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Norm als Zwang, Pflicht und Traum

Normierende versus individualisierende Bestrebungen in der Medizin – Festschrift zum 60. Geburtstag von Heinz-Peter Schmiedebach

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Edited By Eva Brinkschulte and Mariacarla Gadebusch Bondio

Erklärte Ziele der Medizin sind Wiederherstellung, Erhaltung sowie Förderung der psychischen und physischen Gesundheit. Dabei wird in der alltäglichen Praxis oft die Grenzziehung zwischen dem «Normalen» und dem «Pathologischen» unreflektiert vorgenommen. Der Band ist der interdisziplinären Aufarbeitung von medizinischen Normierungsdiskursen und -praktiken vom 19. bis 21. Jahrhundert gewidmet. In den Beiträgen werden die Bestrebungen, normale bzw. durchschnittliche medizinische Werte zu definieren, ausgelotet: Von der gesundheitspolitischen Normierung der Gesundheit bis zu den Visionen einer anzustrebenden gesunden «Normalität», deren Grenzen heute durch die Optimierungspraktiken der wunscherfüllenden Medizin verwischt sind.
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Außerhalb der Norm – Fragen zum Umgang mit der Unverfügbarkeit schwerstbehinderter Patienten

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Abstract Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen neurologisch schwerstbehinderte Patienten mit der Diagnose „Wachkoma“. Aus beziehungstheoretischer Sicht ist ihr wesentliches Merkmal das der Unerreichbarkeit und Unverstehbarkeit von außen. Beobachtungen von Betreuenden, die auf eine Erlebensfähigkeit des Patienten hinweisen, können nur mit einer großen Irrtumswahrscheinlichkeit interpretiert werden. Der Umgang mit dem Unverstandenen fordert Verstehensformen, die im Anschluss an die Phänomenologie Karl Jaspers um ein existentielles Verstehen des Gegenübers bemüht sind. Es beinhaltet die Bereitschaft zum Perspektivwechsel mit Bezugnahme zur Innenwelt des anderen sowie empathische Einfühlung. Aus diesem Vorgehen resultiert ein „essayistisches“ Bild von der Lebenswirklichkeit des Menschen im Wachkoma. Es ermöglicht die Formulierung von Behandlungsansätzen, um die das bestehende Therapiespektrum für diese Patienten erweitert werden kann. Ein Beispiel daraus wird anhand einer Kasuistik vorgestellt.

„Der Patient liegt wach da mit offenen Augen. Der Blick starrt geradeaus und gleitet ohne Fixationspunkte verständnislos hin und her. Auch der Versuch, die Aufmerksamkeit hinzulenken, gelingt nicht oder höchstens spurweise. Ansprechen, Anfassen erweckt keinen sinnvollen Widerhall […]. Trotz Wachsein ist der Patient unfähig zu sprechen, zu erkennen, sinnvolle Handlungsformen erlernter Art durchzuführen. Dagegen bleiben bestimmte vegetative Elementarfunktionen wie etwa das Schlucken erhalten. Daneben treten die bekannten frühen Tiefenreflexe (motorische Primitiv-Reaktionen) hervor.“1

Mit diesen Worten beschreibt Ernst Kretschmer (1888–1964) im Jahre 1940 erstmals in der Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie ← 183 | 184 → das Krankheitsbild des apallischen Syndroms. Es ist gekennzeichnet durch den...

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