)
• textinterne Leserinnenkonzepte in der Frauenzimmer-Lexikographie (Corvinus)
• weibliche Gelehrsamkeit und Kulturtransfer (Fontenelle)
• Geschlechter-Räume in der Lehrdichtung (Zäunemann)
• mediale Präsenz und Produktion weiblicher Autorschaft im Medium der Gelehrtenzeitschrift (Zäunemann und die Hamburgischen Berichte)
• Bildungskonzepte und Mediokrität in spätaufklärerischen Frauenzeitschriften (La Roches Pomona, Frauenzimmerbibliothek).
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V. Der Bergmann Sidonia Hedwig Zäunemann. Geschlechter-Räume in der Lehrdichtung

V.Der Bergmann Sidonia Hedwig Zäunemann. Geschlechter-Räume in der Lehrdichtung

1.Ein gelehrtes Frauenzimmer

Sidonia Hedwig Zäunemann, geboren 1711, gestorben bereits 1740, war die Tochter eines Erfurter Notars. Sie blieb ihr Leben lang unverheiratet im Hause ihrer Eltern wohnen, gelangte aber durch ihr Schreiben zu einiger Berühmtheit über die Stadtgrenzen hinaus. Zäunemann verfasste zahlreiche Gelegenheitsgedichte im Geschmack der Zeit, fand jedoch auch ihren eigenen Weg von spätbarock geprägter Kasuallyrik hin zu einer individuellen, vom Geist der Aufklärung inspirierten literarischen Praxis. Besonders der Leipziger Kreis um Gottsched, zu dem auch Christiana Mariana von Ziegler gehörte, beeinflusste sie. Ziegler ging der Erfurterin als erste kaiserlich gekrönte Poetin überhaupt voraus.

Bekannter noch als Zäunemanns Werk – und unauflöslich damit verbunden – ist das von ihr poetisch inszenierte, aber zugleich auch realisierte Modell eines emanzipierten Lebens als unverheiratete, berufstätige Schriftstellerin, wie es zu ihrer Zeit äußerst ungewöhnlich war: Dazu gehören einsame Ritte durch Wald und Feld in Männerkleidung ebenso wie literarische Pamphlete:

Auf die gelehrten Frauenzimmer.

Madrigal.

Ihr Männer bildet euch nicht ein,

Als ob Vernunft, Verstand, Gelehrsamkeit und aufgeklärter Sinn

Solt euer Eigenthum und Erbrecht seyn;

Nein! warlich, der das Firmament gesetzt,

Der hat das Frauen-Volk nichts minder hoch geschätzt:

Und ihnen auch Verstand und Witz verliehen.

Es soll wie ihr, des hohen Geistes Gaben,

Auch im Besitze haben.

Drum muß ihr Lorber-Zweig, so wie der eure blühen.

Zörnet, tobet, lästert, neidet immerhin,

Ihr werdt es doch nicht hindern können,

Ihr solt und müßt denselben doch die Ehre gönnen!

Drum bildet euch ihr Männer ja nichts ein!

(Zäunemann 1738, S. 549 f.)

Dieses Gedicht zeigt bereits viel von der Energie und der herausfordernden Art der jungen Frau, die auf die Zeitgenossen provokativ gewirkt haben mag. Tragnitz charakterisiert Zäunemann resümierend als „significant woman writer of the Enlightenment and an influential spokesperson for the autonomy of women authors“ (Tragnitz 1999, S. 236). Ihre spektakuläre Mineneinfahrt in das Ilmenauer Bergwerk unterstreicht diese Bestrebungen nachdrücklich: ← 119 | 120 → Sie erscheint als „Ausdruck ihrer Persönlichkeit, ihres Wissensdurstes und ihres Selbstbewußtseins“ (Brosin 1989, S. 74).

Abb. 14:Zäunemann 1738, Frontispiz. © Österreichische Nationalbibliothek, Sign. 5734-A.

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Die im Ganzen recht überschaubare Zäunemann-Forschung konzentriert sich erwartbarerweise auf jene emanzipatorische, zuweilen als frühfeministisch gedeutete Tendenz ihres Schreibens. Dabei werden häufig Raummetaphern verwendet; der Aufsatztitel „The transgressions of Sidonia Hedwig Zäunemann“ (Bohm 2000) ist nur ein besonders prägnantes Beispiel. Cassel schreibt in seiner literaturhistorischen Skizze „Erfurt und die Zäunemannin“: „Sie eroberte, wie die Soldaten, die sie besang“ – auch wenn ihr zur echten poetischen Kunst die „geniale Manneskraft“ abgegangen sei (Cassel 1855, S. 442 f.). Die neuere Forschung erklärt, Zäunemann suche „die äußeren Räume der Erfahrung zu erobern“, sie respektiere die „Grenzen der Weiblichkeit“ nicht, sondern dringe ein in die „männliche Domäne“, in ein „territory considered unsuitable“ für Frauen (Bovenschen 1979, S. 135; Heuser 1988, S. 312; Guß 2011, S. 115; Tragnitz 1999, S. 27). Besonders Zäunemanns Eroberung poetischer Räume wird fokussiert – Räume, die männlich kodiert sind durch Themen (Bergwerk, Jagd, Militär) und Formen (Satire, philosophischer Essay). Die Autorin, so ist zu lesen, „broke through the conventional framework of provincial poetry socially acceptable in Erfurt by creating her ‚Bergwerkgedicht‘“, „moved away from the conventional poetic style“; sie leiste die „poetische Eroberung neuer Wirklichkeitsbereiche“ (Berdt 1977, S. 93, 162; Brinker-Gabler 1979, S. 59).

2.„Ich will, ich muß ein Bergmann seyn“

Am 23. und am 30. Januar 1737 fährt Sidonia Hedwig Zäunemann in das Bergwerk bei Ilmenau ein, am 5. März, so jedenfalls die Datierung im Gedichttitel selbst, verfasst sie eine Ode auf ihr Erlebnis: „Das Ilmenauische Bergwerk“. Es ist das bekannteste Werk der thüringischen Dichterin und wird gemeinhin als Höhepunkt ihres Schaffens angesehen. Schon der eher kritische Paulus Cassel gesteht 1855 zu, das Gedicht gehöre „zu den besten der Dichterin und in der That zu den beßeren dieser Gattung beschreibender Gedichte“ (Cassel 1855, S. 450).

