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Heimatverlust in historischen und zeitgeschichtlichen Jugendromanen der Gegenwart über Auswanderung, Flucht und Vertreibung

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Sibylle Nagel

In historischen und zeitgeschichtlichen Jugendromanen über Auswanderung, Flucht und Vertreibung, soweit in den letzten Jahren erschienen, spielt das Thema des Heimatverlustes eine zentrale Rolle. Es geht in diesen Texten allerdings um mehr als nur den äußeren Vorgang des Reisens oder der Migration; sie lassen sich auch als verkappte Schilderungen eines inneren Vorgangs, einer psychischen Entwicklung lesen. Sie handeln nicht zuletzt auch vom Verlassen der Kindheit, von der Bewältigung der Adoleszenz und von der Erreichung bzw. der Verfehlung eines reifen Erwachsenenstatus. Wir haben es in gewissem Ausmaß stets auch mit psychologischen, mit Entwicklungsromanen zu tun. Der wie immer sentimental aufgeladene Rückblick auf die Heimat gilt im Grunde genommen der verlorenen Kindheit. Die Arbeit deckt einen Mechanismus der doppelten Bedeutung auf, der für viele andere Jugendromane charakteristisch ist, die auf den ersten Blick frei von aller (Entwicklungs-)Psychologie sind.
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2. Zur Bestimmung von Heimatverlust und Heimatgewinn

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Auswanderung und Flucht spielen sich in religiösen Erzählungen und Schriften in der als real vorgestellten Welt ab. Biblische Geschichten bspw. erzählen von Kain, der von Gott zur ruhelosen Wanderung verurteilt wird, nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hat (Gen 4, 12: „Rast- und ruhelos wirst du auf der Erde sein.“). Das Alte Testament berichtet von den Stämmen des Volkes Israel, von deren Wanderung und Exil. Der Bericht über die ägyptische Versklavung und Rückkehr des jüdischen Volkes bspw. beginnt im Buch Genesis (Gen 37,1–50) und wird im Buch Exodus mit dem Auszug der Israeliten aus Ägypten vollendet (Ex 12 ff.). Moses wird das Volk Israel in das dem Abraham verheißene Land, ein irdisches Paradies, führen, das im Alten Testament als geografischer Ort mit einer Fülle von Namen bezeichnet wird (vgl. Bohn 1965, 67 ff.). In der Geschichtsschreibung der Muslime markiert das Jahr 622 n. Chr. als Jahr der Hidschra, der (historischen) Auswanderung aus Mekka nach Medina, den Beginn der Zeitrechnung (De Vitray-Meyerovitch 19823). Als eine der fünf Säulen der islamischen Religion und als Glaubensritus gläubiger Moslems soll die muslimische (Aus-)Wanderung in umgekehrter Richtung als Mekka-Wallfahrt mindestens einmal im Leben nachvollzogen werden. Und erwähnt sei noch – ergänzend zu den Ausführungen hinsichtlich der drei monotheistischen Religionen –, dass auch Buddhisten den Mythos der Wanderung kennen, ihm möglicherweise jedoch eine andere Bedeutung zumessen und nicht mit einem Heimatverlustmotiv in Verbindung bringen. So soll bspw. das buddhistische...

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