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Die Inszenierung der Nation

Das Kaiserreich Brasilien im Zeitalter der Weltausstellungen

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Sven Schuster

Das Buch erforscht die Beteiligung Brasiliens an den Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts, mit denen das tropische Kaiserreich potenzielle Einwanderer und Investoren ködern wollte. Die Inszenierung einer modernen Nation im Ausland hatte nur wenig mit der von wirtschaftlicher Rückständigkeit und Sklaverei geprägten Realität gemein. So konnten die idealisierten Exponate in den Ausstellungspavillons die Spannungen im Inneren des Kaiserreichs nur bedingt verdecken. Auf den Weltausstellungen wird somit in kondensierter Form sichtbar, welche Widersprüche sich im Nationsbildungsprozess auftaten, welche globalen Einflüsse dabei eine Rolle spielten und wie bis heute nachwirkende kollektive Selbst- und Fremdbilder entstanden.
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2.4 »Befreite Sklaven« und »gezähmte Wilde«

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2.4»Befreite Sklaven« und »gezähmte Wilde«

Wie bereits angesprochen, war die Ausstellung von Philadelphia stärker von Rassediskursen durchdrungen als ihre Vorgängerinnen. Dies spiegelte sich zum einen in der Aufteilung der Weltregionen nach »Rassen«, zum anderen im Klassifizierungsschema selbst wider. Im Einklang mit den seit Beginn der 1870er Jahre an Vehemenz gewinnenden Rassetheorien stand für das Kaiserreich Brasilien die Frage nach der Bevölkerungsentwicklung an erster Stelle. Geleitet von der Vorstellung, dass die »Rasse« als biologische Grundlage der Nation durch die »richtige« Steuerung der Einwanderung »verbessert« werden könnte, betonten die Ausstellungsmacher in Philadelphia stärker als je zuvor die Bedeutung der Einwanderung. Dass die Ausstellung in den USA, also in einem als fortschrittlich empfundenen Land, dessen Bevölkerung überwiegend aus europäischen Einwanderern bestand, stattfand, wurde dabei als besonderer Ansporn empfunden.817 So heißt es etwa im offiziellen brasilianischen Ausstellungsführer in Bezug auf die gesetzlichen Grundlagen der Einwanderungspolitik, dass Brasilien sich hier den US-amerikanischen Homestead Act von 1862 zum Vorbild genommen habe.818 Demnach sei es in Brasilien ohne weiteres möglich, in den frontier-Gebieten Land zu erwerben.

In Wirklichkeit handelte es sich bei dieser Feststellung jedoch um einen Anachronismus, da die brasilianische Lei de Terras bereits 1850 erlassen worden war, jedoch ohne zunächst den erhofften Erfolg zu verzeichnen. Obwohl dem Gesetz folgend Land nur noch durch Kauf erworben werden konnte, wodurch zukünftige Einwanderer kontrolliert in den Besitz von Land gelangen sollten, kam es in der Praxis zu zahlreichen Konflikten...

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