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Robert Schumann / Adelbert von Chamisso: «Frauenliebe und -leben»

Interpretation und Analyse

Hans-Udo Kreuels

Hat Schumanns Liederzyklus in unserer heutigen Musikkultur noch eine Daseinsberechtigung? Sind wir heute, wo sich unser Frauenbild gegenüber dem Biedermeier geradezu umgekehrt hat, nicht dazu angehalten, uns mit demjenigen des 19. Jahrhunderts historisch vertraut zu machen? Nicht das Was, das faktische Geschehen im Lebensbogen von Frauenliebe und -leben, sondern das Wie, die Qualität persönlicher Hingabe, ist das psychosensitive Material, welches dem Gedichtzyklus und besonders der Musik Schumanns eine unvergleichliche Sonderstellung einräumt. Neue Forschungsergebnisse werfen ein ganz anderes Licht auf die innere Logik des Liederzyklus. Das Buch legt zudem eine faszinierende Verflechtung von Motivik, Submotivik, Ansätzen von Leitmotivik und einem Spiel mit multiplen Symmetrien offen, welche diese Einheit gewährleisten. Ist es die gegenüber anderen Liederzyklen unerreichte Prägnanz einer neunteiligen Liederfolge, oder ist es ihre unverwechselbare emotionale Aura, die den Hörer – trotz geistiger Vorbehalte – in den Bann zieht? Die musikalische Analyse gibt ebenso Antworten zu psychologischen Wechselwirkungen wie zu musikalischen Wirkungsweisen und Interpretationsansätzen.
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Die Lieder Schumanns im Einzelnen

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(Larghetto. ¾-Takt, Tonart B-Dur, 36 Takte)

Was will die stockende Klavierbegleitung vermitteln? Sie suggeriert insgesamt einen verstörten, unsicheren und verunsichernden Sarabanden-Schritt. Die Sarabande, von ihrer Herkunft her ein schneller, oftmals als obszön bezeichneter spanischer Tanz, etablierte sich in England, Frankreich und Italien (Vivaldi) schließlich als langsame Tanzform (grave). Auch die Nähe zum Tode ist bei diesem Tanz belegt, da dieser in lieblicher Weise den Übergang erleichtern sollte. So haben wir allein schon aufgrund der Entstehungsgeschichte der Sarabande eine in diesem Lied Sinngebende Mehrdeutigkeit oder auch changierende Charakteristik des Sarabanden-Rhythmus, weshalb Schumann ihn bewusst oder unbewusst zum labilen Bewegungsfundament seines Eingangsliedes wählt!

Diese Mehrdeutigkeit von Feierlichkeit, nicht selten einhergehend mit großem Ernst oder auch erotisch sinnlicher Eleganz, – dann wiederum von gravitätischer Selbstsicherheit in zuweilen extremem inhaltlichem Kontrast zu Kargheit und Stagnation – schlägt sich schon in manch klassischen Werken nieder. Besonders Franz Schubert (aber vor und mit ihm auch Beethoven) hat in der Winterreise und in anderen Liedern die Mehrdeutigkeit der Sarabanden-Charaktere auf höchst persönliche Weise ausgewertet.

Sollte sich hinter dieser von Schumann gewählten Bewegung noch mehr ver-bergen? Sei es ein gesamtes Lebensmodell, eine schicksalhafte Vision oder einfach ein Lebenspfad, der dem menschlichen Leben zugeordnet ist, ohne dass dieser dessen propädeutische Folgerichtigkeit erkennt? Man könnte auch in dieser Herangehensweise den Philosophen Schumann erkennen, der das Haiku (eines unbekannten fernöstlichen Dichters) über die Liebe anscheinend sehr wohl verstanden hat (?):

„Wer hat...

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