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Interpassives Mittelalter?

Interpassivität in mediävistischer Diskussion

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Edited By Silvan Wagner

In diesem Band wird zum ersten Mal innerhalb der Mediävistik versucht, das vom Konzept des performative turn geprägte Bild vom interaktiven Mittelalter zu hinterfragen. Ausgangspunkt ist Robert Pfallers Entwurf eines interpassiven Aktionsmodus: Das Mittelalter wird hierbei eben nicht als interaktive Kultur gesehen, die politisch, religiös und literarisch von performativ-interaktiven Gruppenphänomenen gekennzeichnet ist. Vielmehr können Menschen, statt selbst zu agieren, Interaktion offenbar auch an andere delegieren, haben dabei aber dennoch in gewisser Weise Teil an dieser Interaktion. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Germanistik, Geschichtswissenschaft und Theologie untersuchen in den Beiträgen dieses Bandes, welche Konsequenzen sich daraus für das Bild vom interaktiven Mittelalter ergeben. Sie spiegeln die Ergebnisse einer interdisziplinären Fachtagung zum Thema «Interpassivität und Mediävistik» wider.
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Unerbetener Rat und stellvertretende Beschämung. Fiktion und Vermeidung von Kommunikation bei Kaiser Heinrich II. (1002-1024)

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0. Methodische Vorbemerkungen

Robert Pfallers Theorem der Interpassivität ist zuerst im Kontext einer kunstästhetischen Auseinandersetzung mit der interaktiven Dimension zeitgenössischer Kunst am Ende des 20. Jahrhunderts formuliert worden. Schon dieser Ansatz birgt ein kritisches Potential für alle kulturwissenschaftlichen Fragestellungen und Methoden, die in besonderer Weise mit Phänomenen der Kommunikation und Interaktion zu tun haben. Das soll im Folgenden am Beispiel einzelner Probleme der politischen Kultur und Quellenkritik des früheren Mittelalters erörtert werden. Die weitere Verortung des Theorems in ästhetischen, kulturphilosophischen und psychoanalytischen Konzepten1 kann dabei unberücksichtigt bleiben. Als Ausgangspunkt des Interpassivitäts-Theorems benennt Pfaller rückschauend die Vermutung, „daß es Kunstwerke gibt, welche die Betrachtenden nicht nur nicht zur Interaktion einladen, sondern ihnen darüber hinaus auch noch die ‚Passivität‘ des Betrachtens ersparen. War beim interaktiven Kunstwerk ein Teil der gestaltenden Aktivität vom Werk zu den Betrachtern gewandert, so wandert hier offensichtlich die ‚Passivität‘ des Betrachtens von den Betrachtenden zum Kunstwerk. Ein Gegen-Transfer also – eine echte ‚negative Größe‘ der Interaktivität war damit entdeckt. Wir haben vorgeschlagen, dieses Phänomen als Interpassivität zu bezeichnen“2.

„Interpassivität“ also als radikaler Gegenentwurf zur Interaktivität; Kunstwerke als kulturelle Artefakte, die gar nicht mehr in kommunikative Prozesse eingebunden sind, sondern gewissermaßen mit sich selbst kommunizieren und das Publikum von den Anstrengungen der Rezeption entlasten. Pfaller hat damit kulturelle Phänomene beschrieben, die sich der häufig unreflektiert ← 157 | 158 → vorausgesetzten Selbstverständlichkeit...

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