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Antisemitismus im Reichstag

Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik

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Susanne Wein

Die Studie untersucht erstmals judenfeindliche Äußerungen im Reichstag der Weimarer Republik und weist nach, dass Antisemitismus ein relevantes Deutungsmuster darstellte. Aus zahlreichen Beispielen der Themenfelder Ostjudendebatten, Barmat-Skandal und Reparationen sowie anhand des Umgangs mit Abgeordneten jüdischer Herkunft erarbeitet das Buch eine Sprache der Judenfeindschaft von manifester Propaganda bis hin zu kulturell eingeschriebenen Wendungen. Der antisemitischen Agitation der Rechtsextremen und den codierten Sprachmustern der Rechten stehen entweder ausbleibende oder zunehmend erlahmende Reaktionen der bürgerlichen und linken Parteien gegenüber. Sie verdeutlichen einen Mangel an Sensibilität für die Macht des Wortes und weisen auf ein Versagen von Teilen der Öffentlichkeit hin.
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I. Weimarer Reichstag und Judenfeindschaft – Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Diskontinuität

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Spätestens seit Oktober 1918, als die militärische Niederlage offensichtlich wurde, brodelte es in der desillusionierten, kriegsmüden Gesellschaft und aufgrund der angespannten sozialen Lage in der Bevölkerung.224 Reichskanzler Prinz Max von Baden bildete erstmals unter Einbeziehung der Sozialdemokratie eine parlamentarisch getragene Regierung. Er versuchte Kaiser Wilhelm II. zur Abdankung zu bewegen. Nach der Meuterei in Kiel sowie Massendemonstrationen in Berlin und anderen Städten gab der Reichskanzler am 9. November 1918 schließlich eigenmächtig die Demission des Monarchen bekannt. Dieser soll sechs Tage zuvor geschrieben haben: „Ich denke gar nicht daran wegen der paar 100 Juden und der 1000 Arbeiter den Thron zu verlassen“.225

In der politischen Linken existierte ein breites Spektrum von Auffassungen über die Gestaltung der verkündeten Republik, wovon augenfällig ihre zweifache Ausrufung durch Philipp Scheidemann (MSPD) und Karl Liebknecht (Spartakusgruppe) zeugt.226 Friedrich Ebert (MSPD), dem als Fraktionsführer die Amtsgeschäfte übertragen wurden, hätte gerne Prinz Max vorübergehend als Staatsoberhaupt gehabt und vereinzelt waren SPDler einer konstitutionellen Monarchie nicht abgeneigt. Auf der anderen Seite nötigte der Rückhalt, den die abgespaltene Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) bei den revolutionären Arbeiter- und Soldatenräten hatte, die MSPD zur Zusammenarbeit, so dass ein sechsköpfiger paritätisch besetzter Rat der Volksbeauftragten mit Ebert gebildet wurde.

In der folgenden „Zeit der Entscheidungen“,227 die mit den Absprachen zwischen Ebert und der Reichswehr zur Versicherung der Unterstützung des Heeres für die Republik und zur...

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