„Das Ilmenauische Bergwerk“ ist von Form und Thematik her ein typisch aufklärerisches Lehrgedicht. Es besteht aus 36 zwölfzeiligen Strophen, meist jambische Dimeter, einige Alexandriner enthaltend. Eingeleitet wird es durch drei Widmungen für verschiedene Auflagen, die im hier zitierten, von der Autorin selbst zusammengestellten Lyrikband Poetische Rosen in Knospen sämtlich im Vorgang zum Gedicht abgedruckt erscheinen: erstens an Kurfürst Ernst August von Sachsen-Weimar, zweitens an Friedrich August, August III., König von Polen, der zugleich, wie sie schreibt, „Mit-Theilhaber derer Hennebergischen ergiebigen Bergwercke uf Ilmenau“ (Zäunemann 1738, S. 564) ist, und drittens an den Leser. Der sächsische Kurfürst, mit dem Zäunemann persönlichen Umgang pflegte, scheint dem Unternehmen gegenüber positiv ← 121 | 122 → eingestellt gewesen zu sein. Dankbar schreibt sie: „Du ließt mir ja zur Fahrt viel Glück und Gutes sagen“ (Zäunemann 1738, S. 563). Brosin interpretiert das Gedicht sogar als „eine Art Werbeschrift“ für das zwar an Silber und Kupfer ertragreiche, jedoch hoch verschuldete Ilmenauer Bergwerk; insofern sei die Aktion der Dichterin den ökonomischen Interessen Ernst Augusts entgegen gekommen (Brosin 1989, S. 76).

In jedem Fall sorgte Zäunemanns Bergwerksbefahrung für Aufsehen – allerdings im negativen Sinn. Davon zeugt ihr eigenes „Sendschreiben an den Priester, welcher das letztere Schreiben erhalten“, in dem Zäunemann sich gegen Vorwürfe zur Wehr setzt (Zäunemann 1738, S. 593–596). Der Klerus und auch die literarische Welt hatten offenbar zum Teil mit heftiger Kritik auf das Bergwerksgedicht reagiert (Berdt 1977, S. 18; Lippert 1898, S. 724).

Ein Mensch klettert in ein Erdloch. Was ist daran skandalös? Verständlich wird die Aufregung erst, wenn die räumlichen und geschlechtlichen Bedeutungsdimensionen des Ereignisses berücksichtigt werden, wenn man es als die topologisch und geschlechtlich semantisierte Handlung erkennt, als welche die Zeitgenossen es wahrgenommen haben. Wenn im Jahr 1737 eine Frau in Männerkleidung in ein Bergwerk einfährt, so agiert sie jenseits des geschlechterrollenkonformen Verhaltens. Eine Mine ist im 18. Jahrhundert nicht nur konkret ein maskulin geprägter Tätigkeitsraum – Arbeit unter Tage wird ausschließlich von Männern verrichtet –, sondern auch entsprechend kodiert als männlicher Raum der Natureroberung, Naturbeherrschung und Naturerkenntnis. Die Dichterin übertritt daher mit ihrer Einfahrt ins Bergwerk nicht nur material-physische Grenzen, sondern auch die Grenzen gesellschaftlich akzeptierten Verhaltens. Das physische wie poetische Eindringen der Frau in Schächte und Stollen bedeutet zugleich ihr Eindringen in den männlich kodierten Bereich des Wissens und der Arbeit. Zäunemann tut dies mit selbstbewusster Entschlossenheit.

Des Bergwerks Schönheit nimmt mich ein;

Ich will, ich muß ein Bergmann seyn.

Ich kan die Regung meiner Brust

Ohnmöglich länger unterdrücken:

Ich muß zu meiner Herzens-Lust

Mich mit dem Bergmanns-Kleide schmücken.

Der Schacht-Hut ziert mich schon, nun bin ich ganz verkleidt! […]

Weswegen soll denn nicht ein Frauen-Bild auf Erden

Durch Leder, Licht und Fahrt ein kühner Bergmann werden?

Auch diese That muß rühmlich seyn!

Glück auf! ich fahre freudig ein.

(Zäunemann 1738, S. 570 f.) ← 122 | 123 →

Von männlicherseits geäußerter Kritik lässt Zäunemann sich nicht abschrecken. Sie nimmt sie regelrecht auseinander, wie das erwähnte Sendschreiben an den Priester zeigt, und zwar mit Witz und großer Frechheit. Rhetorisch nimmt sie Argumente ihres Kritikers vorweg, die gegen ihre Bergeinfahrt sprechen könnten – vor allem natürlich ihre Geschlechterrolle, aber auch die von ihr nicht gefürchtete Lebensgefahr:

Allein was wundert sich dein Herz, daß ich nicht nur zum Pindus gehe,

Nein, sondern auch die untre Welt und ihre tiefsten Klüfte sehe?

Wie? ist mir dieses nicht erlaubt? Ist denn nicht Weibern zugelassen,

Die Wunderwerke der Natur bald hier bald dort ins Herz zu fassen?

[…] Allein, du Hochgeehrtester! du hältst den Feldzug meiner Glieder

Gar nicht vor gut, und rufst mir zu: Sidonia thu dieß nicht wieder.

Allein was ist der Grund der Warnung? Ists der Verlust von meinem Geist?

Der fahre hin! ich seh es gerne, wenn meines Lebens Band zerreist!

(Zäunemann 1738, S. 593 f.)

Dass der adressierte Skeptiker nicht glaubt, dass sie durch die neuen Erfahrungen und das neue Wissen „Glücke“ und „tausend Lieblichkeit“ im Bergwerk erlebt habe, pariert Zäunemann mit ebenso keckem wie souveränem Humor: Leider könne sie es ihm ja nicht beweisen, weil er zu dick sei, um ihr in den Berg nachzufolgen …

(Damit du nicht mehr zweifeln mögest) machs eben so, und folge mir!

Fahr in den Schacht! Jedoch du kanst das Glücke nicht wie ich erblicken,

Weil du so stark am Leibe bist; du würdest würklich bald ersticken.

Du köntest in den Schacht nicht kommen, nicht auf der Fahrt und Bühne stehn,

Du köntest dich auf keine Weise beregen, noch im Stollen drehn.

Und weil du diß nicht haben kanst, so suchst du mich nur auszulachen,

Bist neidisch, und gedenkest mich auf diese Weise bös zu machen.

Nein, dieses wird dir nicht gelingen. Ich bin dir auch deshalb nicht feind.

