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Fünfzig deutsche Gedichte des 20. Jahrhunderts, textnah interpretiert

Von Stefan George bis Ulla Hahn

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Christoff Neumeister

An fünfzig lyrischen Gedichten deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts wird eine Methode textnaher Interpretation vorgeführt. Grundlage ist dabei immer eine genaue sprachliche Analyse des betreffenden Textes, wobei auch die von ihm suggerierte Kommunikationssituation, sein Aussage-, Ausdrucks- und Appellcharakter sowie sein durch bestimmte Hervorhebungsmittel erzeugtes Wichtigkeitsrelief berücksichtigt werden. In der Regel wird auch die Lebenssituation des Autors, aus der das Gedicht hervorgegangen ist, in die Betrachtung mit einbezogen. Das Ergebnis erhebt nicht den Anspruch, die allein richtige Interpretation zu sein, wohl aber den, sich konsequent innerhalb des durch den Textbefund gesetzten Verständnisrahmens zu halten und insofern einen diesem angemessenen Deutungsvorschlag zu machen.
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2 George: Leo X

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Das zweite Gedicht, das hier besprochen werden soll, ist weniger bekannt.1 Ich habe es ausgewählt, weil es etwas für George überaus Charakteristisches decouvrierend zum Vorschein bringt. Es findet sich in der ersten, „Zeitgedichte“ betitelten Abteilung der Sammlung „Der siebente Ring“ (Privatdruck 1907, erste öffentliche Ausgabe 1909), in deren vierter Abteilung im übrigen dann auch „Maximin“ gefeiert wird, ein von George zu einer Art neuem Heiland hochstilisierter früh verstorbener Münchener Gymnasiast namens Max Kronberger.

Georges tief in seinem Charakter angelegtes Bedürfnis, sich als Führer einer ihm bedingungslos ergebenen Gefolgschaft fühlen zu können, hatte sich, wie schon dargestellt, zunächst in dem Anspruch konkretisiert, als Dichterfürst nach dem Vorbild Mallarmés eine Erneuerung der deutschen Dichtung einzuleiten. Er sammelte Freunde um sich, die diesen seinen Führungsanspruch akzeptierten – und wer sich ihm nicht bedingungslos unterordnete, wurde früher oder später aus dem Kreis ausgeschlossen – und stilisierte sich im Umgang mit seinen Anhängern, aber auch in seinem Auftreten vor der Öffentlichkeit immer deutlicher und konsequenter als der berufene Meister. Diese Stilisierung ging bis in die kleinsten Einzelheiten:2 Sie bestimmte seine äußere Aufmachung (Frisur und Kleidung), die Posen, in denen er sich bildnerisch, graphisch oder photographisch abbilden ließ, das Ambiente, das er für seine Auftritte wählte, die Sprechweise, in der er seine Werke selbst vortrug oder von anderen vorgetragen haben wollte (weihevoll psalmodierend), die Form, in der er sie veröffentlichen ließ (auf Büttenpapier, mit Zierleisten...

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