Show Less
Restricted access

Ungarndeutsche Literatur

Neue Perspektiven?

Series:

Erika Regner

Die sogenannte ungarndeutsche Literatur ist ein schwer zu handhabendes Phänomen, da ihre Bedeutung – wie oft bei deutschsprachiger Literatur außerhalb des deutschen Sprachraums – weit über ihre rein literarische hinausgeht. Der Band wirft einen zeitgenössischen Blick auf diese Literatur und zeigt so die Ursachen und Gefahren der Diskrepanz auf. Die jüngste Generation ungarndeutscher Schriftsteller, die seit 2000 publiziert und bisher kaum literaturwissenschaftliche Beachtung fand, bildet den Ausgangspunkt: Ihr Schaffen wird gemeinsam mit dem ungarndeutschen Literaturbetrieb analysiert und theoretisch kontextualisiert. Dies gibt Aufschluss über die besondere Situation der deutschsprachigen Minderheit in Ungarn hinsichtlich Sprachgebrauch, Schulbildung und Identitätskonstruktion.
Show Summary Details
Restricted access

7. Überlegungen zur Minderheitenliteratur

Extract

7. Überlegungen zur Minderheitenliteratur

Die exemplarische Studie von Gilles Deleuze und Félix Guattari: „Kafka. Pour une littérature mineure“ (1976) bietet einen guten Ausgangspunkt für einige Überlegungen zur Minderheitenliteratur. Interessanterweise steht im Mittelpunkt dieser Studie mit Franz Kafka jedoch ein Autor, der, obwohl er der deutschsprachigen Minderheit Prags angehörte, fester Bestandteil des deutschsprachigen Literaturkanons ist, was, wenn man die Rezeption der meisten Verfasser deutschsprachiger Minderheitenliteratur betrachtet, eine der wenigen Ausnahmen darstellt.

Das französische mineur ist im Kontext von Deleuzes und Guattaris Studie nicht als klein im Sinne von minder oder gar minderjährig zu verstehen, sondern es „meint einen bestimmten Standpunkt zu haben, einen bestimmten Ort des Sprechens, von dem aus Literatur produziert wird. Deleuze weist dem literarischen Sprechen den Ort des Kleinen, den Ort derer, die eine Minderheit bilden, zu.“135 Paola Bozzi, die sich mit dem Werk der rumäniendeutschen Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller beschäftigt hat, führt aus:

„Ihrer Definition nach ist eine kleine oder mindere Literatur („littérature mineure“) „nicht die Literatur einer kleinen Sprache, sondern die einer Minderheit, die sich einer großen Sprache bedient“ und sich somit ganz anderen Voraussetzungen und Bedingungen stellt. Die drei von Deleuze und Guattari beschriebenen Merkmale einer kleinen Literatur sind: ihr sprachlicher Deterritorialisierungskoeffizient, der aus der Benutzung einer Sprache außerhalb ihres eigentlich, vitalen Sprachraumes entsteht; der hohe Grad ihres politischen Charakters, da durch den Druck der Enge der individuelle Ort in den Raum des Öffentlichen, des...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.