Verzeih, Hochwehrter! meiner Feder, wenn sie anjetzt zu scherzen meint.

(Zäunemann 1738, S. 595)

3.Montane Räume und Texte

Im Folgenden werden unterschiedliche räumliche Dimensionen des Berginneren, abstrakt-symbolische und konkrete, in den Blick genommen, und zwar im ‚realen‘ ebenso wie im literarischen Raum: Sowohl in der Welt als auch im Text existieren einerseits konkrete, andererseits abstrakte Raumstrukturen, die durch Menschen mit Bedeutung aufgeladen oder auch erst konstruiert werden. Genauer zu fragen ist nach den spezifischen räumlichen Strukturen in Zäunemanns Lehrgedicht: Sind sie als Schauplätze, als Handlungsorte, als ‚Ereignisregionen‘ (so der Terminus von Dennerlein 2009) dingfest zu machen, oder erschließt sich ihre Funktion vielmehr im metaphorischen Sinn: ← 123 | 124 → Drücken sich in den literarisch inszenierten Raumstrukturen in erster Linie kulturelle Semantiken aus, und inwiefern sind jene Semantisierungen von Raum geschlechtlich bestimmt? Bilden sie Herrschaftsbeziehungen ab oder schaffen sie solche mit?

Zunächst soll der Blick gelenkt werden auf das Bergwerk als realen Raum, und auf seine Entstehung. Die Geschichte des Bergbaus geht weit zurück, bereits in der Antike wurden Bodenschätze unter Tage gehoben. Im Mittelalter und zumal in der Frühen Neuzeit hatte der deutsche Bergbau eine herausragende Stellung inne, was technisches Knowhow und Förderleistung betrifft. Die Förderung von Silber, Kupfer, Zinn und Blei „lag weltweit an der Spitze“ (Gold 1990, S. 41). Aus verschiedenen Gründen – allgemeine Kapitalverknappung, Holzmangel, Notwendigkeit tieferer Absenkung (Gold 1990, S. 42) – kam es Mitte des 16. Jahrhunderts zu einem Niedergang der Montanwirtschaft. Erst zweihundert Jahre später ist wieder ein Aufschwung zu verzeichnen, sekundiert von Tendenzen zur Verwissenschaftlichung: Ganz im Sinne der Aufklärung strebte man danach, Geheimwissenschaften wie das Bergbauwesen öffentlich zu machen, zugunsten der staatlichen und gesellschaftlichen Wohlfahrt. Bergakademien wurden gegründet (1765 in Freiberg, 1770 Berlin und Chemnitz); neue mineralogische Theorien wurden vorgelegt, etwa von dem berühmtesten Geologen der Zeit, Abraham Gottlob Werner (Dürler 1936); eine internationale Sozietät der Bergbaukunde schloss sich 1786 zusammen und publizierte 1789 den pionierhaften Sammelband Bergbaukunde, herausgegeben von Ignaz von Born und Friedrich Wilhelm Heinrich von Treba. Der Aufschwung wurde mitbedingt durch den zunehmenden Einsatz von Dampfkraft, das Montanwesen erlebte dadurch – durchschlagend erst im 19. Jahrhundert – eine technische Revolution (siehe die von Gold häufig herangezogene Studie von Hue 1910, Bd. 1, S. 323). Mit der Liberalisierung des Bergbaurechts in den 1860er Jahren schließlich ist, einhergehend mit dem Machtzuwachs nichtstaatlicher Unternehmen, eine Proletarisierungstendenz im Bergbau zu beobachten (Gold 1990, S. 51).

Was speziell den Ilmenauer Bergbau betrifft, so geht dieser bis in das 13. Jahrhundert zurück. Die Literaturwissenschaft verbindet damit in erster Linie die Wiederinbetriebnahme der Minen durch den Weimarer Herzog Karl August und seinen erfolglosen Projektleiter Goethe (Wagenbreth 2009): Im Jahr 1776 nahm Goethe auf herzoglichen Beschluss die Arbeit in Ilmenau auf, leitete ab 1780 alle Bergwerksangelegenheiten des Herzogtums und gehörte, obgleich schon 1796 Wasserschäden weitere Arbeiten verhinderten, noch bis 1814 der Bergwerkskommission an (zu den Ursachen des Scheiterns ausführlich Steenbuck 1995; Wagenbreth 2009; auch Damm/Damm 2009). Zu Zäunemanns Zeiten war das Ilmenauer Bergwerk gerade in Betrieb, allerdings nur noch zwei Jahre lang nach Erscheinen ihres Gedichts. Dann fand es durch einen Dammbruch am 9.5.1739 „ein jähes Ende“ – „die Gruben ersoffen. Die ← 124 | 125 → Bergleute wurden arbeitslos, ein Teil von ihnen wanderte aus“ (Wagenbreth 2009, S. 35). Erst unter Goethes Leitung wurde der Arbeitsbetrieb in Ilmenau wieder aufgenommen.

Um die zeitgenössische Bedeutung der realen Bergwerksbefahrung Sidonia Hedwig Zäunemanns bewerten zu können, sind geschlechterhistorische Aspekte zu berücksichtigen. Die Untertagearbeit wurde wie erwähnt ausschließlich von Männern verrichtet. Ludwig gibt, allerdings ohne Beleg, eine allgemeine Erklärung dafür an, die über den naheliegenden Grund der Schwere körperlicher Arbeit hinausgeht: „Im Allgemeinen nämlich hatte sich zumindest im europäischen Bergbau seit alters her und stillschweigend die Erkenntnis durchgesetzt, dass der psychische Arbeitsdruck unter Tage bei zusätzlichen Geschlechterspannungen nicht wirklich auszuhalten sei.“ (Ludwig 2010, S. 192) Hingegen seien Frauen zuweilen „an der Erwerbsarbeit im Aufbereitungssektor“, also in den Hütten, beteiligt gewesen, nicht jedoch in Ilmenau. Als einen realen Bezug von Frauen zum Montanwesen nennt Ludwig darüber hinaus gelegentliche „weibliche Gewerken und Verlegerinnen im Montanbereich“, zu denen auch Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach zählt.

