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Antisemitismus im Reichstag

Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik

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Susanne Wein

Die Studie untersucht erstmals judenfeindliche Äußerungen im Reichstag der Weimarer Republik und weist nach, dass Antisemitismus ein relevantes Deutungsmuster darstellte. Aus zahlreichen Beispielen der Themenfelder Ostjudendebatten, Barmat-Skandal und Reparationen sowie anhand des Umgangs mit Abgeordneten jüdischer Herkunft erarbeitet das Buch eine Sprache der Judenfeindschaft von manifester Propaganda bis hin zu kulturell eingeschriebenen Wendungen. Der antisemitischen Agitation der Rechtsextremen und den codierten Sprachmustern der Rechten stehen entweder ausbleibende oder zunehmend erlahmende Reaktionen der bürgerlichen und linken Parteien gegenüber. Sie verdeutlichen einen Mangel an Sensibilität für die Macht des Wortes und weisen auf ein Versagen von Teilen der Öffentlichkeit hin.
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II. Die Weimarer Parteien zur ‚jüdischen Frage‘

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Ebenso wie der Ort war auch das Parteiensystem durch ein komplexes Spannungsverhältnis zwischen Kontinuität und Diskontinuität gekennzeichnet.414

Zur Kontinuitätslinie gehörte, dass nicht wenige Politiker von der Kaiserzeit geprägt waren. Von den 423 Abgeordneten der Nationalversammlung hatten 193 bereits dem konstitutionellen Reichstag des Kaiserreichs angehört.415 Nicht zuletzt deshalb hatten die Parteien meist Schwierigkeiten, ihre neue Rolle in der parlamentarischen Demokratie auszufüllen.416 Statt des Dualismus von Liberalen und Konservativen dominierte in der Nationalversammlung z.B. die „Weimarer Koalition“ aus SPD, Zentrum und Linksliberalen (DDP), die sich bisher in struktureller Opposition befunden hatten. Außerdem herrschte die Vorstellung vor, der Staat stehe über den Parteien. Regieren und der interessenpolitische Ausgleich zwischen den Parteien mussten erst erlernt werden. Andreas Wirsching bemerkt eine gewisse Scheu, praktisch-politische Verantwortung zu übernehmen, zumal die Wählerinnen und Wähler die Regierungsbeteiligung ihrer Partei zumeist nicht honorierten.417

Ein weiteres Charakteristikum in der Weimarer Zeit war die Spaltung aller politischen Hauptströmungen. Entweder fand diese bereits während des Krieges (SPD in MSPD und USPD) oder 1919 statt (Gründung der KPD; DDP und DVP entstanden aus der Spaltung des Liberalismus). Von der katholischen Zentrumspartei separierte sich die Bayerische Volkspartei (BVP). 1922 erfolgte im bisherigen Sammelbecken aller konservativen und reaktionären Kräfte, der DNVP, die Abspaltung der Völkischen (Deutschvölkische Freiheitspartei, DvFP). Die Parteienzersplitterungen sowie die separierten Milieus erschwerten es, parlamentarische Mehrheiten zu finden.

Allein die NSDAP schaffte es nach ihrer Neugründung 1925 bzw....

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