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Von Freinet zu Freud: Die institutionelle Pädagogik von Fernand Oury

Übersetzt von Renate Kock und Erdmuthe Mouchet unter Mitwirkung von Claude Mouchet

Claude Mouchet and Raymond Bénévent

Das Buch widmet sich Fernand Oury (1920–1998), einem der bedeutendsten französischen Pädagogen des 20. Jahrhunderts, der jedoch in Deutschland so gut wie unbekannt ist. Originell und innovativ, führte er das von Célestin Freinet entwickelte pädagogische Konzept weiter und wendete es in den sogenannten Kasernen-Schulen der Pariser Nachkriegszeit an. Parallel dazu orientierte er sich an Freud, um unbewusste Phänomene in Schulklassen aufzuspüren. Die Autoren stellen die einzelnen Lebensetappen Ourys vor und gehen auch auf seine kämpferischen Auseinandersetzungen mit traditionellen Vorstellungen ein. Ihr Buch stellt die Hauptbegriffe der institutionellen Pädagogik vor und veranschaulicht die von Oury «Institutionen» genannten Neuerungen anhand von Beispielen aus seiner Schulpraxis und Äußerungen.
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Kapitel 4. Fernand Oury und das Unbewusste: Von der persönlichen Entscheidung zur beruflichen Überzeugung (1949–1962)

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1. Der Mensch Fernand Oury und die Psychoanalyse

Es ist eine Tatsache: Fernand Oury unternimmt mit Jacques Lacan im Jahr 1949 eine Psychoanalyse, die mehrere Jahre hindurch dauert. Haben wir Indizien, die uns ermöglichen, den Sinn dieser Entscheidung zu verstehen? Von all seinen näheren Bekannten werden die schon in der Jugend bestehende Unbeugsamkeit Ourys in seinen Überzeugungen, seine Impulsivität und vor allem seine hin und wieder spektakuläre Gewalttätigkeit bestätigt. Jean Oury erwähnt in seinen Kindheitserinnerungen die großen Konflikte zwischen Fernand und seinem jüngeren Bruder Paul in den 30er Jahren. Jean und Joëlle Oury, Fernands Tochter, erklären diese heftigen Auseinandersetzungen, die bis zu Handgreiflichkeiten gingen, durch die Tatsache, dass Fernand der Ältere war, und der Vater im Hintergrund blieb. Diese Rolle des Ältesten, zwar reich an narzisstischem Gewinn, konnte dennoch nach einem klassischen Schema in vielen Geschwisterkonstellationen wie eine zu schwere Last empfunden werden.

Zwanzig Jahre gingen ins Land. Im September 1947 kommt Jean Oury als Assistenzarzt nach Saint-Alban, in ein psychiatrisches Asyl französischer Tradition, welches seit 1936 einen neuen Direktor hatte, nämlich Paul Balvet. Von der Notwendigkeit der Humanisierung von psychiatrischen Anstalten überzeugt unternimmt er Reformen und rekrutiert im Januar 1940 den katalanischen Psychiater François Tosquelles, eine untypische Persönlichkeit, die schon viele tragische Episoden des spanischen Bürgerkrieges durchlebt hatte.

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