Parallel zum Montanwesen entwickelte sich eine entsprechende Texttradition. Zu ihr gehörten seit dem späten Mittelalter Sachtexte zur Technik, Terminologie und Geographie des Bergbaus, aber auch Bergbausagen und -legenden. Mit wachsender Bedeutung der Montanwirtschaft im 15. Jahrhundert nahm auch ihre Literarisierung zu. Gelehrte befuhren Bergwerke und schrieben darüber, so der Humanist Konrad Celtis, der die Mine in seinen Amores (I, 6) als beklemmende, abgründige Unterwelt inszeniert (Honemann 2004, S. 255–257). Welch ein Kontrast zur furchtlos-frohlockenden Sidonia Hedwig Zäunemann, die schreibt: „Zurück; Warum? O nein! mir macht / Die Seiger-Fahrt gar keinen Grauen“ (Zäunemann 1738, S. 531), und die immer tiefer hinab will, auch wenn der Berginspektor Bedenken äußert:

Wie so? auch dahinnein? Das Wasser rauscht hier sehr.

Es hat seit zwölf und noch mehr Jahren

Kein Mensch dieß Vorgesümpf befahren.

Die Kittel werden hier von vielen Wasser schwer.

Das Wasser! laßt es seyn! laßts toben, brausen, stürmen;

Ein Zärtling sucht sich nur vor dieses zu beschirmen.

(Zäunemann 1738, S. 578)

Einen besonderen Aufschwung erlebt die literarische Bergbaumotivik von etwa 1790 bis 1840 (Gold 1990, S. 34), mithin deutlich nach der Frühaufklärung, der Zäunemanns Lehrgedicht zuzurechnen ist. Vor allem romantische Texte realisieren bestimmte Vorstellungen und Phantasien: „Hier wird das Bergwerk zum Schatzhaus, bewohnt von einer wunderschönen, dämonischen ← 125 | 126 → Bergkönigin, die den Bergmann zu sich hinablockt und tötet“ (Honemann 2004, S. 260). Es erstaunt nicht, dass sich die literaturwissenschaftliche Forschung auf die Romantik konzentriert – Kosch (1921), Dürler (1936), Ziolkowski (1985), außerdem der vielzitierte Gold, der psychologische, religiöse, historische, ökonomische und ästhetische Aspekte der romantischen Bergbaumotivik analysiert und darlegt, inwiefern das Bergwerk als Ort tieferer Erkenntnis, psychischer Konflikte oder als parodistisches Zitat figuriert (Gold 1990, S. 34–36). Das dem Berginneren zugehörige Naturhaft-Weibliche erscheint in der romantischen Literatur häufig als irrational, triebhaft und verhängnisvoll für die eintretenden Männer.

4.Erlebter und verdichteter Raum im Lehrgedicht: „Das Ilmenauische Bergwerk“

Von jenen raum-geschlechtlichen Strukturen, mit denen die Romantik zugleich an ältere mythische und märchenhafte Raumkonzepte anschließt, hebt sich Zäunemanns Lehrgedicht noch deutlich ab. „Das Ilmenauische Bergwerk“ prägt ein frühaufklärerisches Naturverständnis. Die Naturbeziehung des Menschen ist von Rationalität und Religiosität geprägt, seine Begegnung mit dem Berg wirkt erbaulich und erkenntnisreich.

Otfried Wagenbreth zitiert in seinem Buch Goethe und der Ilmenauer Bergbau ausführlich aus Zäunemanns Ode. Einleitende Worte informieren über die konkreten Abläufe:

Am 23. Januar 1737 fuhr sie mit drei Bergbeamten in den Treppenschacht ein, kam unter Tage durch die Gruben Güte Gottes und Gottesgabe und sah, wie die Förderleute Erz und Schiefer durch die niedrigen Strecken zogen. In der Gottesgabe lernte sie ein Abbauort kennen […]. Aus der Grube Wilhelm Ernst mußten die vier 184 m hoch über die Fahrten (Leitern) wieder zutage steigen. Am 30. Januar 1737 befuhr die Zäunemann mit Major von Busch und drei Bergbeamten den Martinrodaer Stolln auf seine ganze Länge und kam nach 5 ½ Stunden am Mundloch in Martinroda wieder zutage (Wagenbreth 1983, S. 31 f.).

Wenige Monate später veröffentlichte die Autorin ihr auf dieses persönliche Erlebnis referierendes Gedicht und bringt dabei erlebte Wirklichkeit und poetische Verdichtung in einer besonderen Weise zusammen: Im Anschluss an den poetischen Text ist das Befahrungsprotokoll des Berginspektors Tromler abgedruckt. Eine von drei vorhandenen Druckfassungen des „Ilmenauischen Bergwerks“ enthält auf der zweiten Seite zudem eine von Tromler gezeichnete Karte mit den Minentunneln. Sie wird im Stadtarchiv Erfurt verwahrt (zur Publikationsgeschichte am ausführlichsten Berdt 1977, S. 149 ff.). Damit wird auch für den lyrisch-fiktionalen Text eine ganz spezifische Nähe zur Wirklichkeit behauptet – und geglaubt: Ludwig deutet die Ode als gelungene Realitätsdarstellung, er nennt sie ein „einzigartiges, ein treffliches Loblied des ← 126 | 127 → Bergbaus“, welches „nahezu ungehört verhallt“ und erstaunlicherweise von einer Frau geschrieben sei: „Jedenfalls dürfte kaum eine zweite gelungene Poesie zu finden sein, die das damalige Glaubens- und Bildungsgut sowie Naturgefühl mit Fragen nach der Technik- und Wissenschafts-, Kunst- und Landschaftsgestaltung in die Welt des Bergbaus hinein verlängerte und Antworten darauf mit Widersprüchlichkeiten der eigenen Seele verband.“ (Ludwig 2010, S. 190 f.) Möglicherweise hat das zeitgenössische Publikum Zäunemanns Gedicht tatsächlich in erster Linie als faktenorientierte Beschreibung einer Grubeneinfahrt gelesen; die ‚unpoetischen‘ Fachtermini aus der Bergmannssprache mögen diese Lesart verstärkt haben. Aus heutiger Perspektive ist die Literarizität des Textes unverkennbar. Präsentiert wird eine formal und inhaltlich stilisierte, erzählte Wirklichkeit in gebundener, gereimter Rede, mit künstlerisch-poetischer Sprachverwendung.

