Show Less
Restricted access

Literatur im sozialen Prozess des langen 19. Jahrhunderts

Zur Ideengeschichte und zur Sozialgeschichte der Literatur

Series:

Udo Köster

Schriftsteller beanspruchen im Prozess der Modernisierung eine wichtige Rolle als Verfasser von Dorfromanen, als nationale Propagandisten in den Befreiungskriegen, als Mitspieler in der Literatur der französischen Moderne (Heinrich Heine), als Träger des deutschen Nationalbewusstseins und als Begründer einer nationalen Staatlichkeit nach 1870. Der Band versammelt Arbeiten zur Sozialgeschichte der Literatur, unter anderem über Strategien der Bauernaufklärung, über kulturelle Stereotypen in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen, über Gender-Mythen und Mystifikationen im Vormärz, über den «französischen» Heine sowie über David Friedrich Strauß und die Rezeption der Religionsphilosophie Hegels; ferner geht es um Geschichtsbilder und die Mentalität der Gebildeten im Kaiserreich sowie um theoretische Fragen der Modernisierung und der literarischen Moderne um 1900.
Show Summary Details
Restricted access

17. Dekadenzliteratur und Ästhetizismus

Extract

Der Begriff der Dekadenzliteratur ist neben dem Begriff Impressionismus eine der ältesten Bezeichnungen für die Literatur der Jahrhundertwende. Unter diesem Titel wird der Abschnitt von 1890 bis 1910 zum Beispiel im „Reallexikon“1 abgehandelt; aber auch in der neueren DDR-Literaturgeschichte spielt die Dekadenzthematik eine prominente Rolle. Außerdem war der Dekadenzbegriff eines der bevorzugten Konzepte der völkischen Germanistik der 30er Jahre. Es handelt sich um ein ideologisiertes Konzept, das man kaum unbefangen benutzen kann. In der westdeutschen Germanistik ist der Begriff aufgrund seiner ideologischen Kompromittiertheit etwas verblasst. Wenn er benutzt wird - und man kann darauf nicht immer verzichten, weil er in der zeitgenössischen Diskussion verwendet wird und bestimmte sachliche Zusammenhänge bezeichnet - dann meist in der ursprünglichen französischen Form, also als „décadence“. Damit wird die historische Begrenzung des Begriffs auf seinen Ursprungsort unterstrichen.

Mit dem Dekadenzbegriff verbunden ist eines der heikelsten Konzepte zur Erklärung historischer Zusammenhänge. Dekadenz bedeutet Verfall, Niedergang. Dabei klingt in diesem Begriff die Vorstellung von biologischem Niedergang, von krankhafter Fehlentwicklung, von Entartung mit. Es ist ein abwertender Begriff mit aggressiven politischen Nebentönen. Wie die meisten Bezeichnungen der Literatur der Jahrhundertwende stammt der Dekadenzbegriff aus Frankreich. Die früheste Verwendung im Sinne einer historischen Kategorie findet sich bei Bossuet, also bei einem religiösen Schriftsteller des 17. Jahrhunderts. Entscheidend für den späteren Gebrauch wurden Montesquieus Considérations sur les causes de la grandeur des romains et leur décadence2. Das Buch erschien 1734,...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.