Show Less
Restricted access

Gotik ohne Gott?

Die Symbolik des Kirchengebäudes im 19. Jahrhundert

Wojciech Balus

Der Autor befasst sich mit der bisher nur wenig erforschten Symbolik der sakralen Architektur des Historismus. Er konzentriert sich dabei auf die unbekannten Druckquellen aus dem 19. Jahrhundert, die zeigen, dass auch in dieser Epoche die Kirchenbaukunst ein Bedeutungsträger war. Ziel der christlichen Kunst war, die konfessionelle Prägung sowohl in der Form einer Kirche als auch in der Ikonographie zu manifestieren. Der Stil wurde als Abdruck einer Weltanschauung in der Materie des Kunstwerks verstanden. Aus diesem Grund postulierte man, die Errungenschaften des Mittelalters aufzugreifen. Man nahm an, dass in diesem ausschließlich das christliche Gedankengut die Weltanschauung bestimmt habe, die Stile deswegen den religiösen Geist vollkommen zum Ausdruck gebracht hätten und die Ikonographie ideal, dogmatisch korrekt und inhaltsreich gewesen sei.
Show Summary Details
Restricted access

Schlussbemerkungen

Extract



Der Ausgang der Epoche

Im Jahre 1905 entrüstete sich Joris-Karl Huysmans in seinem Beitrag über die Pariser Kathedrale Notre-Dame darüber, dass die École des Chartes nach dem Tode von Léon Gautier und Lecoy de la Marche ihre Forschungen zur Symbolik der mittelalterlichen Architektur aufgegeben habe. Als Anhaltspunkt für seine Behauptung diente ihm die Broschüre von M. de Lasteyrie La déviation de l’axe des églises – est-elle symbolique?, in der der Autor, „Mitglied des Instituts und einer der prominentesten Vertreter der Schule“, die Titelfrage negativ beantwortete1. Zur gleichen Zeit verspottete Hermann Muthesius, wie wir bereits wissen, die englischen Architekten der früheren Generation, die in jedem Teil eines Kirchenbaus symbolische Bedeutungen vermuteten. Die Verantwortung für diese symbolische Ausrichtung der anglikanischen Architektur gab er der Ecclesiological Society, die nach seiner Ansicht „die Hände der Architekten in Fesseln gelegt und jede Weiterentwicklung des staatskirchlichen Grundrisses bis heute fast zu einer Unmöglichkeit gemacht [hat]“2. In einem Kommentar zu seinem Entwurf für eine Modellkirche auf dem alten Friedhof in Währing wies Otto Wagner darauf hin, dass die moderne Architektur die beschränkten finanziellen Mittel der Auftraggeber nicht außer Acht lassen könne3. So erklärte er: „der Kirchenraum der projektierten Kirche ist kreisförmig. Diese Form ermöglicht konstruktiv die geringste Mauerstärke bei größter Raumdisponierung“4. Der Architekt griff also Durands Idee auf. Die Kreisform hatte für ihn keinen symbolischen Charakter, sondern war bloß ökonomisch-technisch bedingt....

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.