Der erlebte und im Text verdichtete Raum, das Ilmenauer Bergwerk, wirkt auf den ersten Blick wie ein Containerraum, der durch Innen und Außen, Oben und Unten definierbar ist, der betreten und verlassen werden kann – und dies wird sprachlich markiert: „Glück auf! ich fahre freudig ein.“ und: „Glück auf! Glück auf! wir sind nun jetzt / Durch dieses Stollens-Mundloch kommen!“ (Zäunemann 1738, S. 571, 581). Durch die geschlechterpolitische Grenzüberschreitung und die mit dem Berginneren verbundene Entgrenzung des Wissens vollzieht sich indessen eine Art topologische Dynamisierung des Raums. Der Raum, der im und durch den Text entsteht, ist nicht nur ein abgeschlossener Behälter. Mit ihm eröffnet sich zugleich ein Handlungs-Spiel-Raum für das erlebende und sprechende weibliche Ich.

4.1„So fahr ich in das Tiefste ein.“ Raum – Bewegung – Wissen

Zäunemanns Gedicht beginnt mit dem Bergmannsruf „Glück auf! Glück auf!“. Das lyrische Ich hört ihn früh morgens erklingen und fühlt sich zu aktivem Handeln, zu Bewegung motiviert: „Nur fort! wohin? vor Ilmenau!“ (Zäunemann 1738, S. 567) Der Text erzeugt im Folgenden bei den Lesenden eine starke Empfindung von Nähe zum geschilderten Ich-Erleben – durch präsentische Schreibweise, häufige Adressatenbezüge, zahlreiche Ausrufe und Fragen. Das Ich, voller Vorfreude und Tatendrang, bewegt sich auf den Berg zu, wobei die Annäherung mit einer spürbaren Spannungssteigerung einhergeht. Es steigt „frisch hinauf“ und dringt schließlich in das Berginnere vor: „ich fahre freudig ein.“ (Zäunemann 1738, S. 568, 571) Die Unbändigkeit des Wissensdurstes drückt sich lexikalisch und syntaktisch aus, beispielsweise durch die wiederholte Formel ‚ich muß‘ und durch vorwärtsdrängende, herausfordernde Exklamationen: ← 127 | 128 →

Herr Berg-Inspector! immer fort!

Ich muß das Vorgesümpfe sehen,

Ich muß in diesem tiefen Ort

Auch mit Betrachtung stille stehen.

[…] Bleibt nur mein Feuer und sein Schein;

So fahr ich in das Tiefste ein.

(Zäunemann 1738, S. 578 f.)

Der zu erobernde Raum steht für ein Wissen, das durch „sehen“, durch „Betrachtung“ zu erlangen ist: Das „Tiefste“, die tiefste Erkenntnis, ist das Ziel. Nicht erst in der romantischen Bergbaumotivik wird also die Dunkelheit zur Sphäre des Erkennens – bereits in der frühaufklärerischen Wissenspoetik Zäunemanns ist das Motiv der in der Tiefe der Erde zu erlangenden Erkenntnis prägend. Zugleich wirkt es wie ein thematischer Vorgriff auf Schillers Taucher-Ballade, wenn der Mensch nach Erkenntnis im Tiefsten strebt. Doch während dem jungen Knappen sein Wissensdrang zum Verhängnis werden wird, kann das Ich in Zäunemanns „Ilmenauischem Bergwerk“ nach der ersten Bergeinfahrt zufrieden und gleichsam mit aufklärerischem Optimismus erklären:

Ich habe nun die Seegens-Spuhr

Der Allmacht in der Erd erwogen,

Und aus den Wundern der Natur,

Die schönste Wissenschaft gezogen.

O wie vergnügt bin ich! wie frölich fahr ich aus!

(Zäunemann 1738, S. 579)

Allerdings bedeutet Zufriedenheit hier nicht Befriedigung. Die Wissbegierde treibt zu weiteren Raumeroberungen, das Ich fährt ein zweites Mal in das Ilmenauer Bergwerk ein:

Das Bergwerk kan mich nur erquicken;

Kein Garten labt mich so, als dieses untre Haus.

Auf! ich muß noch mehr sehn! ich will in nächsten Tagen

Mit gleicher Munterkeit mich auch in Stollen wagen.

Geht, bringt mir Kleid und Gruben-Licht,

Damit es mir an nichts gebricht.

(Zäunemann 1738, S. 579)

4.2„nun bin ich ganz verkleidt!“ Strategie der Maskulinisierung

Das sich durch den Raum bewegende Ich ist als weiblich identifizierbar, das zu erwerbende Wissen gehört einer männlich bestimmten Sphäre an. Die Strategie des Ich, zu Erkenntnis zu gelangen, ist daher konsequent: Maskulinisierung. Und nicht nur das lyrische Ich im „Ilmenauischen Bergwerk“, sondern auch die Verfasserin des Gedichts wird aufgrund ihrer Erscheinung und ihres ← 128 | 129 → Verhaltens von Zeitgenossen als ‚männlich‘ wahrgenommen. Eine von der älteren Forschung gerne übernommene Perspektive: Hanstein schreibt beispielsweise, durch Zäunemanns Persönlichkeit sei „ein starker männlicher Zug“ gegangen. Er bezeichnet sie als „das jugendliche Mannweib“ und spricht von ihren „tollkühnen Männerfahrten“ (Hanstein 1899, Bd. 1, S. 160 f.)

In der Ilmenauer Ode ruft das Ich aus: „Ich will, ich muß ein Bergmann seyn“ und zieht sich Bergmannskleidung an – „nun bin ich ganz verkleidt!“ (Zäunemann 1738, S. 570). Durch Maskulinisierung des Körpers soll der Weg gebahnt werden zur umfassenden Erkenntnis des Höchsten im Tiefsten: „Schweigt stille! denn mein Geist wagt alles durchzugehen. || Schweigt! lasset mich im Berg’ die Weisheit GOttes sehen.“ (Zäunemann 1738, S. 570) Dass jene räumlich inszenierte Bewegung des Geistes (‚alles durchgehen‘) Hindernisse überwinden muss, erweist sich an der Abwehr des Widerständigen (‚schweigt‘, ‚lasset mich‘). Das Eindringen in die männliche Domäne muss legitimiert, Widerstand abgewehrt werden. Ausdrücklich geschieht dies in einem energischen Plädoyer für weibliche Bildung, mit dem Zäunemann auf die Frage nach dem Recht von Frauen, unter Tage zu fahren, reagiert:

Man wendet zwar darwider ein:

Kein Weib soll Mannes-Kleider tragen.

(Wenn es gelegne Zeit wird seyn,

Will ich hierauf die Antwort sagen.)

Man wirft mir weiter vor: Dieß sey nicht mein Beruf

Es sey von GOtt der Weiber-Orden

Zum Haushalt nur erschaffen worden;

Man nimmt des Salomons sein Spruch-Buch zum Behuf.

