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Randzonen des Willens

Anthropologische und ethische Probleme von Entscheidungen in Grenzsituationen

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Edited By Thorsten Moos, Christoph Rehmann-Sutter and Christina Schües

Der Band untersucht anthropologische, psychologische, rechtliche und ethische Probleme des Willenskonzepts. Die Medizin führt Menschen in Grenzsituationen, in denen «ihr Wille» in vielerlei Hinsichten problematisch wird: Kinder sollen in die Durchführung medizinischer Maßnahmen einwilligen; Menschen mit Demenz können sich zu Therapien manchmal nicht mehr klar äußern; potentielle Teilnehmende einer klinischen Studie sind durch deren Komplexität überfordert, sollen aber zustimmen. Der Band fokussiert bewusst Randzonen, in denen nicht klar ist, was ein Wille ist und ob eine Willensäußerung vorliegt. An diesen Randbereichen wird besser als in thematischen Kernzonen sichtbar, was Idee und Praxis des Willens leisten und was sie verdecken. Daraus ergeben sich neue Fragen zur Problematik des Entscheidens und der Einwilligung in Grenzsituationen.
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II. Entscheidungskonstellationen

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II. Entscheidungskonstellationen

A) Die Gewebespende Minderjähriger

Wenn ein Kind an Leukämie erkrankt und, nach dem Fehlschlagen anderer Therapien, nur noch durch eine Blutstammzellspende gerettet werden kann, kann es sein, dass ein Geschwisterkind nicht nur als potentieller Spender infrage kommt, sondern auch aufgrund der genetischen Nähe die mit Abstand beste Spende abgeben könnte. Diese Lage stellt ein ethisches Dilemma dar: Auf der einen Seite erscheint die Belastung für das potentielle Spenderkind angesichts der lebensbedrohlichen Situation des Geschwisters vergleichsweise gering; andererseits würde hier ein medizinisch nicht indizierter, fremdnütziger Eingriff an einem gesunden Kind vorgenommen. Die gesetzliche Regelung sieht vor, dass auch der Wille eines nichteinwilligungsfähigen Kindes in dieser Situation beachtet werden soll. Was aber kann „Beachtung“ des Willens, etwa im Falle eines Kindes im Grundschulalter, heißen, inwieweit ist der so generierte Kindeswille in der Lage, das ethische Gewicht, das ihm beigemessen wird, zu tragen, und wie sollten Praktiken beschaffen sein, diesen Willen abzufordern?

Im Folgenden werden zunächst die medizinischen Hintergründe dargestellt, bevor das Problem aus unterschiedlichen ethischen Perspektiven diskutiert wird.