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Apologien Russlands

Ein russisch-deutsches Presse-Projekt (1820–1840) und dessen Gestalter Fedor I. Tjutčev und Friedrich L. Lindner

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Svetlana Kirschbaum

Ende der 1820er Jahre erschienen in einem der bedeutendsten Presseorgane Europas, der Augsburger Allgemeinen Zeitung, zahlreiche russlandkritische Artikel. Als Gegenreaktion engagierte die russische Gesandtschaft in München den renommierten Publizisten Friedrich L. Lindner, um das außenpolitische Ansehen Russlands wiederherzustellen. Die Autorin rekonstruiert den Verlauf dieser prorussischen Presse-Aktivitäten im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Unter Heranziehung von bislang unveröffentlichtem Archivmaterial wird untersucht, welche Rolle hierbei der bedeutende russische Dichter und Publizist Fedor Tjutˇcev, ein Mitarbeiter der Gesandtschaft, spielte. Im Mittelpunkt der Studie stehen die russlandapologetischen Konzepte Lindners und Tjutčevs, die aufgrund dieser Zusammenarbeit entstanden sind.
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3. Polnischer Aufstand (1830–1831)

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Die Reputation Russlands als Befreier Griechenlands vermag die philhellenisch eingestellten westeuropäischen Liberalen mit dem konservativen Russland mehr oder weniger zu versöhnen, so dass Heinrich Heine, einer der leidenschaftlichsten Vorkämpfer des Liberalismus, Nikolaj I. in seiner Reise von München nach Genua (1829) als einen „Gonfaloniere der Freyheit“ bezeichnen musste (s. Heine 1986, 71).1 Wie brüchig diese Versöhnung allerdings war, erwies sich gerade nach dem polnischen Aufstand von 1830–1831. Die Unterdrückung des Aufstandes durch die russische Armee hat eine neue Welle heftiger Russland-Kritik hervorgerufen:

Vor 1830 hatte die Unterstützung des griechischen Freiheitskampfes durch die zaristische Regierung die Sympathien des deutschen Bürgertums für Russland gefördert. Die Welle der Polenbegeisterung aber, die nach dem vom Zarismus2 erstickten polnischen Aufstand 1830–1831 Westeuropa erfasste, rief auch in Deutschland eine rußlandfeindliche Haltung hervor. (Raab 1964, 33)3

Das „despotische“ Zarenrussland, das den polnischen Aufstand unterdrückt hat, war für die europäischen Liberalen nicht mehr das gleiche „despotische“ Russland, das den griechischen Aufstand gegen die kulturell-religiösen Fremdherrschaft der Osmanen unterstützte. Der Novemberaufstand rief eine ideologische Konfrontation zwischen dem europäischen liberalen Lager und dem russischen „Despotismus“ hervor. Somit stand im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen Westeuropa und Russland nicht mehr eine Konfrontation der ← 99 | 100 → machtpolitischen Interessen, wie es zum Teil während des russisch-türkischen Krieges von 1828–1829 der Fall war: Die Euphorie der europäischen Philhellenen bezüglich der Wiedergeburt Griechenlands trat w...

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