Der König hat zwar recht; allein wer wills uns wehren,

Wenn wir darneben auch uns von dem Pöbel kehren.

Wer straft uns, wenn auch unser Geist

Ein Herz voll Muth und Feuer weist?

Worzu hat uns die höchste Kraft

Verstand und Muth ins Herz gegeben,

Als daß wir auch nach Wissenschaft,

Und edlen Werken sollen streben?

(Zäunemann 1738, S. 570 f.)

Ohne die Geschlechterordnung umwälzen zu wollen und ohne die Zuordnung von Frauen zum häuslichen Tätigkeitsfeld in Frage zu stellen, protestiert Zäunemann gegen den Ausschluss von Wissen und Wissenschaft. Ihr Protest ist energisch und bricht sich vielfach Bahn – wenn sie sich etwa in anderen Gedichten darüber beschwert, dass geistig aktive Frauen als „Ungeheuer“ oder „Monstrum“ betrachtet würden (Zäunemann 1738, S. 590, 625). Am deutlichsten wird die Autorin in ihrer Satire Die von den Faunen gepeitschte Laster, wo sie die alles Wissen für sich beanspruchenden Männer beschimpft: ← 129 | 130 → „Was vor ein toller Wurm hat euren Kopf durchfressen, || Daß ihr euch nur allein dieß Recht sucht beyzumessen?“ (Zäunemann 1739, S. 8) Im Gedicht über „Das Ilmenauische Bergwerk“ entschließt das Ich sich denn auch konsequent zur Tat, selbstbewusst und herausfordernd: „Weswegen soll denn nicht ein Frauen-Bild auf Erden || Durch Leder, Licht und Fahrt ein kühner Bergmann werden?“ (Zäunemann 1738, S. 571)

Es stellt sich die Frage, ob durch das Eindringen der Frau in den männlich geprägten Raum, dem sie sich körperlich und auch sprachlich, durch Verwendung von Bergmannssprache, anpasst, jener Raum dynamisiert wird, ob (Geschlechter-)Grenzen aufgehoben werden. Wohl kaum. Bei der Grenzüberschreitung bleibt der Berginnenraum statisch hinsichtlich seiner geschlechtlichen Kodierung. Zu einem Handlungs-Spiel-Raum für die Frau wird er erst, wenn diese sich selbst maskulinisiert – und dadurch wird die heteronormative Setzung von zwei abgegrenzten Geschlechtern eher stabilisiert als dynamisiert.

Körperliche und sprachliche Maskulinisierung wirken im Gedicht identitätsstiftend: Das Ich identifiziert sich zeitweise vollständig mit der Gruppe der Männer und geht im Wir der Bergleute auf. Generell referiert die erste Person Plural in Zäunemanns Gedicht auf verschiedene Personengruppen: zunächst ganz konkret auf die heute in das Ilmenauer Bergwerk einfahrende Gruppe („So aber können wir die Worte frölich sprechen“, Zäunemann 1738, S. 571), dann aber auch auf die ganze Menschheit („Da unsre Eltern das Gebot || Im Paradiese übergangen“, Zäunemann 1738, S. 574) und auf Frauen allgemein (in den zitierten Einforderungen weiblicher Bildung). Besonders bemerkenswert für unser Thema ist nun die inszenierte Zugehörigkeit des Ich zum Wir aller Bergarbeiter. Diese Zugehörigkeit wird in zwei Strophen versprachlicht:

Allein seht unsre Knapschaft an;

Erwegt, mit wem dieselben kämpfen!

Hier drohet uns der alte Mann;

Dort will die Fluth das Leben dämpfen.

Seil, Tonne, Rath und Kunst zerquetschen Arm und Bein;

Bald zeigt der Bergmönch unser Ende;

Und bald zerschmettern uns die Wände;

Bald schläfert unsern Geist ein Stempel kläglich ein.

Wir können unsern Feind nicht sehen und entfliehen,

Noch uns, wie ihr im Feld, so leicht zurücke ziehen.

Drum auch die Grube, gleich dem Feld,

Viel tapfre Streiter in sich hält,

Wenn Krieger nach dem Lager ziehn,

So ist ihr Marsch ein Weg der Freuden;

Da wir vielmehr das Eitle fliehn,

Und unsern Geist in Andacht weiden.

So wohl die Fahrt als Gang zeigt größre Sittsamkeit, ← 130 | 131 →

Als jene Reise muntrer Helden.

Was wolt ihr viel von Schiesen melden?

Wir sind so gut als ihr zu dieser That bereit.

Ihr zündt das Pulver an, und schießt nach Maur und Wällen,

Wir wissen das Gestein im Berge zu zerschellen.

Ihr brechet durch, nach Kriegs-Gebrauch,

Und sprengt den Stein; wir gleichfalls auch.

(Zäunemann 1738, S. 575 f.)

Während in den ersten beiden Versen die Perspektive von der Gesellschaft aus auf die tapferen Bergleute („unsere Knapschaft“) gerichtet ist, verschiebt sich die Semantik des Wir unvermittelt: Ab dem dritten Vers zählt sich das Ich kühn zu den Helden des Bergs – und setzt die Leistung der Minenarbeiter derjenigen der nun mit „ihr“ adressierten Helden des Militärs entgegen.

4.3„Beglücktes Bergwerk!“ Nutzen und Ästhetik der Arbeit

Die Bergleute werden im Gedicht also ausgiebig gewürdigt. Sie erscheinen als positive Figuren, die fromm und „mit vergnügtem Muth“ (Zäunemann 1738, S. 572) ihre Arbeit verrichten. Allgemein ist der Tätigkeitsraum Bergwerk positiv besetzt, vor allem aufgrund seines Nutzens. Medizinisch wertvolle Mineralien werden erwähnt („Aus Mineralien die aus der Grube kommen, || Wird mancher edler Stein zur Arzeney genommen“, Zäunemann 1738, S. 578), vor allem aber Bodenschätze: So wie „uns das Erd-Gebäu Feld, Wiesen, Gärten, Wald, || Korn, Obst und Kraut und andre Gaben, || Die wir zum Leben nöthig haben“, gibt, „So dient das Bergwerck auch zu unsern Unterhalt. || Gold, Silber, Erz und Bley, Salz, Schwefel, Kupfer, Eisen, || Muß uns auf dieser Welt den größten Dienst beweisen. || Woraus man ja den Seegens-Fluß || Des Bergwerks gnug erkennen muß“ (Zäunemann 1738, S. 574). Vielfach zeigt sich ein utilitaristischer Fortschrittsoptimismus, wenn etwa das Ich vor der Bergeinfahrt Schächte, Wasserführung und Maschinentechnik bewundert und die Arbeit des Menschen an der Natur als „ordentlich und richtig“, als „Wohlfahrt, Glück und Heil“ stiftend beschreibt (Zäunemann 1738, S. 569).

