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Literaturkritik ohne Sprachkritik?

Theodor Fontane, Alfred Kerr, Karlheinz Deschner, Marcel Reich-Ranicki und Kollegen

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Nicole Kaminski

Das Buch hat überhaupt keine Sprache! Mit diesem Urteil einer prominenten Kritikerin lassen sich viele Rezensionen überschreiben: Literatur- und Theaterkritiker enthalten sich oft einer Bewertung der Sprache – das gilt für berühmte Kritiker aus dem 19. Jahrhundert, wie Theodor Fontane oder Alfred Kerr, ebenso wie für Marcel Reich-Ranicki und seine Kollegen. Nach welchen Kriterien bewertet Fontane die Sprache? Warum kritisiert Reich-Ranicki die Sprache so selten? Wodurch werden Sprachbewertungen verdrängt? Die Autorin analysiert über 1550 Rezensionen aus Tages- und Wochenzeitungen, Literaturzeitschriften und Essaysammlungen. Durch die Kategorisierung und Auswertung der zahlreichen Sprachurteile gelingt es ihr, generelle Tendenzen der Literaturkritik und ihres Verhältnisses zur Sprachfrage aufzuzeigen.
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2 „Th.F.“ – der Berliner Theaterkritiker Theodor Fontane

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← 22 | 23 → „Die Dienerin des Hauses […]fertigte schon im Treppenflurstörenden Besuch mit demgeflüsterten Scheuchwort ab:‚Der Herr hat heute Kritik‘.

Paul Schlenther29

„Th.F.“, der einst als „Theaterfremdling“ verspottete Theodor Fontane, ist heute nicht nur durch seine vielfach übersetzten Gesellschaftsromane berühmt. Auch seine Theaterkritiken sind mittlerweile „allen, mit dem Begriff der Schauspielkunst verbundenen Menschen, zur unerschöpflichen Quelle reicher Belehrung und Erquickung“ geworden, so Bertha Schemann. Er habe, erklärt Schemann, als „einziger von der Zunft der Theaterkritiker seine Zeit“ überlebt.30 Ebenso urteilt Ehm Welk über den, zu Lebzeiten „als der alte Mann, der nichts vom Theater versteht,“ verkannten Fontane, der heute „der einzige seine Zeit überdauernde Theaterkritiker“ sei.31

Auch Rainer Bohn ist überzeugt: „Führte man heute unter Theatermachern und Theaterkritikern eine Umfrage durch, welche der überkommenen Dokumente über das Theater früherer Jahrhunderte für die gegenwärtige Praxis von größter Bedeutung sind, würden ganz gewiß zwei Namen immer wieder auftauchen: Gotthold Ephraim Lessing und Theodor Fontane.“32 Und Gotthard Erler bescheinigt dem Romancier, der über ← 23 | 24 → 20 Jahre Kritiken verfasst hat, er habe „damit ein viel zu wenig bekanntes Kapitel […] deutscher Theatergeschichte fixiert, das in der Geschichte der Kritik einen unverwechselbaren Platz einnimmt – nach Lessing und Börne und vor Kerr und (meinetwegen) Reich-Ranicki.“33

Diese Liste der Lobeshymnen ließe sich noch lange fortsetzen. Ob Theodor Fontane tatsächlich eine solche Ausnahmestellung in der Geschichte der Kritik zukommt oder ob er gar den...

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