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Mutter- und Vaterbilder im Familienrecht des BGB 1900–2010

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Moritz Hinz

Die Normen des Bürgerlichen Gesetzbuchs über die Rechtsstellung von Müttern und Vätern im Bereich des Rechts der elterlichen Sorge beruhen zum Teil auf stereotypen Rollenbildern und tradierten Funktionszuschreibungen. Die langlebigsten Vorstellungen bestimmter Charaktere finden sich im Nichtehelichenrecht. Der Autor zeichnet die Entwicklung der Mutter- und Vaterbilder sowohl im Bereich des ehelichen wie auch des nichtehelichen Kindschaftsrechts in historischen Zeitabschnitten nach. Die Untersuchung beginnt mit den Grundlagen des modernen deutschen Familienrechts in der Aufklärung und folgt der Entwicklung über das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik, die nationalsozialistische Periode bis in die heutige Bundesrepublik. Detailliert untersucht werden dabei die jeweils geltenden Normen, Gesetzesmaterialien, die Rechtsprechung sowie ein breites Spektrum zeitgenössischer rechtswissenschaftlicher Literatur. Der Autor nimmt Stellung zu alten und neuen Stereotypen im Familienrecht wie denen des Zahlvaters und des an seinem nichtehelichen Kinde desinteressierten Vaters und zum Bestehen eines Muttermythos.
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A. Grundlagen der Vater- und Mutterbilder im modernen deutschen Familienrecht

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Soweit die Entwicklung des modernen deutschen Familienrechts von der Debatte um die rechtliche Ungleichheit von Mutter und Vater innerhalb und außerhalb der Ehe sowie über deren Begründung geprägt ist, findet diese ihren Ursprung in den Idealen und Begriffen der Aufklärung.

Das Zeitalter der Aufklärung in Europa umfasste einen Zeitraum vom 17. bis zum 18. Jahrhundert und war von dem Bestreben gekennzeichnet, die aus dem Mittelalter überkommene Vorstellung einer die Welt beherrschenden übernatürlichen Ordnung zugunsten einer Weltanschauung zu überwinden, die einzig an der menschlichen Vernunft orientiert sein sollte.14 Fundiert wurde dieser neue Vernunftglaube durch die mathematisch-naturwissenschaftliche Methode des Rationalismus, den die Denker der Frühaufklärung wie Galilei, Newton, Leibniz und Descartes am Anfang des 17. Jahrhunderts begründet hatten.15 Die seit der Antike das abendländische Denken beeinflussende Lehre vom Naturrecht entwickelte unter dem Einfluss aufklärerischen Denkens seine an diesem Rationalismus orientierte Ausprägung: das Vernunftrecht.16

Grundlage dieses Rechtssystems ist das Erbe des hergebrachten Naturrechts. Hierzu gehören zunächst der universale Geltungsanspruch, die Sicht auf den Menschen als vernunftbegabtes, soziales und hilfsbedürftiges Wesen und ein formaler Rationalismus der Rechtsfindung und Beweisführung.17 Weiter kennzeichnet das Vernunftrecht ein weitgehend säkularer Zug durch eine Ablösung von der Moraltheologie und Entwicklung einer eigenen Sozialethik.18 Seine ← 25 | 26 → Beweisführung basierte auf dem gedanklichen Modell des Naturzustands und eines daran anknüpfenden Gesellschaftsvertrags.

Ausgangspunkt war ein gedachter Naturzustand, in dem alle Menschen frei und gleich an Rechten...

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