Doch nicht nur der Nutzen des Bergwerks wird thematisiert, auch seine Ästhetik. Wasser im Berginneren erscheint, obgleich es doch durch einen dunklen, von wenigen Fackeln erleuchteten Schacht fließt, als „schön und rein und frisch, wie sanft, wie schnell und klar“ (Zäunemann 1738, S. 572). Das Ich lobt die eindrucksvolle Farbenpracht des Gesteins und entdeckt unter der Erde „gleiche Anmuths-Spuren“ wie auf einer Blumenwiese: „So siehet nun dieß untre Haus || Gleich wie der schönste Garten aus.“ (Zäunemann 1738, S. 574) An jenes paradiesische Bild schließt thematisch konsequent der Sündenfall an: Die Bergwerksarbeit symbolisiert die Mühseligkeit des menschlichen Lebens. Zugleich finden sich hier erstaunliche Textpassagen, ← 131 | 132 → die von Berdt gar als „social criticism of the ruling and middle classes“ (Berdt 1977, S. 162) gedeutet werden:

Der Bergman trägt den Lohn

Nach naßen Kitteln, Müh und Schrecken,

Und Karren übern Arsch zu drecken,

Nach öftern Mord-Geschrey, an wenig Geld davon.

Von Noth und Kümmerniß, von Jammer-vollen Tagen;

Von Elend, Angst und Schmerz kan uns ein Bergmann sagen.

(Zäunemann 1738, S. 574 f.)

Es ist eine unvermittelte, von derber Wortwahl geprägte Sprache – für die sich die Verfasserin auch rechtfertigt. In ihrer in Prosa geschriebenen, aber dennoch gereimten Vorrede „Mein Leser!“ entschuldigt sie sich für etwaige Fehler: Dies sei nun mal die „erste Arbeit“, „die man von Berg- und Bergwercks-Sachen von meiner Hand und Feder ließt“. Sie erklärt das Raue und Harte ihres Gedichts, das „nicht nach Dichter-Art geschrieben“ anmute, mit den „Berg- und Bergmanns-Reden“ und erbittet „ein vernünftig Urtheil“ vom Leser (Zäunemann 1738, S. 566).

Die hier eingenommene Perspektive zeigt nicht mehr munter-fromme, sondern elende Bergleute, die das Ich nun bezeichnenderweise von außen und ohne Wir-Gefühl wahrnimmt. Jene Perspektive steht der poetischen Inszenierung der Bergwerksästhetik ebenso schroff entgegen wie dem resümierenden Urteil: „Beglücktes Bergwerk! das die Hand || Der Allmacht stets mit Seegen krönet“ (Zäunemann 1738, S. 582). Es folgt eine Lobpreisung von Herzog, Berginspektor und allen Minenarbeitern, die im fröhlichen Aufruf zum Feiern mündet:

Auf! feyret diesen Tag mit Andacht und mit Freuden.

Das Berg-Fest will ietzt nicht die Grillenfänger leiden.

Ich schweige denn die Feder bricht,

Ja heut ist Fest; ich mache Schicht!

(Zäunemann 1738, S. 583)

5.Der Untergang der wilden Reiterin

Ich bin mit festgesetztem Muth durch Gang und Schächte durchgefahren,

Die Fahrt hat mich so sehr vergnügt, als keine Zeit in meinen Jahren.

Die Knapschaft, so mich frisch gesehen, legt mir das gute Zeugniß bey:

Daß ich von unerschrocknem Geiste, und gar nicht bleich geworden sey.

(Zäunemann 1738, S. 594)

Nicht nur hier, im „Sendschreiben an den Priester, welcher das letztere Schreiben erhalten“, zeichnet Sidonia Hedwig Zäunemann von sich das Bild einer unerschrockenen, wagemutigen Frau. „Drum fürcht ich mir vor nichts“ (Zäunemann 1738, S. 118), schreibt sie an anderer Stelle. Dieses Bild der ← 132 | 133 → Autorin wurde von der Forschung perpetuiert – „Sie war von einer Furchtlosigkeit, wie sie an Frauen wahrlich selten ist“ (Cassel 1855, S. 450) – und derart verstärkt, dass es die biographische Wirklichkeit überlagerte. Das lässt sich an einem markanten Beispiel illustrieren: an der Erzählung vom Tod der Dichterin. Im 1898 erschienenen Zäunemann-Artikel der Allgemeinen Deutschen Biographie ist diese Erzählung in Reinform nachzulesen:

Auch sonst trug sie bei ihren Ausflügen, die sie zu Roß zu unternehmen pflegte, männliche Kleidung; furchtlos ritt sie bei Regen und Sturm, bei Gewitter und im nächtlichen Dunkel durch die Thäler und dichten Wälder […]. 1740 fand sie ein frühes Ende; das unerschrockene Mädchen hatte einen Ritt zu ihren Ilmenauer Verwandten unternommen, und beim Ueberschreiten der Gera bei dem Dorfe Angelroda unweit Plaue brach die vom Hochwasser erschütterte Brücke unter ihr zusammen. (Lippert 1898, S. 724 f.)

Nicht nur Berdt schreibt 1976 diese Erzählung von der in Männerkleidung reitenden und in den Fluss stürzenden Dichterin weiter und nennt ihren Tod „as unusual and as dramatic as her life“ (Berdt 1977, S. 20). Auch Brosin erklärt: „Auf dem Weg nach Ilmenau, den die Zäunemannin wie schon so oft im Sattel zurücklegte, war die Brücke über die hochwasserführende Gera unter Pferd und Reiterin zusammengebrochen.“ (Brosin 1989, S. 72) Auf die Ausmalung der auf ihrem Ross durch Wälder, Sturm und Wind dahinbrausenden Reiterin in Männerkleidern, der ihr Wagemut zum Verhängnis wird und die bei einem ebensolchen Ritt im Fluss ertrinkt, verzichtet man auch in jüngerer Zeit nicht, etwa in Würdigungen der Erfurter Dichterin zu ihrem 300. Geburtstag im Jubiläumsjahr 2011 (Itterheim 2011, Walker 2008). Etwas differenzierter argumentiert Guß, die zwar auch von einem Ritt spricht, aber aufgrund von Archivforschungen darauf verweist, dass Zäunemann gerade an ihrem Todestag nicht männlich gekleidet gewesen sei, sondern einen „rothen Pohlischen Peltz und einen grünen Rock aus Fries, einem dicken Mischgewebe, das vor Kälte schützte, aber mit Wasser vollgesaugt sehr schwer wird“, getragen habe (Guß 2011, S. 119, mit Verweis auf eine Notiz im Thüringer Stadtarchiv Rudolstadt, Regierung Arnstadt, Nr. 1152).

