Show Less
Restricted access

Literatur im sozialen Prozess des langen 19. Jahrhunderts

Zur Ideengeschichte und zur Sozialgeschichte der Literatur

Series:

Udo Köster

Schriftsteller beanspruchen im Prozess der Modernisierung eine wichtige Rolle als Verfasser von Dorfromanen, als nationale Propagandisten in den Befreiungskriegen, als Mitspieler in der Literatur der französischen Moderne (Heinrich Heine), als Träger des deutschen Nationalbewusstseins und als Begründer einer nationalen Staatlichkeit nach 1870. Der Band versammelt Arbeiten zur Sozialgeschichte der Literatur, unter anderem über Strategien der Bauernaufklärung, über kulturelle Stereotypen in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen, über Gender-Mythen und Mystifikationen im Vormärz, über den «französischen» Heine sowie über David Friedrich Strauß und die Rezeption der Religionsphilosophie Hegels; ferner geht es um Geschichtsbilder und die Mentalität der Gebildeten im Kaiserreich sowie um theoretische Fragen der Modernisierung und der literarischen Moderne um 1900.
Show Summary Details
Restricted access

4. Über das Verhältnis von Mythos und Geschichte am Beispiel der Bearbeitungen des Libussa­-Stoffes durch Brentano, Ebert, Mundt und Grillparzer

Extract

Bei seiner Lektüre der Böhmischen Chronik von Václav Hájek2 notierte Franz Grillparzer: „Merkwürdig ist, welche große Rolle in der alten böhmischen Geschichte die Weiber spielen. Ziemlich allgemein gilt jede ausgezeichnetere für eine Seherin“3. Bei Hájek fand Grillparzer den Stoff für sein Libussa-Drama, den vor ihm bereits Clemens Brentano bearbeitet hatte4. Auf Hájek greift Carl Egon Ebert in seinem Epos Wlasta5 zurück, und Hájek bildet die Folie für Theodor Mundts parodistische Auseinandersetzung mit Ebert, bei welcher der jungdeutsche Autor dem mythologischen Stoff eine saint-simonistische Emanzipationsphantasie unterschiebt. Allen diesen Varianten der Bearbeitung von Hájeks Chronik ist gemeinsam, dass sie ganz bewusst aus einer wenig glaubwürdigen Quelle schöpfen – Brentano spricht von dem „Fabelhans“6 Hájek –, um im Medium eines phantastischen Geschehens Tabugrenzen im Themenkreis ← 85 | 86 → von Geschlecht und Herrschaft zu überschreiten. Die mythische Distanz erlaubt, die Normen von Ehe, Eigentum und patriarchalischer Herrschaft literarisch zur Disposition zu stellen und im Spielen mit einer neuen Ordnung der Geschlechterbeziehungen Zukunftsperspektiven diskursfähig zu machen, die als Themen der Gegenwart nicht zur Sprache gebracht werden könnten. Das gilt für die Gestaltung des Stoffes durch einen genuinen Romantiker wie Brentano nicht weniger als für den biedermeierlichen Ebert, für Franz Grillparzer (der das Stück nicht aus der Schublade heraus ließ) und für Theodor Mundt, der ihn für eine jungdeutsche Phantasie umschrieb. Sie alle spielen mit dem visionären Potential von Mythen,...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.