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Leidenschaft und Ordnung

Romantiker und Realisten – Über deutsche Dichtungen 8

Wolfgang Wittkowski

Manche Romantiker drücken Leidenschaft und deren Bändigung mit musikartigen Mitteln aus – hier Friedrich Schlegel und E.T.A. Hoffmann. Die psychologisch versierten Realisten tun es durch den rhythmischen Atem des Erzählens, des Dramas; ferner mit Skepsis, Resignation, Humor, den unvermeidlichen Konsequenzen: Keller, Raabe, Fontane – oder auch durch Kunst: Eichendorff und Mörike. Verhalten beschwört Stifter den Vulkanismus der Herzen und den Rückschlag der natürlichen Gesetze. Schockiert wird das Biedermeier-Bild durch Jedermannsfiguren, geliefert von dem Agnostiker Grillparzer in der Perspektive der Welttheaterbühne, von der katholischen Droste-Hülshoff und dem pietistischen Protestanten Büchner. In zunehmend glaubensloser Zeit verweisen alle drei mit versteckten Signalen der Liturgie auf den Sinn der umstrittenen Schlüsse.
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Der andere Eichendorff: Das Schloß Dürande

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Eichendorffs Revolutionsnovelle fand letzthin wiederholt Interesse. Hel­mut Koopmann gab 1970 den Anstoß.1 Weitgehend in Übereinstimmung mit Arbeiten, die er selbst angeregt hatte,2 trug er 1989, zur 200. Wieder­kehr der Französischen Revolution, seine einstige These noch entschiede­ner und detaillierter vor.3 Die Novelle decke die Ursache jener und aller Revolutionen auf: den in der Geschichte sich immer wiederholenden Glaubensverlust, die Folge des sich absolut setzenden subjektiven Ver­standes.

„Seelengeschichte“4 also; Mentalitätsgeschichte. Sie gleicht aufs Haar der Glaubensgeschichte der Existentialgermanistik nach den Weltkriegen: jenem Verlust der Mitte, hier sogar veranschaulicht an einem Lieblingsthema um 1970, dem kleistischen Versagen des Vertrauens – Ausdruck letztlich für religiösen Zweifel an Menschen, Gott und Obrig­keit.

All das gibt sich emphatisch als der wahre, „Der andere Eichendorff,“ auf dessen „Christsein“ und poetische Hintergründigkeit Gerhard Möbus 1960 hinzuweisen nötig fand.5 Im einzelnen setzt Möbus die Akzente je­doch anders, z.B. im Falle Kleists, an den die Kohlhaasfigur des Renald bis in wortwörtliche Anklänge erinnert. Gewiß hat Eichendorff, der Kleist noch persönlich kennenlernte, dessen „gänzliche[n] Mangel an religiösem Glauben“ beklagt. Zugleich und vor allem jedoch zollte er, wie Möbus betont, Kleists „stolzem Ekel an einer Zeit, die ihm des Lebens unwürdig schien,“ verständnisvolle Hochachtung.

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