Bereits 1999 hat Tragnitz in ihrer Zäunemann-Dissertation die Weise kritisiert, in der von der Forschung eine „connection between her bold and unconventional lifestyle […] and the manner and cause of her death“ geschaffen werde (Tragnitz 1999, S. 33). Beispielhaft dafür ist Cassel zu nennen, der schreibt: „Aber, was der Dichterin in ihrer Kühnheit oft gelungen ist, sollte ihr doch bald zur Ursache eines vorzeitigen Lebensendes werden.“ Immerhin kommt er ohne das Bild der Reiterin aus, wenn er Zäunemanns Sterben in dramatischer Weise präsentisch ausmalt: „Sie befand sich am 11. Dec. 1740 auf einer Reise zu ihrer Schwester nach Ilmenau; es war stürmisches Wetter, die Waßer angeschwollen; indem sie zwischen Plaue und Angelroda über ← 133 | 134 → einen Steg gehen will, bricht dieser; sie stürzt ins Waßer und kommt darin um“ (Cassel 1855, S. 451).

Cassel belegt seine Todeserzählung explizit in einer Fußnote mit der Kurzmeldung in den Göttingischen Zeitungen vom Januar 1741, die den ausführlichen Nachrufen vorausgegangen war. Diese Meldung lautet nun aber wie folgt:

Wir haben dorther die unangenehme Nachricht von 26. Decembr. erhalten, daß die belobte und gekrönte Poetin zu Erfurt, die Jungfer Zeunemannin plötzlich ihr Lebensziel erreichen müssen. Denn wenige Tage zuvor ist sie ohnweit Ilmenau, da sie es nicht wagen mögen, durch das angelaufene Waser zu fahren, über einen schmalen Steg gegangen, aber von dem stürmenden Winde ergriffen und in das Wasser geworfen worden, darinnen sie ihr Leben eingebüsset. (Göttingische Zeitungen, Jan. 1741, Nr. 3, S. 20, zit. nach Tragnitz 1999, S. 34)

Diese Zeitungsmeldung, die nach Tragnitz’ Überzeugung der Wahrheit am nächsten kommt, erwähnt interessanterweise weder Männerkleidung noch Pferd. Ebenso wenig tun dies die Hamburgischen Berichte in ihrem Nachruf vom 28.2.1741 – jenes Journal, das für Zäunemanns poetische Laufbahn von zentraler Bedeutung war:

Als sie nemlich am 11 Dec. 1740. sich eine Motion machen, und ihre verheyrathete Schwester in Ilmenau besuchen wollte, gerieth sie auf einen von Wasser lockergemachten Fussteg, unweit der Stadt Plauen bei Arnstadt, und wurde von dem stürmenden Winde und wilden Wasserwellen hingerissen, daß sie in der Fluth ihr Leben endigen muste. (anonym 1741, S. 134 f.)

Die Rede ist von einem „Fussteg“ bzw. „schmalen Steg“, den Zäunemann passiert habe, und zwar – dies lässt Cassels Bericht bezeichnenderweise aus – aus Bedachtsamkeit, um nicht durch Hochwasser „fahren“ zu müssen. Daniel Wilhelm Triller schreibt konsequenterweise in seiner Würdigung Zäunemanns, sie habe „sich, aus Vorsichtigkeit, auf keinem kleinen Nachen dem ungestümen Wasser anvertrauen, sondern vielmehr zur Sicherheit über den Steg gehen wollen“ (Triller 1742, S. 472). Womöglich hatte also gerade nicht Wagemut, sondern sogar Bedachtsamkeit Zäunemann zu dieser Art der Flussüberquerung veranlasst.

Das Frauen-Bild von der wilden, dem Untergang geweihten Amazone scheint jedoch so verführerisch zu sein, dass es die Wirklichkeit überlagert. Man erschreibt der Dichterin ein zu ihrem Leben passendes Sterben – passend übrigens auch in einem anderen signifikanten Sinn: Nicht selten wird zusätzlich ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Lebensende der Schriftstellerin und ihren Emanzipationsbestrebungen gesehen. So schreibt Hanstein, Zäunemann sei „wahrscheinlich aus Unvorsichtigkeit und Waghalsigkeit“ ertrunken, und fügt hinzu: „Man kann sagen, daß der Schritt nach der Seite ← 134 | 135 → der Emanzipiertheit hin, den die Zäunemannin that, schon weit über das hinausging, was Gottsched erstrebt hatte.“ (Hanstein 1899, Bd. 1, S. 162)

Der ‚weit hinausgehende Schritt‘ – mit dem gewissermaßen die Grenzen eines für Frauen angemessenen Verhaltens überschritten werden –, passt allzu gut zum Schritt über den Fluss: Die Überquerung muss notwendig scheitern. Eine schicksalhafte Notwendigkeit des Scheiterns galt selbstredend nicht im realen Leben, sondern wird in der postumen biographischen Lebenserzählung suggeriert; der Tod erscheint als Konsequenz, wenn nicht gar als moralische Strafe für ein unkonventionelles Leben. Die Raummetapher siegt gewissermaßen über den ‚realen‘ Raum, die Metapher überschreibt die Wirklichkeit. Generiert wird eine systemstabilisierende Erzählung von einem dramatischen Untergang, die mit dem tatsächlich geschehenen Unglücksfall wenig zu tun hat. Die Lebenserzählung der Sidonia Hedwig Zäunemann transportiert nicht, was ist, sondern was sein soll: Eine Frau, die die Grenzen ihres Geschlechts überschreitet, wird vom Schicksal mit Vernichtung bestraft. ← 135 | 136 → ← 136 | 137 →